Asif Saleh, Chef des Bangladesh Rural Advancement Committee, über extreme Armut, den Wert von Selbstvertrauen und sinnvolle Entwicklungshilfe.
Eine Welt ohne Ausbeutung und Diskriminierung – das ist die Vision der Nichtregierungsorganisation BRAC, die sich früher Bangladesh Rural Advancement Committee (BRAC) nannte. Die Organisation kämpft mit Instrumenten wie der Mikrofinanzierung gegen extreme Armut im globalen Süden und ist in zwölf Ländern in Asien und Afrika aktiv. Aber wo beginnt extreme Armut? Was macht den Unterschied für betroffene Menschen? Was brauchen sie von Ländern wie Deutschland – und was nicht? Der Geschäftsführer Asif Saleh hat darauf eine klare Antwort.
Herr Saleh, BRAC möchte den Armen der Welt eine Stimme geben. Was sagen sie?
Ich kann natürlich nicht tatsächlich für diese Menschen sprechen. Aber ich glaube, sie würden sagen: Wenn Entwicklungszusammenarbeit richtig gemacht wird, ist sie keine Wohltätigkeit. Die besten Lösungen entstehen dort, wo Armut ein Problem ist – nicht etwa an entfernten Orten.
Wenn Sie über Armut sprechen, dann häufig über „extreme“ Armut. Was bedeutet das?
Eine
Person gilt in der Regel als extrem arm, wenn sie weniger als zwei Dollar und 15 Cent am Tag verdient. Wir verwenden sogar die Bezeichnung „ultraarm“. Das betrifft Menschen, die weniger als einen Dollar und zehn Cent am Tag verdienen. Jene Menschen sind häufig in Bangladesch oder an vielen Orten in Afrika zu finden.
Sind Frauen und Männer gleichermaßen von extremer Armut betroffen?
Meist sind es Frauen, die alleinstehend sind, weil ihr Mann gestorben ist oder sie verlassen hat. Sie haben häufig früh geheiratet oder waren früh schwanger, haben drei oder vier
Kinder und absolut kein soziales Netz und keine soziale Sicherheit.
Nur eine von elf Erwachsenen in Bangladesch hat ein Bankkonto. Was bedeutet es, finanziell ausgeschlossen zu sein?
Es ist ein riesiges Hindernis. Sie und ich, wir haben einen Zugang zu Kreditkarten, Sparkonten, Versicherungen und weiteren Finanzdienstleistungen. Natürlich haben Menschen in Armut dieses Bedürfnis auch, aber den Zugang dazu haben sie nicht. Sie können sich keine Kredite von irgendwelchen Kredithaien mit viel höheren Zinssätzen leisten und sie haben keine Möglichkeit, sich finanziell zu verändern und zu wachsen.
An dieser Stelle kann das Prinzip der Mikrofinanzierung greifen, das BRAC einsetzt.
Ja, Menschen erhalten Zugänge und werden finanziell integriert. Sie erhalten Mikrokredite oder Mikroversicherungsprodukte. Ich behaupte nicht, dass Mikrofinanzierung ein Allheilmittel ist, mit dem man Menschen von Armut befreien kann. Aber es ist ein wichtiger Teil, wenn nicht der wichtigste, um ein Leben zu verändern. Doch gerade ultraarme Menschen kommen häufig nicht in den Genuss der Mikrofinanzierung.
Deshalb hat BRAC einen Ansatz, der von Wirtschaftsnobelpreisträgern als besonders wirksam evaluiert wurde. Ultraarme Menschen sollen dazu befähigt werden, sich selbst aus ihrer Armut zu befreien. Wo und wie finden Sie diese Menschen überhaupt?
Diese Menschen finden die Dorfbewohner einer von Armut betroffenen Gemeinde selbst. Im Grunde bitten wir sie, sich zusammenzusetzen und eine Kartierung durchzuführen. Wir fragen sie, welcher der ärmste Haushalt der Gemeinde ist. Die Beteiligung der Dorfgemeinschaft beugt der Gefahr vor, dass später Stimmen laut werden, die sich darüber beschweren, das jemand anders hätte Hilfe bekommen sollen.
Und dann? Klopfen Sie an die Tür und sagen: „Hallo wir sind von BRAC, möchten Sie ihr Leben verändern?“
Im Grunde ist es schon so, dass wir klopfen und sagen: „Hallo hier ist BRAC, wie hoch ist Ihr Haushaltseinkommen?“ Wir versuchen dabei, sehr vorsichtig zu sein und herauszufinden, wo die Person insgesamt steht. Armut ist multidimensional. Es geht nicht nur um Einkommen, sondern um Bildung,
Gesundheit oder Wasserversorgung. Es gibt neun solcher Indikatoren.
Dann begleitet BRAC dieser Person für zwei Jahre. Was passiert in dieser Zeit?
Als erstes bekommen sie einen Vermögenswert von uns. Jede Woche kommt ein Mitarbeiter in den Haushalt und führt ein mentales Coaching durch. Armut geht häufig mit dem Verlust von Hoffnung oder Handlungsfähigkeit einher. Sie glauben nicht, dass sich ihr Schicksal ändern kann. Wir zeigen ihnen, dass sie das schaffen können.
In welcher Form erhalten sie ein Vermögen?
Sie bekommen eine Kuh, ein kleines Stück Land oder Hühner, da sie oft in der ländlichen Wirtschaft leben. Einmal im Monat geben wir ihnen zusätzlich Geld, um die Ernährung zu sichern. Ansonsten würden sie ihren Vermögenswert vielleicht verkaufen. Es gibt Schulungen zu Finanzwissen. Was dann innerhalb von zwei Jahren passiert, ist magisch. Die Leute denken, es liege an dem Geld, das sie bekommen haben. Aber es ist nicht der Vermögenswert, der den Unterschied macht.
Was macht den Unterschied?
Es ist das Selbstvertrauen, dass die Menschen durch ihre eigene Veränderung gewinnen. Es ist wie eine Glühbirne, die angeschaltet wird.
Der Ansatz soll nachhaltig wirken. Das heißt, die Glühbirne geht nicht wieder aus?
Eine Studie zeigt, dass 90 Prozent dieser Menschen nicht mehr in Armut leben und ihr Vermögen sogar um ein Vielfaches erhöhen konnten. Entwicklungszusammenarbeit ist eine Investition in die menschliche Fähigkeit. Und wenn man die einmal getätigt hat, braucht man danach keine Unterstützung mehr zu leisten. Das sagen wir auch Regierungen, die unser System nachahmen wollen.
Wie weit sind wir in der Armutsbekämpfung?
Bis 2030 wollen wir die extreme Armut abschaffen. Davon sind wir weit entfernt. Wir haben ein bewährtes Modell, Armut zu bekämpfen. Es gibt aber nicht genügend Ressourcen, die dieses Modell umsetzen. Alle probieren hier und da mal noch etwas anderes aus; der größte Teil des Entwicklungsgeldes fließt in Projekte, die zu kurzfristig gedacht sind. Wir stehen noch vor vielen Herausforderungen.
Weltweit erstarken Parteien, die weniger Geld in Klimaschutz und in Entwicklungshilfe stecken wollen und Migration als großes Thema haben.
Solange es Armut, Menschenhandel und Gewalt gibt, solange wird es auch Migration geben. Entwicklung und Sicherheit sind keine Gegensätze. Nachhaltige Entwicklung kann zu nachhaltigem Frieden und Sicherheit für alle führen. Wir führen oft zwei Gespräche, aber eigentlich ist es eins. Es ist wichtig, die Geschichte des nachhaltigen Wandels zu erzählen. Gerade jetzt, wo immer größere Kürzungen in bilateralen Zusammenarbeit gemacht werden.
Unter US-Präsident
Donald Trump wurde auch die United States Agency for International Development (USAID) gestrichen. Sind Sie davon betroffen?
Ja. Wir haben beispielsweise die Finanzierung für Mädchenschulen in Afghanistan und Liberia verloren. Ungefähr 100 Millionen Dollar an Finanzmitteln sind weg. Wir werden auch indirekt betroffen sein, weil wir mit anderen Organisationen zusammenarbeiten, die ebenfalls betroffen sind.
Welche Menschen werden darunter besonders leiden?
Vor allem die Flüchtlinge in den Rohingya-Flüchtlingslagern. Sie sind auf Lebensmittel und Unterstützung angewiesen. Und auch im Gesundheitsbereich gibt es Auswirkungen. Insbesondere in Afrika, wenn es um Impfungen oder sexuelle Erkrankungen geht, kam die Hilfe aus den USA.
In den nächsten sechs bis neun Monaten wird das deutlich werden.
Sie sprachen davon, dass die Lösungen für die Probleme vor Ort bewältigt werden müssen. Was erwarten Sie von Deutschland?
BRAC möchte mit Deutschland über seine Erfahrungen ins Gespräch kommen. Wir bieten eine neue Arbeitsweise, die auf Demut, Zuhören und echter Partnerschaft basiert. Deutschland kann eine Führungsrolle übernehmen und die öffentlichen Entwicklungsleistungen auf gleichem Niveau halten oder sogar erhöhen. Gleichzeitig sollte es in neue Beziehungen zum globalen Süden investieren, bei denen beide Seiten voneinander lernen. Es sollte starke Brücken zu lokalen zivilgesellschaftlichen Organisationen bauen.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Deutschland?
Angesichts der Karten, die die USA und auch Großbritannien auf den Tisch gelegt haben, wird Deutschland wichtiger denn je – ob es will, oder nicht. Es steht jetzt im Mittelpunkt.
Interview: Lena Spilger
Rubriklistenbild: © Sumon Yusuf/BRAC