- VonMax Schäferschließen
Merz und seine Regierung wollen Bürgergeld-Empfänger schneller in Arbeit bringen, statt sie zuerst zu qualifizieren. Eine Analyse zeigt nun, dass das der falsche Weg sein könnte.
Nürnberg – Die neue Regierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) will die neue Grundsicherung anstelle des Bürgergelds schaffen. Ziel ist eine möglichst schnelle Aufnahme einer Arbeit. Die Leistungsempfänger sollen noch stärker dazu gedrängt werden, eine Arbeit anzunehmen. Zentrales Mittel ist die Androhung, die Leistungen „vollständig“ einzustellen. Eine neue Studie wirft jedoch Zweifel an dieser Priorisierung in der Grundsicherung auf.
Bürgergeld-Reform: Nicht nur „kurzfristig“ Arbeitsaufnahme als Ziel, sondern Stabilität
„Arbeitsmarktpolitisch“ sollte „nicht nur kurzfristig die Aufnahme einer Beschäftigung, sondern auch Beschäftigungsstabilität gefördert werden“, erklären Forscher vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „Vor allem Personen mit geringer oder mehr oder weniger veralteter Berufserfahrung, mit niedrigem Bildungsstand oder höherem Alter benötigen tendenziell Unterstützung bei der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit, zum Beispiel durch Qualifizierung.“ Für diese Personen könne die Aufnahme einer atypischen Beschäftigung hilfreich sein, um Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden.
Das ist das Ergebnis einer Analyse zu den Erwerbsverläufen von Personen, die zwischen 2012 und 2015 in die Arbeitslosigkeit gerutscht sind. Die IAB-Forscher hatten die Karrieren über einen Zeitraum von vier Jahren untersucht. Demnach schafften 80 Prozent den Wechsel in eine Beschäftigung zumindest vorübergehend. Mehr als die Hälfte wurde jedoch erneut arbeitslos.
Bürgergeld in der Kritik: Viele ehemalige Grundsicherung-Bezieher landen nur in prekären Jobs
Fast zwei Drittel landete nach dem Ende der Arbeitslosigkeit in prekären Arbeitsverhältnissen. Das schließt geringfügige Beschäftigungen wie Mini- und Midijobs ein sowie Leiharbeit, aber auch Teilzeit und befristete Anstellungen. Lediglich elf Prozent schafften es, konstant über den Zeitraum in einer regulären, also unbefristeten Vollzeitbeschäftigung zu landen. Nur knapp 20 Prozent hatten nach Ablauf der vier Jahre eine solche Stelle. Bei den zwischenzeitlich prekär Beschäftigten lag der Anteil bei lediglich fünf und 16 Prozent – je nach Art der atypischen Beschäftigung.
Bei den Grundsicherung-Empfängern war der Anteil besonders gering. Nur 2,5 Prozent waren überwiegend in einer regulären Vollzeitbeschäftigung. 3,3 Prozent hatten immerhin befristete Verträge. Bei 20,5 Prozent war die Laufbahn von wiederkehrender Arbeitslosigkeit geprägt, 8,2 Prozent waren überwiegend in geringfügiger Beschäftigung. Sie bleiben damit weiterhin von Sozialleistungen wie Wohngeld ab – oder verlassen das Bürgergeld als Aufstocker gar nicht erst. Über 840.000 Empfänger arbeiten derzeit, verdienen jedoch so wenig, dass sie auf die Leistung angewiesen bleiben.
| Verlaufstyp der Beschäftigung | Grundsicherung für Arbeitsuchende |
|---|---|
| Reguläre Vollzeitbeschäftigung | 2,5 % |
| Befristete Beschäftigung | 3,3 % |
| Teilzeit | 7,5 % |
| Leiharbeit | 3,8 % |
| Geringfügige Beschäftigung | 8,2 % |
| Dynamische reguläre Vollzeit | 5,1 % |
| Dynamische befristete Beschäftigung | 10,3 % |
| Wiederkehrende Arbeitslosigkeit | 20,5 % |
| Langzeitarbeitslosigkeit | 17,1 % |
| Keine Information | 21,7 % |
| Quelle: IAB |
Angesichts des geringen Anteils derer, die nach den vier Jahren einer unbefristeten Vollzeitbeschäftigung nachgingen, erscheine „das Potenzial für Brückeneffekte von atypischer Beschäftigung“ eher begrenzt zu sein, folgern die Arbeitsmarktforscher aus den Erkenntnissen.
Qualifizierung für Grundsicherung-Empfänger für stabile Arbeitsverhältnisse entscheidend
Laut den Forschern spielen die individuellen Merkmale eine Rolle für deren Karriere. Eine atypische Beschäftigung sei zwar nicht auf Personen mit ungünstigen Merkmalen beschränkt. Dennoch hätten Beschäftigte mit einer regulären Vollzeitstelle tendenziell mehr Arbeitsmarkterfahrung und eine höhere Qualifikation als atypisch Beschäftigte. Die wiederum haben laut der IAB-Analyse mehr Erfahrung und eine höhere Qualifikation als diejenigen, die weiterhin arbeitslos bleiben.
Das IAB zeigt damit – mitten in der Bürgergeld-Debatte – die Bedeutung von Qualifizierung für eine langfristige, also nachhaltige Arbeitsaufnahme durch die Bezieher der Grundsicherung. Atypische Beschäftigung könne dabei wichtige Funktionen von Arbeit erfüllen, wie Verhinderung von Armut und Altersarmut und die Förderung von sozialer Teilhabe.
IAB-Forscher raten zu Betreuung auch über den Grundsicherung-Bezug hinaus
„Der Wechsel in qualitativ bessere und stabilere Beschäftigungsverhältnisse ist jedoch kein Selbstläufer“, erklären die Forscher. „Die Arbeitsverwaltung sollte die Betroffenen daher bereits während der atypischen Beschäftigung bei der Suche nach anderen Jobs oder bei entsprechenden Qualifizierungsmaßnahmen unterstützen.“
Auch Fachleute in den Jobcentern betonen immer wieder die Bedeutung von Qualifizierung. Dagmar Brendel, Geschäftsführerin des Jobcenters in Berlin-Neukölln, hofft deshalb etwa, dass auch in der neuen Grundsicherung Qualifizierungsmöglichkeiten bestehen. Dagegen hält sie Sanktionen nicht für die „vorrangige Aufgabe“. Immerhin hat auch Arbeitsministerin Bärbel Bas eine bessere Vermittlung in Arbeit als ihre Priorität genannt. Dennoch will auch die neue SPD-Arbeitsministerin Sanktionen „anschärfen“.
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