Elektro-CEO von Verbrenner-Debatte erschrocken: „Ist das Schlimmste, was der Industrie passieren kann“
VonLeon Fasse
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Die IAA in München läutet eine neue Runde in der Debatte über die Zukunft des EU-Verbrenner-Aus ein. Michael Halbherr, CEO bei ABB E-mobility, einem großen Ladeinfrastruktur-Hersteller, sieht im Interview Risiken.
München – Es war ein Paukenschlag zu Beginn der IAA Mobility in München: Nachdem Ministerpräsident Markus Söder schon seit längerem gegen das EU-Verbrenner-Aus 2035 protestiert hatte, zog Bundeskanzler Friedrich Merz zumindest etwas nach und sprach sich unter anderem für mehr „Technologieoffenheit“ aus. Zugleich munkelt man im politischen Berlin, Förderungen für E-Mobilität könnten schon bald von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche gekürzt werden. Dafür hat Michael Halbherr, CEO eines der größten Ladeinfrastruktur-Herstellers der Welt, wenig Verständnis. Im Interview redet er Klartext und beschreibt, was die Branche jetzt viel mehr von Merz bräuchte – und warum Deutschland ein Mentalitätsproblem habe.
Herr Halbherr, Friedrich Merz bekannte sich zum Start der IAA zum Begriff „Technologieoffenheit“ und wünschte sich mehr Flexibilität bei der Mobilitätswende. Aus verschiedensten Ecken der Politik wird zudem gefordert, das EU-Verbrennerverbot ab 2035 zu kippen, auch Förderungen für E-Mobilität stehen auf dem Prüfstand. Droht die E-Mobilität gerade zurückzufallen?
Lassen Sie es mich so deutlich sagen: Dieses Hü-Hott, das wir gerade erleben, ist das schlimmste, was der Industrie passieren kann. Mir geht es da weniger um die konkreten Maßnahmen an sich, aber wenn ich mich als Industrieller auf staatliche Förderungen einstelle, muss ich mich darauf verlassen können, dass sie für gewisse Zeit Bestand haben. Diese kontinuierlichen Änderungen – ich weiß nicht, ob die Politik versteht, was das für eine Wirtschaft bedeutet.
CEO wird deutlich: „Politikern fehlt teilweise Erfahrung in der Wirtschaft“
Was bedeutet es denn?
Für uns wäre es fatal, wenn in Deutschland von einem Tag auf den anderen Subventionen gekürzt werden würden. Nicht, dass wir die zwingend benötigen – aber wir haben uns schlicht darauf eingestellt. Fällt das plötzlich weg, würde uns das hart treffen. Deshalb kann ich diese Unklarheit der Politik gerade nicht verstehen. Man sieht, dass bei den Politikern zu oft die Erfahrung in der Wirtschaft fehlt. In anderen Ländern läuft das ganz klar besser.
Das ist ABB E-mobility
ABB E-mobility, eine Tochter des Schweizer Industriekonzerns ABB, zählt zu den führenden Ladeinfrastruktur-Anbietern der Welt. Mit über einer Million ausgelieferten Geräten ist die Firma in Europa, Nordamerika und zunehmend auch in Asien präsent. Das Sortiment reicht von Wallboxen für zu Hause bis zu Heavy-Duty-Chargern für Trucks oder Busse.
Welche meinen Sie da?
Schauen wir in die USA. Dort haben wir mittlerweile Privatunternehmen, die Raketen ins Weltall schießen. Das schaffen die, weil der amerikanische Staat und die NASA klar die Rahmenbedingungen und die Anforderungen vorgegeben haben. Ohne die könnten Firmen und Kapitalgeber solche Mega-Investitionen gar nicht machen. Bei uns ist das anders, spätestens mit jeder Wahl ändern sich die Vorgaben und Richtlinien. Und das ist ein riesiger Bremsklotz.
Halbherr klar: Das E-Auto ist besser als der Verbrenner – zu 100 Prozent
Wie stehen Sie denn zum Begriff „Technologieoffenheit“?
Grundsätzlich positiv. Wir müssen Technologie-offen sein, und Verbote sind sowieso selten gut. Wenn die Politik eine solch gravierende Entscheidung trifft, greift sie meist zeitverzögert, und die Realität ist dann schon wieder eine andere. Aber wir müssen bei der Bewertung der Technologie fair bleiben. Ein Verbrenner-Auto hat beispielsweise eine Energieeffizienz von rund 30 Prozent. Beim E-Auto sind es über 80 Prozent – ein riesiger Vorteil. Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass das E-Auto besser ist als der Verbrenner, deshalb wird es sich auf lange Sicht durchsetzen.
Trotzdem laufen gerade die Debatten über das Verbrenner-Aus, die Förderungen und mehr. Was stört Sie daran am Meisten?
Uns stört vor allem das Signal, das zurzeit von diesen Debatten ausgesendet wird, denn dabei wird immer auch die E-Mobilität selbst in Zweifel gezogen. Wir sind gerade an einem Punkt, wo die Technologie konsequent unterschätzt wird. Vor ein paar Jahren, nach Covid, da haben wir sie überschätzt, dachten, wir retten jetzt alle im Handumdrehen den Planeten – das war auch nicht gut. Wenn ich aber heute die Nachrichten lese, sehe ich nur, wie alles heruntergeschrieben wird. Die Realität ist anders: Gut gemanagte Ladeinfrastruktur verdient gutes Geld, die Technologie hat sich stabilisiert, ist zuverlässiger und macht noch immer große Fortschritte.
Welche Fortschritte wird die E-Mobilität denn in den nächsten Jahren machen, und was für Auswirkungen hat das auf die Ladeinfrastruktur?
Zum einen wird die Leistungsfähigkeit der E-Autos sowie der Ladestationen immer weiter ansteigen. Die Batterien werden wachsen, die Autos schneller und mehr laden können – und unsere Ladestationen sowie die Stromnetze müssen da mithalten können. Das wird eine Herausforderung, und zwar auf Jahre. Zum anderen wird es darum gehen müssen, das Laden in den alltäglichen Ablauf zu integrieren.
Wie kann das funktionieren?
Wir müssen uns anschauen, wo und wie die Menschen im Alltag ihr Auto laden. Davon hängt auch ab, welche Art von Ladestation an einem Ort angeschlossen werden sollte. Wenn zum Beispiel auf einem Parkplatz vor einem Einkaufszentrum Ladestationen errichtet werden sollen, reicht es meist völlig aus, dort vergleichsweise günstige Anschlüsse mit rund 50 KW zu installieren. Mit diesen lädt das Auto vereinfacht gesagt in ungefähr einer halben Stunde für rund 100 Kilometer. Diese Zeit braucht der Konsument aber ohnehin, um seine Einkäufe zu erledigen – und wenn er in der Stadt oder der Umgebung lebt, kann diese Distanz oft ausreichen, um zum Beispiel durch die Woche zu kommen.
„Sollte allen bewusst sein“: Halbherr mit überraschendem Appell an die Politik
Zurück zu Friedrich Merz. Was würden Sie sich zurzeit am meisten von der neuen Bundesregierung und der ebenfalls recht frischen EU-Kommission wünschen?
Zum einen ist das Thema Energie ein ganz wichtiges. Wir müssen sicherstellen, dass immer genug günstige Energie vorhanden ist, es zu keinen Engpässen kommt. Das ist ganz essenziell, und ich bin mir leider nicht sicher, ob das bei allen wirklich angekommen ist. Denn gerade, wenn jetzt auch die Busse, Trucks und Schwertransporter elektrifiziert werden, werden wir Massen an Energie benötigen, auch dann, wenn Sonne und Wind nicht mitspielen. Wir brauchen insgesamt mehr zuverlässige Energie, und sollte Gesellschaft und Politik bewusst sein.
Und zum anderen?
Bürokratieabbau. Es wird oft angesprochen, aber es tut sich einfach zu wenig. Ein Beispiel: Wenn uns jemand ein Kabel klaut und wir dieses ersetzen, muss das Kabel oder gar die ganze Station neu geeicht werden. Das bedeutet, dass allen Ernstes jemand vom Amt vorbeikommen muss, um die gesamte Station aufs Neue zu überprüfen. Da vergehen nicht nur Tage, sondern wirklich Monate, bis das passiert ist, und in der Zeit steht die Station unbenutzt herum. Auch Genehmigungen und andere Dinge dauern in Deutschland einfach zu lange.
Wir brauchen insgesamt mehr zuverlässige Energie, und sollte Gesellschaft und Politik bewusst sein.
Verlassen wir Deutschland und schauen auf die Welt. In den USA regiert mittlerweile wieder Donald Trump, der mit seiner Zollpolitik dem Welthandel und vielen europäischen Industriezweigen Kopfschmerzen bereitet. Wie wirkt sich das bislang auf Ihr Geschäft und die Mobilitätswende als Ganzes aus?
Bislang hält sich das in Grenzen, auch, weil wir schon seit längerem neben unseren Europa-Standorten ein Werk in den USA betreiben. Dennoch gefallen uns diese Zölle natürlich nicht. Sie treiben Kosten und Preise hoch und bringen weitere Unsicherheit.
„Mit einer Vier-Tage-Woche halten wir nicht mit China mit“: CEO spricht von deutschem Mentalitätsproblem
Auf der anderen Seite des Pazifiks liegt eine andere Supermacht, die mit ihrer Handelspolitik Europa auf Trab hält. China hat es auch dank massiver staatlicher Eingriffe geschafft, Monopolstellungen in unterschiedlichsten Branchen aufzubauen und zu verteidigen. Nun drängt das Land in die E-Mobilität vor, sowohl bei den Autos als auch bei der Ladeinfrastruktur. Wie wollen Sie als Unternehmen dagegen bestehen?
Ja, wir müssen kritisieren, dass China in den letzten Jahrzehnten staatlich in gewaltigem Maße subventioniert und in den Markt eingegriffen hat. Mir ist es aber zu einfach, sich nur über die chinesische Regierung zu beschweren. Chinesische Firmen haben auch gelernt, Produktionstechnologien modern zu gestalten und arbeiten hochautomatisiert. Das ist nicht mehr das Land, das einfach nur billige Arbeitskräfte hat und so den Markt mit günstigen Produkten fluten kann – von diesem Glauben müssen wir im Westen schleunigst wegkommen. Aber lassen Sie mich ganz klar sagen: Wenn die Eingriffe nicht viel zu unfair werden, werden wir dagegen bestehen.
Das ist Michael Halbherr
Michael Halbherr ist seit 2023 CEO von ABB E-Mobility. Der Schweizer Manager verfügt über langjährige Erfahrung in der Technologiebranche, unter anderem aus Zeiten beim finnischen Tech-Konzern Nokia.
Wie das?
Das geht, wenn wir an ein paar Stellschrauben drehen. Auch wir müssen hochautomatisiert produzieren. Wir bei ABB E-mobility haben da einen kleinen Vorteil, weil unsere Mutter ABB Robotiksysteme herstellt, die wir dafür nutzen können. Ein anderer Punkt ist unsere Arbeitsintensität. Das ist enorm wichtig, denn mit einer Vier-Tage-Woche oder 25 Stunden Wochenarbeitszeit werden wir mit den Chinesen nicht mithalten können. Aber ich bin da zuversichtlich. Die Arbeitsintensität hat zwar in den letzten Jahren in Europa abgenommen, doch wir sehen, dass sie mit der richtigen Zielsetzung und einem guten Unternehmergeist zurückkehren kann. Und zum Schluss: Wenn wir sehen, dass die Eingriffe der Chinesen doch zu übermächtig werden, muss die EU angemessen reagieren.
Was heißt angemessen aus Ihrer Sicht da? Sollte die EU also klare Kante gegen China und die USA mit ihrer Handelspolitik zeigen und harte Gegenmaßnahmen gegen sie verhängen?
So einfach ist das nicht. Wir sind immer noch auf gute Beziehungen zu beiden Staaten und Märkten angewiesen. Aus China kommen viele Komponenten unserer Lademodule, die USA bieten mit ihrem ausgeprägten Risikokapitalmarkt für Firmen wichtige Finanzierungsmöglichkeiten, die wir hier so nicht haben. Deshalb ist totale Konfrontation in beiden Fällen der falsche Weg.
Was sollte Europa aber stattdessen tun, um der E-Mobilität und heimischen Firmen zu helfen?
Wir sollten mehr auf uns selber achten. Wir waren am Anfang schockverliebt in die Elektro-Technologie und hätten am liebsten alles sofort elektrifiziert. Dabei haben wir aber vergessen, dass hinter all dem immer ein Geschäft stehen muss. Wir müssen deshalb gucken, dass die Rahmenbedingungen für die E-Mobilität hier stimmen. Und was Deutschland betrifft, will ich auch die Mentalität ansprechen – denn hier ist man meiner Meinung nach zu zukunftskritisch. Man denkt ans Verbieten, will alles durch Gesetze lösen. Währenddessen setzen andere Teile der Welt aber auf neue Technologien und bauen sich so aktiv ihren Weg in die Zukunft. Da müssen wir auch hin: Wir müssen Technologien, ob alt oder neu, als Chance begreifen, und nicht als Gefahr.