Grüner Finanzminister mit Renten-Vorstoß: Akademiker sollen länger arbeiten
VonPatrick Freiwah
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Politiker Danyal Bayaz fordert ein Umdenken: Wer später ins Berufsleben einsteigt, soll auch später in Rente gehen – mit klaren Altersgrenzen je nach Bildungsabschluss.
Stuttgart/München – Studium verlängert das Leben – zumindest das Arbeitsleben, wenn es nach Baden-Württembergs Finanzminister Danyal Bayaz geht. Der Grünen-Politiker bringt eine Debatte in Gang, die für Zündstoff sorgt: Akademiker und Akademikerinnen sollen später in Rente gehen – je nach Abschluss mit 68 oder 69 Jahren.
Wer sich früher für den Ruhestand entscheidet, müsste dementsprechend Abstriche bei der Rente hinnehmen.
Höherer Renteneintritt für Akademiker? Später Start, längere Arbeit
Die Argumentation des Finanzministers: Wer studiert, tritt in der Regel später ins Berufsleben ein – und arbeitet zudem meist in körperlich weniger belastenden Berufen. „Wer mit 16 Jahren eine Ausbildung macht und dann einem körperlich anstrengenden Beruf nachgeht, für den ist arbeiten bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter von bald 67 Jahren schon sehr lange“, sagt Bayaz einem Interview mit Welt.de.
Umgekehrt müsse man bei Akademikern die Lebensarbeitszeit stärker strecken: Bayaz, der selbst Kommunikationswissenschaften an der Universität Hohenheim (Baden-Württemberg) studiert hat, schlägt vor, das Renteneintrittsalter für Studienabsolventen an den Abschluss zu koppeln: Wer einen Bachelor gemacht hat, soll mit 68 in Rente gehen, wer einen Master draufsetzt, mit 69 – ohne Abschläge.
Rente in Deutschland: Bayaz über Lebensarbeitszeit und -erwartung
Das Ziel des Ehemannes der bayerischen Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katharina Schulze: Der Wohlstand des Landes und die Funktionsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme sollen auch in Zukunft erhalten bleiben. Dafür müsse man Lebensarbeitszeit und Lebenserwartung „in ein besseres Verhältnis bringen“.
Bayaz sieht zwei mögliche Wege: Entweder differenzierte Renteneintrittsalter je nach Bildungsweg – oder eine generelle Anhebung der Altersgrenze, die durch eine verbesserte Erwerbsminderungsrente abgefedert wird. Der Vorschlag sei dem 41-Jährigen zufolge ein Versuch, Gerechtigkeit zwischen sehr unterschiedlichen Erwerbsbiografien herzustellen.
Die Rente mit 63 hält Bayaz zudem für falsch: Gut bezahlte Fachkräften nähmen den Anreiz wahr, frühzeitig den Arbeitsmarkt zu verlassen.
Deutsches Rentensystem vor dem Kollaps? Mehrere Ansätze denkbar
Dass Bildung und Beruf den späteren Rentenverlauf beeinflussen, ist nicht neu. Die Regierung unter Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz sah sich aufgrund des letztjährig beschlossenen Rentenpakets II starker Kritik ausgesetzt. Renteneintritt angepasst an den individuellen Berufsweg: Auch der Vorstoß des Grünen-Finanzministers polarisiert, vor dem Hintergrund einer drohenden Finanzierungslücke in der gesetzlichen Rentenversicherung.
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In der Diskussion um soziale Gerechtigkeit stellt sich zudem die Frage: Warum erhalten Beamte in Deutschland deutlich höhere Altersbezüge als Angestellte? Die Gründe sind vielfältig, doch immer mehr Stimmen fordern eine umfassende Rentenreform, die auch hier für mehr Ausgleich sorgt. (PF mit dpa)