„Stehen wie Blei auf den Höfen“

„Riesenwelle“ schwemmt Markt: Kaum jemand will gebrauchte E-Autos – VW besonders betroffen

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Gebrauchte E-Autos überfluten den Markt und keiner will sie. Die Leasing-Rückläufer stehen auf Halde – trotz massiven Preisabschlägen und einem ansonsten boomenden Gebrauchtwagenmarkt.

München – Der Gebrauchtwagenhandel ist in Deutschland ein florierendes Geschäft und ein wichtiger Markt für die gebeutelte Autobranche. Wie das auf die Automobilbranche spezialisierte Beratungsunternehmen Berylls in einer aktuellen Studie auswertete, wurden 2024 in Deutschland zweieinhalbmal so viele Gebrauchte verkauft als es Neuzulassungen gab, insgesamt 6,5 Millionen Fahrzeuge wechselten den Besitzer. Gebrauchte E-Autos spielen dabei jedoch nur eine ganz kleine Nebenrolle und machen laut Berylls aktuell nur drei Prozent im Gebrauchtwagenmarkt aus.

Wohin mit den gebrauchten E-Autos? (Symbolbild)

E-Autos – Leasingrückläufer überschwemmen den Gebrauchtwagenmarkt

Im Gebrauchtwagenmarkt gibt es bei E-Autos jetzt einen deutlichen Angebotsüberhang. Die erste Generation der Elektroautos, die hauptsächlich über Leasingverträge mit drei- bis vierjähriger Laufzeit vertrieben wurde, drängt nun auf den Markt für Gebrauchte. Doch die ersten Stromer auf dem Markt hängen laut Berylls „im Handel wie Blei“ – die Nachfrage bleibt aus und die E-Auto-Restwerte sinken seit 2023 immer weiter.

Sie liegen deutlich unter denen, die Diesel- und Benziner-Fahrzeuge durchschnittlich nach drei Jahren auf dem Gebrauchtwagenmarkt erzielen können. Durchschnittlich 6.400 Euro weniger bringt ein Elektrofahrzeug im Vergleich zu einem Benziner auf dem Markt. Die gebrauchten E-Autos werden zu vergleichbaren Preisen wie Benziner gehandelt, obwohl die Neuwagenpreise deutlich höher waren. Das ist ein großes Problem für die Automobilhersteller und auch die Banken, denn diese haben den Wertverlust über die Leasingmodelle zu tragen. Selbst Topmodelle unter den E-Autos können nach einem Jahr bereits bis zu 40 Prozent Wertverlust beim Wiederverkauf erleiden, wie eine Analyse des Stern ergab.

Gebrauchte E-Autos sind nicht mehr attraktiv für Autokäufer

Dass die gebrauchten E-Autos so schwer an den Mann zu bringen sind, hat mehrere Gründe. Neue Elektroauto-Modelle, mit mehr Reichweite und zu günstigeren Preisen drängen auf den Markt und konkurrieren direkt mit den jungen Gebrauchten. Die Entwicklungssprünge in dem Segment sind hoch und die junge Generation bietet einfach bessere Batterien, kürzere Ladezeiten und leistungsstärkere Software.

Außerdem sind viele gebrauchte E-Autos große und teure SUV, die nicht für den Massenmarkt der Gebrauchten wirklich tauglich sind und viele Gebrauchtwagenkäufer nicht interessieren. Zusätzlich tobt auch auf Neuwagenmarkt für E-Autos bereits ein Preiskampf. Preissenkungen und Rabatte in diesem Segment lassen den Preisabstand zu den Gebrauchten der ersten Generation schrumpfen und machen diese auch aus diesem Grund unattraktiv.

Die große Flut der Leasing-Rückläufer bei den E-Autos wird erst noch kommen

Wie Christopher Ley, Branchenexperte bei Berylls, der Wirtschaftswoche sagte, ist der Großteil der Leasing-Rückläufer bis jetzt noch nicht einmal im Markt angekommen. Er sprach von einer „Riesenwelle, die sich aufbaut“. Die ausbleibende Nachfrage nach den Gebrauchten dürfte besonders VW treffen, die mit ihren ersten Elektromodellen einige Bestseller im Markt lieferten.

Wer die ganzen gebrauchten E-Autos einmal abnehmen soll, steht noch in den Sternen. Sowohl die private Nachfrage als auch die Nachfrage von Mietwagenfirmen ist gering. Beryll schätzt die Lage auf absehbare Zeit als schwierig ein. Die Preise seien bereits im Keller und werden auch nicht mehr weiter sinken, so der Branchenexperte weiter. Das alles führt dazu, dass die Standtage der gebrauchten Stromer wachsen und diese wie „Blei auf den Höfen“ stehen. Standtage sind insbesondere für die Händler teuer.

Mehrfachleasing als Alternative zum Verkauf

Wie Ley gegenüber der Wirtschaftswoche erklärte, empfiehlt er den Herstellern nicht, den Wertverlust beim Verkauf der gebrauchten E-Autos einfach hinzunehmen und abzuschreiben. Er empfiehlt den Autobauern, Händlern und Leasingunternehmen eine andere Vertriebsstrategie, bei der sie die Autos selbst behalten und sie in einem mehrfachen Gebrauchtwagenleasing den Kunden wiederholt anbieten. Allerdings gehört die massenhafte Vermarktung gebrauchter Fahrzeuge bislang nicht zur Kernkompetenz der Hersteller. Nach Leys Ansicht müssten sie nun aber schnell lernen, damit umzugehen.

Rubriklistenbild: © Sven Hoppe/dpa

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