Einzelhandel

Ladensterben: Immer mehr traditionsreiche Geschäfte geben auf – Handelsverband sieht „dramatischen Niedergang“

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Geschäftsaufgabe: Immer mehr traditionsreiche Einzelhändler müssen für immer schließen.
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Viele Jahrzehnte haben Fachhändler die Straßenzeilen in den Innenstädten geprägt. Doch wegen Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg und der Inflation kämpfen immer mehr Betriebe ums Überleben.

München – In den deutschen Innenstädten müssen immer mehr traditionsreiche, kleine und mittelständische Geschäfte schließen. Das geht aus aktuellen Daten des Branchenverbands HDE hervor, die IPPEN.MEDIA vorliegen. Danach ist der Umsatz-Anteil der selbständigen Fachhändler im vergangenen Jahr auf 13,3 Prozent geschrumpft nach 13,9 Prozent im Jahr zuvor. In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Anteil des sogenannten „nicht-filialisierten Fachhandels“ – also der klassischen, häufig inhabergeführten Fachgeschäfte wie Herrenausstatter, Schuhhäuser oder Schreibwarenhändler – damit mehr als halbiert. 

„Wir beobachten insbesondere bei kleineren Handelsunternehmen einen teils dramatischen Niedergang“, erklärte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stefan Genth, auf Anfrage. Besonders in Klein- und Mittelstädten seien „über Generationen familiengeführte Betriebe in akuter Gefahr“. Im laufenden Jahr könnte der Anteil des Fachhandels erstmals seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2002 unter die Marke von 13 Prozent fallen, sagte Genth. 

Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands: Stefan Genth.

Innenstädte: Große Handelsketten breiten sich weiter aus

Gleichzeitig breiten sich Drogeriemärkte, Bekleidungshändler und andere große Handelsketten in den Innenstädten weiter aus. Damit schreitet die Konzentration im deutschen Handel voran. So stieg der Umsatzanteil der Fachhandelsfilialisten wie etwa H&M, Douglas oder Deichmann zwischen 2002 und 2022 um 2,8 Prozentpunkte auf 14,9 Prozent, bei Fachmarkt-Ketten (u.a. Mediamarkt/Saturn, Obi, dm, Decathlon) ging es im selben Zeitraum um 3,1 Punkte auf 16,6 Prozent nach oben, Discounter (z.B. Aldi, Lidl, Penny) legten um 3,9 Prozentpunkte auf 15,6 Prozent zu. 

Den größten Sprung verbuchte aber der Onlinehandel (Amazon, Zalando, Home24). Er vereinigt inzwischen 6,5 Prozent des gesamten Handelsumsatzes (ohne Kfz, Tankstellen, Brennstoffe oder Apotheken) von zuletzt gut 631 Milliarden Euro auf sich. Am Beginn des Siegeszugs von Amazon und Co. vor gut 20 Jahren hatte es gerade für 0,5 Prozent gereicht (siehe Grafik).

Deutscher Einzelhandel nach Vertriebsform: Seit 2022 hat sich der Umsatz-Anteil des klassischen Einzelhandels praktisch halbiert.

HDE: 50.000 Jobs stehen auf dem Spiel

Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung sagte Genth, der Einzelhandel stehe „vielerorts vor großen Herausforderungen“. Nach den Lockdowns wegen der Corona-Pandemie hätten sich der Ukraine-Krieg und die hohe Inflation „negativ auf die Konsumstimmung“ ausgewirkt. Das Käuferverhalten habe sich dadurch „massiv verändert“. Alleine im ersten Halbjahr 2023 setzte die Branche inflationsbereinigt 4,5 Prozent weniger um. 

Angesichts der anhaltenden Kaufzurückhaltung kämpfen immer mehr Betriebe ums Überleben. Besonders dramatisch sei die Lage für die kleineren, häufig traditionsreichen Betriebe, sagte Genth. Wegen der Krisen der vergangenen Jahre sei das Eigenkapital vielfach aufgezehrt, Investitionen daher oft nicht mehr möglich. Insgesamt dürften im laufenden Jahr „9000 Geschäfte“ schließen. Damit stünden laut Genth „bis zu 50.000 Stellen“ auf dem Spiel. Wegen der immer schwierigeren Lage und der steigenden Leerstände in den Innenstädten müssten „jetzt alle Alarmglocken schrillen“, sagte Genth. Der Standort Innenstadt benötige „schnelle und entschlossene Hilfe“. 

Neben einer Gründungsoffensive forderte Genth, das jüngst überraschend verschobene „Wachstumschancengesetz“ zu erweitern und künftig auch Investitionen in die Digitalisierung staatlich zu fördern. Dies könne über Zuschüsse oder Steueranreize geschehen. Der Gesetzentwurf von Finanzminister Christian Lindner (FDP) zur milliardenschweren Steuersenkung für Unternehmen sollte eigentlich am vergangenen Mittwoch im Bundeskabinett verabschiedet werden, scheiterte jedoch kurzfristig am Widerstand von Familienministerin Lisa Paus (Grüne). Paus verweigerte ihre Zustimmung wegen des ungeklärten Streits um die Kindergrundsicherung. Jetzt soll der Entwurf auf der geplanten Kabinettsklausur Ende August in Meseberg verabschiedet werden. 

HDE drängt auf Senkung der Stromsteuer: Geplanter Strompreis „Irrweg“

Zugleich kritisierte Genth die Pläne von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zur Einführung eines Industriestrompreises. Eine „einseitige Subvention nur für energieintensive Industrien ist ein Irrweg“. Die gesamte Wirtschaft brauche bezahlbare Strompreise. Um die Unternehmen zu entlasten, sprach sich der HDE-Chef stattdessen für eine Senkung der Stromsteuer auf das EU-Minimum aus. Aktuell kassiert der deutsche Fiskus eine Stromsteuer von 2,05 Cent je Kilowattstunde (kWh). Die EU-Mindestvorgabe für Unternehmen liegt bei 0,05 Cent je kWh, für private Haushalte schreibt Brüssel einen Mindeststeuersatz von 0,1 Prozent je Kilowattstunde vor. (utz)

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