VonSteffen Herrmannschließen
Das Bier-Start-up „Knärzje“ steht kurz vor dem Ende. Die kleine Brauerei musste Insolvenz anmelden. Auch die Konkurrenz hat zu kämpfen. Was passiert nun?
Frankfurt – Das Frankfurter Start-up Knärzje ist 2019 mit einem großen Ziel angetreten: Es wollte den deutschen Biermarkt aufmischen und die Verschwendung von Lebensmitteln bekämpfen. Die Idee: Mit aussortiertem Brot Bier brauen. Viele Jahre lief es gut, jetzt steht Knärzje vor dem Aus. Das Start-up musste Insolvenz anmelden. „Wenn das eigene Baby stirbt, ist es emotional belastend. Man hat schlaflose Nächte, sorgt sich um die Mitarbeitenden“, sagt Gründer Daniel Anthes.
Frankfurter Start-up-Brauerei rutscht in die Insolvenz – doch in die Trauer mischt sich Stolz
In die Trauer mischt sich aber auch Stolz, wie Anthes im Gespräch mit der FR erzählt: „Wir haben einiges erreicht. Da ziehe ich viel Kraft heraus.“ Mehr als 17 000 Kilogramm Brot konnte Knärzje demnach in den vergangenen Jahren retten und in den Kreislauf zurückführen. Knapp eine Million Knärzjes seien entstanden. Jede Flasche kommt dabei laut externer Analyse durch das unabhängige Unternehmen Carbon Tag mit 43 Prozent weniger CO2-Emissionen aus als konventionelles Bier.
Lange lief es gut. „Es war eine schöne Wachstumsgeschichte“, sagt Anthes. „Wir haben uns jedes Jahr vergrößert, sind in größere Brauereien umgezogen, sind größere Aktionen gefahren.“ Das Frankfurter Unternehmen kam gut durch die Corona-Jahre. 2022 setzte Knärzje rund 300 000 Euro um, im Folgejahr waren es knapp 700 000 Euro. 2023 gelang es dem Team um Daniel Anthes dann auch, die Deutsche Bahn als Partnerin zu gewinnen – Knärzje war fortan in allen DB-Bordbistros zu kaufen.
Dominanz der großen Brauereien und steigende Rohstoffpreise macht Knärzje zu schaffen
Im vergangenen Jahr wurde Knärzje zum Beispiel auch bei Konzerten der Band „Die Ärzte“ im Rahmen des nachhaltigen Festivals „Labor Tempelhof“ ausgeschenkt. Viel Reichweite – die sich aber nur schwer in Verkäufe ummünzen ließ. Anthes verweist auf die Dominanz der großen Brauereien, die den Markt unter sich aufteilen und Restaurants, Clubs und Bars mit langen Verträgen an sich binden. Ein kleines Unternehmen wie Knärzje kriegt da nur schwer einen Fuß in die Tür.
Dazu kamen die Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine: „Die Preise der Rohstoffe sind rasant gestiegen. Auch Energie und Glas sind deutlich teurer geworden“, so der Knärzje-Gründer. Es sind Probleme, die alle Brauereien hatten, kleine Unternehmen wie Knärzje aber besonders hart treffen. „Wir hatten höhere Kosten in der Produktion, die wir nicht durch einen größeren Absatz kompensieren konnten“, bilanziert Anthes.
„Als Start-up hatten wir einfach nicht die finanziellen Polster, um das abzufedern“
2024 verschärft sich die Lage beim Frankfurter Start-up dann: Knärzje spürt die Kaufzurückhaltung der Konsumentinnen und Konsumenten, der Umsatz bricht ein. Das Start-up ist im Premium-Segment aktiv, Nachhaltigkeit ist teuer. Die Menschen trinken zwar weiter Bier, greifen aber zu günstigeren Alternativen der Massehersteller. „Als Start-up hatten wir einfach nicht die finanziellen Polster, um das abzufedern“, sagt Anthes.
Und so kommt es, wie es kommen muss: Dem Start-up geht die Luft aus. Eine Finanzierungsrunde schiebt Anthes nicht mehr an: „Es hätte nur den Moment verschoben um sechs oder zwölf Monate“, sagt der Gründer. Auch einen Partner findet das Zweieinhalb-Personen-Team von Knärzje nicht mehr.
Nicht nur das insolvente Start-up leidet, die ganze Brauerei-Branche hat zu kämpfen
Die gesamte Branche ist in der Krise: Die deutschen Brauereien haben im zurückliegenden Jahr historisch wenig Bier verkauft – trotz der Fußball-Europameisterschaft. Im Inland ging der Absatz im Vergleich zum bereits mauen Vorjahr noch einmal um 2,0 Prozent auf 6,8 Milliarden Liter zurück, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte.
Die Gründe sind vielschichtig: das schlechte Wetter im Sommer, der Trend zum gesünderen Lebensstil mit weniger Alkohol, die Alterung der Gesellschaft. Hinzukommen die hohen Kosten: Beim Brauen werden große Mengen Flüssigkeit erst erhitzt und dann wieder gekühlt, wozu eine Menge Energie notwendig ist, die bislang noch überwiegend aus fossilen Energieträgern stammt.
Nach der Insolvenz läuft der Betrieb bei Knärzje noch: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“
Bei Knärzje läuft der Geschäftsbetrieb aktuell noch: Lagerbestände werden abverkauft, Bestellungen abgearbeitet. Produziert wird aber nicht mehr. Gemeinsam mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter sucht Anthes weiter nach strategischen Partnern, die die Idee von Knärzje in die Zukunft führen. „Das Ding ist noch nicht durch“, sagt Anthes. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ mit dpa
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