Konjunktur

Deutsche Wirtschaft leidet: Ist ein Ende der Krise in Sicht?

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Die deutsche Wirtschaft ist in einer schweren Krise. Trotzdem könnte es 2025 aufwärts gehen. Wachstumsmotor ist der private Konsum und auch der Staat wird eine wichtige Rolle spielen.

Die deutsche Konjunktur bricht derzeit Nachkriegsrekorde: Zum ersten Mal schrumpft die Wirtschaftsleistung zwei Jahre hintereinander. 2024 ist sie voraussichtlich auf den Stand von 2019 gefallen – es ist die längste Stagnationsphase der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wie geht es 2025 weiter? Gerade wegen geopolitischer Spannungen und drohender Handelskriege ist die Unsicherheit groß. Eines scheint aber sicher: Der nächste Bundeskanzler wird in einem Jahr stolz auf eine wirtschaftliche Erholung verweisen können. Denn die prognostizieren bereits alle großen Forschungsinstitute, unabhängig davon, wer die Bundestagswahl gewinnt. Wachstumsstützen sind der private Konsum und die Staatsausgaben – letztere hängen allerdings stark von einer Reform der Schuldenbremse ab.

Was sind die bisherigen Schwierigkeiten der deutschen Wirtschaft?

Die Probleme: Nach einem Minus im vergangenen Jahr dürfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auch 2024 leicht gesunken sein. Zwar werden derzeit von der Politik die Bürokratie und die hohen Energiekosten als Hauptprobleme ausgemacht. Laut Umfrage des Ifo-Instituts aber leiden die deutschen Unternehmen vor allem unter einem: mangelnde Nachfrage. „Wir sehen einen kritischen Mix aus konjunktureller Flaute und strukturellen Problemen“, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Zu den „strukturellen Problemen“ gehören insbesondere die Megatrends Digitalisierung, Dekarbonisierung, Demografie und Deglobalisierung. Sie „erfordern einen Umbau der Produktions-strukturen, bei dem etablierte Geschäftsmodelle verschwinden und neue Produktionskapazitäten entstehen“, erklärt das Ifo-Institut. Vor allem China habe bei der Produktion wichtiger Technologien, insbesondere im Fahrzeug- und Maschinenbau, aufgeholt und sich von der verlängerten Werkbank der Welt zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten entwickelt. In der Folge verlieren deutsche Unternehmen Weltmarktanteile bei Produkten, bei denen sie jahrzehntelang Marktführer waren.

Für 2025 rechnen Fachleute mit einem Wirtschaftswachstum in Deutschland – aber mit Vorsicht

Die Aussichten: Ausgangspunkt ist also ein Weltmarkt, auf dem gerade in deutschen Paradeindustrien eine gewisse Überfülle an Angebot herrscht – bemerkbar macht sich dies an chinesischen „Überkapazitäten“, an unausgelasteten Werken in Deutschland, an Preiskriegen und Deflation, die anzeigen, dass die Firmen mit sinkenden Preisen um Marktanteile kämpfen.

Trendwende?

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger sieht Chancen auf eine wirtschaftliche Trendwende in Deutschland. Dafür müsse die neue Bundesregierung schnell handeln, sagte Dulger. Es brauche „Veränderungen in den sozialen Sicherungssystemen“. Überflüssige Bürokratie gehöre ausgesetzt und dann endgültig abgeschafft. „Das würde zum Nulltarif ein nicht unerhebliches Wirtschaftswachstum auslösen.“

Deutschland brauche einen Politikwechsel in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, sagte Dulger. „Eine neue Regierung hat zunächst einmal die Chance auf einen Stimmungswechsel in der Bevölkerung und in den Unternehmen. Der psychologische Anteil ist nicht zu unterschätzen. Dem möglichen Zauber eines Wechsels müssen aber rasch Taten folgen.“

Auch der Handelsverband Deutschland (HDE) hofft auf die Bundestagswahl. Sie könne „wie ein Sektkorken wirken“, sagte HDE-Präsident Alexander von Preen. „Wenn wir wieder Rahmenbedingungen haben, wo die Menschen sagen: ‚Jawohl, jetzt geht es in eine Richtung, jetzt sehen wir, wohin man will‘, dann wird das eine total befreiende Situation sein und extrem viel Dynamik in den Markt bringen“, sagte der HDE-Präsident. dpa

Dennoch gehen Volkswirte davon aus, dass es im neuen Jahr mit der deutschen Wirtschaftsleistung etwas bergauf gehen wird. So prognostiziert die Deutsche Bank ein BIP-Plus von 0,5 Prozent 2025 und von 1,0 Prozent im Folgejahr. Das DIW sieht dieses Jahr bereits ein Wachstum von 1,2 Prozent. Das Ifo-Institut gibt sich vorsichtig: Aktuell seien „wirtschaftliche Analysen mit einer hohen Diagnoseunsicherheit behaftet“. Denn aus der Veränderung wirtschaftlicher Kennzahlen lasse sich nicht unmittelbar ablesen, ob es sich um vorübergehende und damit konjunkturelle Schwankungen handele oder um eine dauerhafte Neuausrichtung der Produktionskapazitäten und damit um eine strukturelle Anpassung.

Viele deutsche Unternehmen sind abhängig vom Exportgeschäft.

In einem Basisszenario geht das Ifo daher davon aus, dass die schwache Entwicklung der vergangenen Jahre vor allem strukturell bedingt war und vorerst anhält. Das BIP werde daher nur um 0,4 (2025) und 0,8 Prozent (2026) zulegen. Im optimistischeren Alternativszenario erholen sich Industrie und Export, der private Konsum gewinnt an Schwung. Das bringt ein Wachstum von 1,1 Prozent im nächsten Jahr und von 1,6 Prozent 2026.

Unsichere Lage auf dem Weltmarkt – privater Konsum könnte Wachstumsmotor Deutschlands werden

Die Wachstumstreiber: Da Deutschland rund die Hälfte seiner Wirtschaftsleistung exportiert, ist der Weltmarkt von entscheidender Bedeutung. Und da sieht es zunächst eigentlich gut aus. Denn die Weltwirtschaft zieht ordentlich an, angetrieben von den USA. Gleichzeitig allerdings wird das Klima rauer, die USA drohen mit Zöllen, der Weltmarkt fragmentiert sich zusehends. Angesichts der US-Abschottung wird China voraussichtlich seine Exporte in Richtung Europa lenken, was der deutschen Wirtschaft zusätzliche Konkurrenz bescheren würde. Es drohe ein weiterer „Handelsschock“, so die Deutsche Bank. „Die Zeiten des exportgetriebenen Wachstums sind erst einmal vorüber.“ Vor diesem Hintergrund dürften sich die Unternehmen mit Investitionen zurückhalten – neue Anlagen und Werke sind unnötig in Zeiten, in denen die Produktionskapazitäten ohnehin nicht ausgelastet sind.

Damit bleibt nur ein Wachstumsmotor: der Konsum von privaten Haushalten und Staat, der die Konjunktur in nächster Zeit tragen wird. Der private Konsum wird zwar perspektivisch belastet durch eine steigende Arbeitslosigkeit, die laut Ifo im nächsten Jahr von jahresdurchschnittlich 6,0 auf 6,2 Prozent zulegen dürfte. Gleichzeitig aber haben die Haushalte im Durchschnitt noch hohe Ersparnisse. Zudem legen die Tariflöhne um 2,6 bis 2,8 Prozent zu, was echte Kaufkraftsteigerung bedeutet, da die Inflation auf 2,0 Prozent sinkt. Allerdings: „Das reale Lohnwachstum lässt schrittweise nach, das Fenster zu einem konsumgetriebenen Wachstum schließt sich langsam schon wieder“, mahnt die Deutsche Bank.

Staatliche Ausgaben werden 2025 zur „Schlüsselfrage“

Auch der Staat wird zum Wachstum beitragen. „Der öffentliche Konsum entwickelt sich im gesamten Prognosezeitraum solide und gibt der Wirtschaft Auftrieb“, so das DIW, „auch wenn nach dem Ampel-Aus erst einmal ein Bundeshaushalt für 2025 und neue finanzpolitische Impulse fehlen.“ Von dieser Seite – und nur von ihr – ist laut Deutscher Bank auch eine positive Überraschung möglich. „Die Schlüsselfrage ist, ob die nächste Regierung sich auf eine Reform der Schuldenbremse verständigen“, so die Ökonomen, „und ob sie die dafür nötige Zwei-Drittel-Mehrheit organisieren kann.“ Eine wichtige Frage sei, ob die FDP – die gegen eine Reform der Schuldenbremse ist – es in den Bundestag schaffte. „Gelingt es ihr“, so die Bank, „wäre die Aussicht auf eine Reform stark gemindert“ – und damit die Aussicht auf eine positive Wachstumsüberraschung.

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