Transformation der Landwirtschaft

Ökotoxikologe zu Pestizid-Verbot: „Glyphosat ist die perfekte Nebelkerze“

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Dr. Carsten Brühl ist Ökotoxikologe an der Uni Landau. Seit Jahren forscht er zur Wirkung von Pestiziden. An die EU und Deutschland richtet er einen dringenden Appell: „Wir haben keine Zeit mehr!“

Berlin – In der kommenden Woche will die EU über die weitere Zulassung des Totalherbizids Glyphosat entscheiden. Die EU-Kommission befürwortet eine weitere Zulassung für zehn Jahre. Viele Wissenschaftler und Umweltverbände sehen das kritisch, auch, weil Glyphosat als möglicherweise krebserregend gilt. Doch aus Sicht des Ökotoxikologen Dr. Carsten Brühl, lenkt das Thema Glyphosat nur ab. Im Interview mit IPPEN.MEDIA spricht er über die Pestizid-Debatte und die Folgen für die Umwelt. Und er richtet einen dringenden Appell an Politik und Landwirtschaft. 

Pestizide müssen reduziert werden – sonst erreichen wir einen Kipppunkt

Dr. Carsten Brühl bei der Probeentnahme auf einem Rapsblütenfeld
Dr. Carsten Brühl, Sie sind Ökotoxikologe an der Universität Landau. Wie sind Sie denn zu diesem Forschungsgebiet gekommen?
Ich habe eigentlich Tropenökologie studiert und mich in meiner Doktorarbeit mit Ameisengemeinschaften in Borneo beschäftigt. Das war sehr spannend – allerdings stellte sich dann die Frage, wie es danach weitergehen soll. Die Nachfrage nach Ameisenexperten ist gering, das kann ich Ihnen sagen (lacht). Und meine Frau hat damals eine Anzeige der Firma Syngenta gesehen – die ich damals noch nicht kannte. Die suchten jemanden, der große Insektenstudien auswerten konnte, genau das habe ich Borneo gemacht. So kam ich dann in die Ökotoxikologie.
Sie haben also für einen der größten Pestizidproduzenten der Welt gearbeitet? Was haben Sie dort gemacht?
Für die Zulassung von Insektiziden müssen die Hersteller viele standardisierte Untersuchungen durchführen, müssen große Studien machen und sie den zuständigen Behörden für eine Zulassung vorlegen. An diesen Arbeiten habe ich mitgewirkt.
Warum haben Sie Syngenta wieder verlassen?
Am Ende spielten ein paar unterschiedliche Komponenten die entscheidende Rolle. Ich konnte mich irgendwann nicht mehr mit der Firma identifizieren, habe mich zunehmend gefragt, was ich hier eigentlich mache. Zugleich kam die Möglichkeit auf, an der Universität Landau den Studiengang Ökotoxikologie und ein eigenes Forschungsfeld aufzubauen. Und jetzt kann ich alles, was ich schon damals kritisch gesehen habe, wirklich angehen.
Gerade kocht das Thema Glyphosat wieder hoch. Die EU wird über eine Neuzulassung des Totalherbizids für zehn Jahre abstimmen. Was denken Sie über die Debatte?
Ich finde, es gibt genug Forschung, um zu sagen: Wir sollten in der EU nach dem Vorsorgeprinzip handeln. Das heißt, ab dem Moment, bei dem es Zweifel an der Sicherheit einer Substanz gibt, kann die EU allein als Vorsorgemaßnahme entscheiden, die Bevölkerung nicht mehr diesem Stoff auszusetzen.
In dem konkreten Fall Glyphosat ist es ja auch noch interessant, dass in den USA Gerichte schon entschieden haben, dass es Krebs ausgelöst hat. Ich finde es bizarr, oder vielleicht sogar unmoralisch, dass die EU vor diesem Hintergrund sagt: egal, wir lassen das weiter zu. Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.
Was glauben Sie, warum handelt die EU in diesem Fall nicht aus Vorsorge?
Wenn eine große Firma will, dass eine Substanz auf dem Markt bleibt, dann tut sie alles dafür, trotz großer Widersprüche. Das ist offensichtlich, das sehen wir jetzt mit Glyphosat, haben wir aber auch in der Vergangenheit gesehen. Die drei Neonicotinoide [Art von Insektiziden, Anm. d. Red], die in der EU verboten wurden, wurden erst dann verboten, als schon Generika für diese Stoffe hergestellt wurden. Also es gab Firmen aus China und Indien, die bereit waren, mit ihren Produkten auf den EU-Markt zu kommen. Mit dem Verbot wurden diese Wettbewerber vom Markt ferngehalten, und die großen Firmen hier hatten schon neue Insektizide parat, der Markt war also bereinigt. Deshalb halte ich es auch für sehr gefährlich zu glauben, bisherige Verbote seien zwangsweise ein Erfolg von Umweltverbänden oder Volksbegehren. Das war auch ein kluger Schachzug der Hersteller.
Die Risiken für den Menschen sind beim Thema Glyphosat nicht ganz geklärt. Die Risiken für die Umwelt und die Ökosysteme aber schon. Warum spielt das keine Rolle?
Glyphosat ist ein Totalherbizid, und nicht das einzige. Wenn wir also anfangen, anhand ökologischer Gesichtspunkte Stoffe zu verbieten, dann müssen wir auch andere Pestizide – vor allem Totalherbizide - vom Markt nehmen. Glyphosat ist übrigens auch nicht das einzige Pestizid, das unter Krebsverdacht steht.
Der Fokus auf Glyphosat lenkt ab, es ist die ideale Nebelkerze. Das Umweltrisiko halte ich bei allen Pestiziden für relativ hoch. Zudem ist nicht klar, wie es mit der Wechselwirkung verschiedener Pestizide aussieht.
Was meinen Sie damit?
Man hätte vielleicht vermuten können: Wenn wir seit ungefähr 50 Jahren Pestizide ausbringen, dann müsste es irgendwo einen Datenpool geben, der einen Überblick darüber liefern könnte, wie viele Pestizide hierzulande auf den Ackerböden liegen. Das Erstaunliche ist: Es gibt überhaupt keine Informationen darüber. Niemand hat jemals nachgeschaut. Also haben wir hier in Landau erstmals begonnen, Daten aufzunehmen: Welche Pestizide finden wir in deutschen Ackerböden? Und wir stellen fest: Es gibt Äcker, auf denen bis zu 30 verschiedene Pestizide das ganze Jahr über liegen. Die bauen sich auch sehr viel langsamer ab, als man erwartet hätte.  
Wirken die dann auch noch weiter?
Ja klar, das ist das ja gleiche Molekül. Die Konzentration ist sehr gering, das muss man auch sagen. Aber es sind 20 bis 30 verschiedene Substanzen, über deren Wechselwirkung nichts bekannt ist. Es ist möglich, dass sich die Wirkung dieser Stoffe addiert, das wäre der beste Fall. Aber es ist auch möglich, dass sich die Stoffe gegenseitig verstärken. Es gibt ungefähr 300 Pestizidwirkstoffe, die in Deutschland zugelassen sind. Es ist theoretisch möglich, dass jeder einzelne davon zusammen mit einem oder mehreren anderen gesprüht werden könnte. Aber wir wissen nicht, wie sie zusammen wirken. Um das zu wissen, müsste eigentlich für jede mögliche Kombination die Wechselwirkung erforscht werden. Das ist äußerst komplex und aufwendig, deshalb wird das bei der Zulassung auch nicht gemacht. Stattdessen wird bei einer Zulassung nur untersucht, was passiert, wenn der Regenwurm mit genau einem Stoff in Berührung kommt. In Wirklichkeit kommt der Regenwurm aber mit 20 verschiedenen Stoffen in Berührung – und zwar permanent, nicht nur einmal. Was das für eine Wirkung auf das gesamte Ökosystem hat, das kann Ihnen aktuell niemand sagen.
Was könnte das für diese Ökosysteme bedeuten?
Wir wissen nicht, was das bedeutet – weil auch das für die Zulassung keine Rolle spielt. Wir fangen gerade erst damit an, zu verstehen, wo und in welchen Konzentrationen sie überall sind. Sie sind aber nicht nur da, wo sie ausgebracht werden, das stellen wir in der Forschung immer wieder fest. Sie verdampfen, verdriften mit dem Wind, werden von Tieren weitergetragen. Sie bewegen sich durch die Landschaft. Und da haben wir schon das nächste Problem: Bei der Zulassung der Pestizide wird nur die Wirkung auf Tiere und Pflanzen berücksichtigt, die auf dem Acker vorkommen könnten. So werden in der Zulassung Amphibien aktuell nicht berücksichtigt. Der Frosch sitzt ja im Teich und nicht auf dem Feld, so das Argument. Allerdings sind Frösche eher Landlebewesen, die auch auf Ackerflächen in der Kulturlandschaft aktiv sind. Die Zahlen der Amphibien sind schon seit Jahrzehnten rückläufig, vor allem in der Nähe landwirtschaftlicher Flächen. Ein Frosch hat eine dünne Haut, ist im ständigen Austausch mit seiner Umwelt durch seine Haut. Und dadurch nimmt er natürlich auch Pestizide auf. Auch wenn er nicht direkt damit besprüht wird. Der nimmt das auf, wenn er auf einem Boden sitzt, auf dem die Pestizide liegen. 
Viele Landwirte sagen, dass sie Pestizide brauchen. Diese Erfahrungswerte kann man doch nicht einfach ignorieren und Pestizide ganz aus dem Verkehr nehmen?
Naja, das hängt davon ab, von was für einer Landwirtschaft wir sprechen. Die aktuelle, größtenteils konventionelle Landwirtschaft braucht natürlich Pestizide. Das ist aufgrund der verwendeten Sorten und der Anbaudichte eine Grundbedingung. Wenn man also Pestizide reduzieren will, muss man eine andere Landwirtschaft entwickeln. Es müsste jetzt eine Transformation geben, aus vielen Gründen. Das hat mit Tierwohl, mit Klimaanpassung, und auch mit Pestiziden und Umwelt zu tun. Die letzten 16 Jahre hat man quasi nichts gemacht in diesem Bereich. Politiker in der EU und auf globaler Ebene haben aber vor kurzer Zeit beschlossen, Pestizide bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren. In Deutschland soll bis dahin zudem 30 Prozent der Landwirtschaftsfläche Bio-Anbau sein. Aber dafür müssen wir jetzt langsam in Gang kommen. Aktuell sind gerade mal zehn Prozent der Agrarfläche in Deutschland Bio – und das hat Jahrzehnte gedauert. Wir haben noch sechs Jahre Zeit. Und wir sollten alles dafür tun, dass wir das Ziel angehen. In den vergangenen 28 Jahren ist die Biomasse an Insekten in Deutschland um mehr als 70 Prozent gesunken. Wer denkt, wir haben nochmal 28 Jahre Zeit, ist schief gewickelt.
Steuern wir also beim Insektensterben auf einen Kipppunkt zu?
Genau, der ist irgendwann erreicht. Wenn zu wenig Bestäuber in der Luft sind und zu wenig Organismen im Boden, um Bestäubung und Bodenfruchtbarkeit zu garantieren – dann verändert sich etwas Grundlegendes. Es geht auch momentan noch gar nicht darum, alle Pestizide abzuschaffen. Es geht um die Reduktion. Das wäre ja schon ein guter Schritt. 
Dafür müssen die Landwirte an Bord geholt werden. Wie schaffen wir das?
Landwirte sind extrem verunsichert, es gibt bei vielen ein absolutes Informationsdefizit. Das würde ich den landwirtschaftlichen Verbänden auch vorwerfen: Sie erklären ihren Leuten nicht, wie sie etwas verändern können, sie betreiben stattdessen eine Politik der Angst. Das aktuelle landwirtschaftliche System ist aber überhaupt nicht resilient.
Ich fände es wichtig, dass wir jetzt alle Möglichkeiten von Ausgleichsflächen, Blühstreifen, Bioanbau und lokaler Vermarktung in einer Modelllandschaft testen, um zu sehen, welchen Effekt das auf die Biodiversität hat und wie zufrieden die Landwirte damit sind. Eine kleinskaligere Testphase wäre ja hilfreich, wenn man das Ziel hat, alles in den nächsten sechs Jahren auf Bundesfläche umzusetzen.
Und zu dem Thema würde ich vielleicht folgendes noch sagen: Ich frage mich manchmal, ob die 250.000 Landwirte, die wir in Deutschland haben, das Recht haben sollten, zu entscheiden, was mit 35 Prozent unserer Landfläche passiert. Sie entscheiden, was mit der Biodiversität dort passiert. Es gibt sicherlich Landwirte, denen ist diese Verantwortung bewusst. Aber es gibt viele, die sind einfach auch schlecht beraten. Offensichtlich gibt es einen Wunsch aus der restlichen Bevölkerung – das sieht man ja auch in Volksbegehren, wo über eine Million Leute unterschreiben – eine andere Landwirtschaft zu haben. Die sollten doch auch gehört werden, oder? 

Rubriklistenbild: © privat/Brühl

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