DIW-Experte Fratzscher: Nach Boomer-Soli nun Pflichtdienst-Forderung für Rentner
VonLennart Schwenck
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Rentner sollen einen Pflichtdienst absolvieren, fordert DIW-Wirtschaftsexperte Fratzscher. Die Babyboomer-Generation trage eine Mitschuld an den aktuellen Krisen.
Berlin – Mit einem radikalen Vorschlag sorgt Marcel Fratzscher für heftige Diskussionen: Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) will alle Rentner zu einem sozialen Jahr verpflichten. Im Gespräch mit Spiegel Online begründete der renommierte Ökonom seine Forderung mit mangelnder Solidarität zwischen den Generationen.
„Die ältere Generation muss sich stärker einbringen, beispielsweise im Sozialbereich, aber auch bei der Verteidigung“, erklärte Fratzscher Spiegel Online. Gesundheitliche Einschränkungen könnten dabei berücksichtigt werden, ähnlich wie bei jungen Menschen im Wehrdienst. Der DIW-Präsident sieht vor allem in den Fähigkeiten ehemaliger Soldaten großes Potenzial. „Warum sollten wir die nicht nutzen, gerade von Leuten, die früher bei der Bundeswehr ausgebildet wurden?“, fragte Fratzscher im Interview mit Spiegel Online. Technische Kompetenzen seien besonders gefragt.
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Harte Abrechnung mit den Babyboomern: Ältere Generation muss Verantwortung übernehmen
Unterstützung erhält Fratzscher vom Generationenforscher Klaus Hurrelmann. Der 81-Jährige hatte bereits im Juli gegenüber Spiegel Online einen sozialen Pflichtdienst für Senioren „am Ende ihres Arbeitslebens“ gefordert. Alle Generationen sollten gesellschaftliche Aufgaben wie die Verteidigungsfähigkeit mittragen. Fratzscher rechnet schonungslos mit der älteren Generation ab. „Zu viel Ignoranz, Selbstbezogenheit und Naivität. Wir wollen zu lange schon die Realität nicht sehen“, warf er den Babyboomern vor.
Besonders die Sicherheitspolitik nach 1989 kritisierte er scharf: „So haben wir nach dem Ende des Kalten Krieges gedacht, wir müssten uns nie mehr verteidigen – und haben die Friedensdividende verfrühstückt.“ Die Rechnung komme nun: „Deshalb müssen wir jetzt über fünf Prozent Verteidigungsausgaben reden, um die Schäden zu beheben, die in 35 Jahren entstanden sind“, sagte Fratzscher gegenüber Spiegel Online. Auch beim Klimaschutz hätten die Älteren versagt: „Wir wissen seit Jahrzehnten, auf welchem explosiven Pfad wir sind.“
DIW-Chef Marcel Fratzscher will Rentner zum Pflichtdienst verpflichten: „Die ältere Generation muss sich stärker einbringen, beispielsweise im Sozialbereich, aber auch bei der Verteidigung.“
Rentensystem vor dem Kollaps: Über die Hälfte des Einkommens für Sozialabgaben
Besonders drastisch wird die Situation beim demografischen Wandel. Die Babyboomer hätten „viel zu wenige Kinder bekommen“, kritisierte Fratzscher. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: „In den Sechzigerjahren versorgten sechs Beitragszahler eine Rentnerin oder einen Rentner. Bald sind es nur noch zwei.“ Diese Schieflage empört den Wirtschaftsexperten: „Wieso sollten ausschließlich die Jungen für diese Lebensentscheidungen der Babyboomer geradestehen? Die Boomer selbst verweigern sich seit 20 Jahren dieser Verantwortung“, sagte er.
Wie dramatisch die Lage tatsächlich ist, zeigt eine aktuelle Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP). Professor Martin Werding vom Sachverständigenrat prognostiziert einen Anstieg der Sozialversicherungsbeiträge auf 47,5 Prozent bis 2035 und sogar 52,9 Prozent bis 2050. Die Ungerechtigkeit zwischen den Generationen wird in konkreten Zahlen sichtbar: Menschen, die 2020 geboren wurden, müssen 55,6 Prozent ihres Erwerbseinkommens für Sozialabgaben aufbringen – insgesamt 904.000 Euro. Der Jahrgang 1960 zahlt dagegen nur 39,4 Prozent oder 640.000 Euro. „Wenn künftige Erwerbstätige über die Hälfte ihres Einkommens für Sozialbeiträge aufbringen müssen, ist das kein tragfähiger Generationenvertrag mehr“, warnte WIP-Institutsleiter Dr. Frank Wild.
Als Lösung fordert Fratzscher einen Paradigmenwechsel: „Wir brauchen mehr Solidarität der Alten mit den Jungen“, appellierte er. Ein neuer Generationenvertrag müsse die Last für junge Menschen tragfähig halten. Der Pflichtdienst-Vorschlag ist nicht Fratzschers erste kontroverse Idee. Bereits im Juli hatte das DIW einen „Boomer-Soli“ ins Spiel gebracht – eine Sonderabgabe auf hohe Alterseinkünfte zur Stabilisierung des Rentensystems. Einkommensschwache Rentner sollten davon profitieren, das Armutsrisiko im Alter reduziert werden. Beide Vorschläge stoßen schon jetzt in der Gesellschaft auf erheblichen Widerstand und sorgen dafür, die Debatte über Generationengerechtigkeit weiter anzuheizen. (ls/dpa)