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TikTok belohnt seine oft minderjährigen Nutzer für das stundenlange Ansehen von Videos finanziell. Die EU ist alarmiert – ein Verbot der Funktion könnte folgen.
Brüssel – Die Plattform TikTok ist seit längerem auf dem Radar westlicher Gesetzgeber. Denn die App ist nicht nur besonders bei jungen Menschen erfolgreich, sondern auch in den Händen des chinesischen Unternehmens ByteDance. Die Befürchtung steht im Raum, dass der „systemische Rivale“ China die öffentliche Meinung beeinflussen oder Datenspionage betreiben könnte. Auch den Jugendschutz hat Brüssel im Fokus. Unbeirrt davon führte TikTok unlängst eine neue Belohnungsfunktion ein – die EU-Kommission reagierte nun mit der Androhung einer Blockade.
Kommt TikTok-Verbot in Europa? App führt neues Belohungssystem ein
TikTok hatte im vergangenen Jahr laut dem Portal Business of Apps weltweit 1,5 Milliarden monatliche Nutzer, davon 134 Millionen in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. TikTok will seine User nun für das Ansehen von Videos bezahlen. Die Idee funktioniert so: In der neuen App „TikTok Lite“ ist in Europa bereits in Frankreich und Spanien seit April ein Punktesystem verfügbar. Für das Ansehen von Videos über mehrere Stunden oder das Einladen von Freunden auf TikTok bekommen Nutzer digitale Münzen. Die lassen sich dann in Gutscheine eintauschen, etwa für den Onlinehändler Amazon.
Was für so manchen Nutzer wohl nach einer Win-win-Situation klingt, ist aus Sicht der EU-Kommission gefährlich. Brüssel eröffnete am Montag ein Verfahren gegen TikTok wegen der „Gefahr schwerer Schäden für die psychische Gesundheit der Nutzenden“. Schon am Donnerstag dieser Woche könnte die Behörde die Belohnungsfunktion aussetzen, hieß es. Die Plattform des chinesischen Unternehmens ByteDance hat nun einen Tag Zeit, um auf die Vorwürfe aus Brüssel zu reagieren. Der Konzern muss demnach einen Bericht vorlegen, der die Risiken der Funktion bewertet.
Sollten diese Informationen nicht innerhalb von 24 Stunden vorliegen, könnten ab Dienstag zudem Strafen in Höhe von bis zu einem Prozent des weltweiten Jahresumsatzes oder der gesamten Jahreseinnahmen drohen, hieß es. Der ByteDance-Umsatz lag im vergangenen Jahr laut Bloomberg bei umgerechnet bei 112 Milliarden Euro, der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen bei 37,2 Milliarden Euro. Die Blockade der EU-Kommission beträfe die Belohnungsfunktion, nicht die App selbst. TikTok wäre auf dem EU-Markt demnach weiterhin verfügbar, aber ohne das Punktesystem.
TikTok vs. EU-Kommission: Weiteres Verfahren wegen möglicher Verstöße gegen den Digital Services Act
Der sogenannte Digital Services Act, kurz DSA, verpflichtet in der EU Onlinedienste wie TikTok, Instagram und Facebook dazu, Minderjährige besser zu schützen. Unter anderem durch das schnelle Löschen von Inhalten wie Gewaltdarstellungen und Falschinformationen. Erst im Februar hatte die EU-Kommission gegen ByteDance ein Verfahren wegen möglicher Verstöße gegen den Digital Services Act eingeleitet. Dabei ging es um eine mögliche Suchtgefahr auf der Plattform und den Vorwurf, dass TikTok seinen Verpflichtungen zum Schutz von Minderjährigen nicht nachkomme. Sollte ein Verstoß festgestellt werden, könnten ByteDance in diesem Fall Strafen von bis zu sechs Prozent des weltweiten jährlichen Umsatzes drohen.
Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt gilt als einer der führenden Experten auf dem Gebiet Social Media. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen weisen darauf hin, dass die sozialen Medien wesentlich zum Anstieg von Angstzuständen und Depressionen bei Jugendlichen beitragen. Auch eine von der Whistleblowerin Frances Haugen geleakte interne Studie des Facebook-Konzerns (heute: Meta) stellte einen negativen Einfluss von Instagram auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen fest. Im Jahr 2022 wurde durch eine Forbes-Recherche zudem bekannt, dass ByteDance die App TikTok verwendet hatte, um Journalisten auszuspähen.
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