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Clearview AI will Datenschutz-Kläger mit Aktienpaket besänftigen: Anteile am Unternehmen statt Millionenklage. Das Start-up verwendet für seine Gesichtserkennung über 30 Milliarden Fotos - Europa ist auch darunter.
Chicago - „Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht“, könnte der Gedanke hinter dem Vergleichsangebot von Clearview AI sein, das aktuell in Chicago vor Gericht steht. Die innovative Gesichtserkennungstechnologie hat mehrere Milliarden Fotos von Menschen auf der ganzen Welt ohne Zustimmung der Betroffenen in eine Datenbank eingepflegt - auch Gesichter von Menschen aus Europa sind darunter.
Um eine mögliche finanzielle Belastung durch die Millionenklage zu umgehen, bietet Clearview AI den Klägern fast ein Viertel der Unternehmensanteile an. 23 Prozent soll den betroffenen Amerikanern zustehen, deren Gesicht von der Software verwendet wird, so das Angebot laut New York Times. Bereits vor der Sammelklage wurde im Jahr 2020 bekannt, dass die Datenbank von Clearview AI aus über 3 Milliarden Gesichter besteht. Rund drei Jahre später erklärte Gründer und CEO Hoan Ton-That der BBC, dass es bereits 30 Milliarden seien. Unklar ist, auf wie vielen Fotos das Unternehmen heute aufbaut. Clearview AI wurde aufgrund von Privatsphäreverletzungen auch bereits in Europa wiederholt in Millionenhöhe abgestraft. Deutschland ist allerdings nicht darunter.
Clearview AI nutzt Fotos ohne Zustimmung: Darf Privatsphäre etwas kosten?
Das Angebot von Clearview AI hinterlässt bei vielen sicherlich einen bitteren Beigeschmack, geht es doch um das Recht auf Privatsphäre eines jeden Bürgers. Anfang des Jahres wurde Clearview AI auf 225 Millionen Dollar bewertet, wodurch der Wert des Anteils, der den Klägern angeboten wird, etwa 52 Millionen Dollar beträgt. Laut Spiegel beanspruchen die Anwälte der Kläger etwa 20 Millionen Dollar davon. Bei einem möglichen Börsengang oder Verkauf von Clearview AI könnten dann auch die Kläger profitieren, alternativ könnten sie bis Ende September 2027 Anspruch auf 17 Prozent der künftigen Erlöse von Clearview erheben. Die Vereinbarung muss noch vom Gericht in Chicago genehmigt werden. Aber woher hat Clearview AI eigentlich die Abermilliarden Fotos?
Die Fotos hat Clearview AI aus dem Web und von Social-Media-Plattformen wie Facebook, LinkedIn oder Instagram. Fotos, die öffentlich einsehbar sind und trotzdem nicht verwendet werden dürften - zumindest in Europa. Das Speichern und Nutzen von personenbezogenen Daten, einschließlich Bildern, ohne Einwilligung des Betroffenen verstößt europaweit gegen die Datenschutz-Grundverordnung. Um gegen die Nutzung vorzugehen, muss der Betroffene allerdings erst davon wissen - Clearview AI schickt jedoch beim Download der Fotos keine Benachrichtigungen aus. Betroffene müssen einen eigenen Antrag stellen, damit Clearview die Fotos aus der Software entfernt.
Bußgelder in Millionenhöhe aus Europa heraus kamen unter anderem von Großbritannien, Frankreich, Griechenland und Italien. Laut Medienberichten seien aber auch Banken bereits Kunden von Clearview AI. In Deutschland hatte der Fall um den Informatiker Matthias Marx für Aufsehen gesorgt, dessen biometrische Daten ohne Zustimmung in der Clearview AI Datenbank zu finden waren. Nachdem er sich an den Hamburger Datenschützer Johannes Caspar wandte und sich auch die Hamburger Datenschutzbehörde einschaltete, wurden seine Daten gelöscht - allerdings nur seine. Somit muss jeder Betroffene in Deutschland einzeln gegen die Nutzung seiner Fotos vorgehen.
Künstliche Intelligenz von Clearview AI nicht fehlerfrei
Hoan Ton-That, mit australisch-vietnamesischen Wurzeln, gründete Clearview AI mit Sitz in New York in 2017. Die Software des Start-ups nutzt maschinelles Lernen, um Personenbilder mit Fotos aus der gigantischen Datenbank abzugleichen. Clearview AI hält für seine Fotoidentifikationstechnologie mehrere Patente. Auch andere Marker, wie Geo-Daten, die Fotos mitbringen, fließen in die Datenbank ein. Die Gesichtserkennungssoftware wird in Amerika beispielsweise von örtlichen Polizeidienststellen bis hin zum FBI oder dem Heimatschutzministerium genutzt. Die Suchanfrage gelingt über ein eingespeistes Foto, innerhalb weniger Minuten spuckt die Software dann einen Treffer aus. Kritiker argumentieren, dass jedes eingespeiste Gesicht bei der Suchabfrage abgegriffen wird. “Wann immer sie ein Foto eines Verdächtigen haben, vergleichen sie es mit Ihrem Gesicht“, meint etwa Matthew Guariglia von der Electronic Frontier Foundation zur BBC. Ton-That selbst meint, ihm sei kein Fall bekannt, wobei es zu einer fälschlichen Identitätsverwechslung gekommen sei. Unrechtmäßige Verhaftungen im Zusammenhang könnten aufgrund von schlechter Polizeiarbeit passiert sein. Strafverfolgungsbeamte auf Bundes- und Landesebene erklärten laut New York Times, dass sie nur begrenzte Kenntnisse darüber haben, wie Clearview AI funktioniere, dass sie aber die App bereits zur Aufklärung von Fällen von Ladendiebstahl, Identitätsdiebstahl, Kreditkartenbetrug, Mord und sexueller Ausbeutung von Kindern eingesetzt haben.
Erst letztes Jahr erfuhr der höchste Datenschutzregulator Großbritanniens eine Niederlage im Kampf gegen die unrechtmäßige Verwendung der Fotos durch Clearview AI: Im Berufungsverfahren wurde sowohl die Strafzahlung als auch die Löschungsaufforderung aller britischen Gesichter wieder aufgehoben - das ICO hätte keine Zuständigkeit, da die Datenverarbeitung im Auftrag ausländischer Regierungsbehörden erfolgt sei. Ob die Fotos vom Unternehmen gelöscht worden waren, blieb unklar. Es ist nicht genau bekannt, ob und in welchen europäischen Ländern Clearview AI derzeit operativ tätig ist. Auf der Website des Unternehmens ist jedoch ersichtlich, dass es aktuell im Kriegsgeschehen in der Ukraine eingesetzt wird.
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