VonAmy Walkerschließen
Die Lage am Wohnungsmarkt in Deutschland spitzt sich weiter zu. Vor allem in Ballungsräumen ist die Not inzwischen groß. Aus der Grünen-Fraktion kommt nun ein Vorschlag, der Abhilfe schaffen soll.
Berlin – Deutschland braucht mehr Wohnungen. Daran gibt es keinen Zweifel, weshalb sich die Ampel-Koalition im Koalitionsvertrag auch als Ziel gesetzt hatte, 400.000 neue Wohnungen im Jahr fertigzustellen. Doch dieses Ziel rückt in immer weitere Ferne. Die Branche hält mittlerweile nur noch die Hälfte davon für machbar.
Um kurzfristig mehr Wohnraum insbesondere für junge Familien zu schaffen, hat die Grünen-Politikerin Christina-Johanne Schröder eine neue Idee vorangebracht. Mit Steueranreizen sollen ältere Menschen in großen Häusern dazu motiviert werden, ihren Wohnraum an junge Familien zu vermieten.
Viele Senioren haben zu viel Platz
Deutschland habe zwar viel Wohnraum, aber nicht genug Wohnungen, sagte Schröder der Bild-Zeitung vom Mittwoch. „Das bedeutet, dass manche Menschen mehr Wohnraum haben als sie brauchen und umgekehrt.“
Tatsächlich wird immer wieder festgestellt, dass vor allem Senioren und Seniorinnen in großen Wohnungen leben – während Familien händeringend mehr Platz suchen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln stellte im Januar in einer Studie fest, dass rund sechs Prozent der Haushalte in Großstädten zu beengt leben, während ebenfalls sechs Prozent in zu großen Wohnungen leben. Bei Haushalten mit Personen über 70 Jahren waren es sogar neun Prozent, die über überdurchschnittlich großen Wohnraum verfügten. Auch das IW kam daher zu dem Schluss, dass ein Wohnungstausch möglicherweise Abhilfe schaffen könnte.
Eigentümerverband hält den Ansatz für richtig
Doch ist es vielen Menschen unmöglich, eine halbwegs günstige Wohnung zu finden, angesichts immer weiter steigender Mieten vor allem in Ballungsräumen. Da kommt der Vorschlag Schröders ins Spiel. Sie wolle unter anderem, dass Seniorinnen und Senioren „ihr Eigenheim zu einem fairen Mietzins an eine Familie vermieten“ und ihre eigene Miete von der Steuer absetzen können, sagte Schröder. Die Ampel arbeite an Lösungen dazu. Auf dem Kurznachrichtendienst X (früher Twitter) fügte die Politikerin dann noch hinzu: „Es geht natürlich um den Fall, dass man sein Haus freiwillig vermieten möchte, um sich zu verkleinern“.
Einfach mal durchatmen, bitte😊
— Christina-Johanne Schröder (@cj_schroeder) August 16, 2023
Es geht natürlich um den Fall, dass man sein Haus freiwillig vermieten MÖCHTE, um sich zu verkleinern ;) (1/2) https://t.co/U1ojdKpwiU
Auch Familienministerin Lisa Paus (Grüne) äußerte sich in der Bild offen für den Vorschlag. „Ich finde alle Ideen hilfreich, die sich damit auseinandersetzen, dass Wohnraum insbesondere in Ballungsräumen knapp ist.“
Der Eigentümerverband Haus & Grund nannte den „Ansatz richtig“. Präsident Kai Warnecke sagte der Zeitung aber: „Einfacher wäre es, wenn die Einnahmen aus der Vermietung des Einfamilienhauses steuerfrei blieben. Denn die meisten Rentner haben ja kein steuerpflichtiges Einkommen, von dem sie die Ausgaben für eine Wohnung absetzen könnten.“
Wohnungstausch wird kontrovers diskutiert
Dass ältere Menschen dazu motiviert werden sollen, in kleinere Wohnungen zu ziehen, ist kein neuer Vorschlag. So hatte im Frühjahr der Regensburger Ökonom Steffen Sebastian in einem Gespräch mit der Welt vorgeschlagen, die Mieten für Rentner und Rentnerinnen zu erhöhen. Begründet hatte er das damit, dass ältere Mieten oft so viel niedriger sind als neue Mietverträge, dass es vielen Rentnern und Rentnerinnen unmöglich gemacht wird, eine kleinere Wohnung zu finden.
Deshalb sollten Altmieten seiner Meinung nach nicht so niedrig bleiben dürfen. Wer das Geld hat, in einer großen Wohnung zu bleiben, sollte das weiterhin dürfen. Aber es muss auch was kosten, findet er. „Es kann doch nicht sein, dass der Staat Menschen extrem schützt, die ohnehin seit Jahrzehnten eine geringe Miete zahlen, egal ob sie bedürftig sind oder nicht. Und andere finden partout keine bezahlbare Wohnung“, sagt der Ökonom der Welt. „Unser Vorschlag lautet: Unterstützung von Mietern mit niedrigen Einkommen statt Unterstützung von Mietern mit niedrigen Mieten.“
Der Deutsche Mieterbund ist gegen Mieterhöhungen jeglicher Art, allerdings sehen auch sie das Potenzial im Wohnungstausch. Der Mieterbund schlägt daher vor, den Wohnungstausch rechtlich zu verankern, sodass jede Person, die in eine kleinere Wohnung ziehen will, das Recht hat, das zu tun – und zwar zum gleichen Mietpreis, den sie jetzt schon bezahlt. Der Tausch könnte aus öffentlichen Mitteln gefördert werden, so die Idee.
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