Experte warnt vor „Nokia-Effekt“ in der Autoindustrie: Verbrenner-Aus muss kommen
VonPatrick Freiwah
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Kehrtwende der EU beim Verbrenner-Aus? Experten warnen vor wirtschaftlichen Folgen und ein Studienleiter erklärt uns, warum der Autoindustrie ein Nokia-Effekt droht.
St. Gallen/Brüssel - Ab 2035 sollen in der Europäischen Union keine Neuwagen mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden. Für die europäische Automobilindustrie bedeutet dies einen gewaltigen Umbruch – und eine Herausforderung, die tief in das Herzstück der Wirtschaft vieler Länder greift, allen voran in Deutschland. Auf EU-Ebene bahnt sich deswegen eine Lockerung an.
Doch während Kritikerinnen und Kritiker vor Arbeitsplatzverlusten und einer möglichen Schwächung der Branche warnen, sehen Forscher das Gegenteil: Ein klarer Kurs pro Verbrenner-Aus könnte Europas Autobauern helfen, international wettbewerbsfähig zu bleiben, insbesondere gegenüber Asien und den USA.
Verbrenner in der EU: Stagnierende Emissionswerte und Innovationsdruck
Der Verkehrssektor hat laut Umweltbundesamt (UBA) und Bundeswirtschaftsministerium seine Klimaziele bislang weit verfehlt. Die Emissionen wurden 2024 im Vergleich zum vorangegangenen Jahr lediglich um 1,4 Prozent gesenkt – weniger als es die strengeren EU-Regularien beinhalten. Dazu läuft der Hochlauf bei den Elektroautos langsamer als erhofft, auch wenn ein Aufwärtstrend aktuell wieder erkennbar ist.
Die politischen Rahmenbedingungen spielen hierbei eine zentrale Rolle. Während in Europa die Debatte über eine mögliche Aufweichung des Verbots von Verbrennungsmotoren ab 2035 läuft, herrscht Unsicherheit in der Industrie. Dies bremse Innovationen, warnen Wissenschaftler. Zugleich gerät die europäische Autoindustrie zunehmend unter Druck, wenn US-amerikanische und chinesische Hersteller im Bereich der Elektromobilität einen Innovationsvorsprung aufgebaut haben.
Eine Studie internationaler Forschungsinstitute, an der auch das German Institute of Development and Sustainability (IDOS) beteiligt war, kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Das Verbrenner-Aus würde der europäischen Automobilindustrie langfristig nützen. „Klare Zielvorgaben erleichtern es den Herstellern, sich strategisch zu positionieren und Skaleneffekte zu erzielen“, argumentiert Adrian Rinscheid, Assistenzprofessor für Klimapolitik an der Universität St. Gallen.
Diese Festlegung sei im globalen Innovationswettlauf entscheidend. Während in China und den USA milliardenschwere Subventionen in die Elektromobilität fließen, drohe Europa den Anschluss zu verlieren, falls es weiter auf technologische Offenheit setze. Allerdings hat auch die europäische Autoindustrie bereits Milliarden in die Forschung und Entwicklung von E-Autos gesteckt.
Hochlauf von E-Mobilität: VDA-Präsidentin Müller über Strukturreformen
Die Automobilindustrie selbst steht dem Wandel ambivalent gegenüber. Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), betonte in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger, dass keine neuen Förderprämien für Elektroautos nötig seien.
Stattdessen fordert die Verbandschefin Strukturreformen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zu stärken. Zu den Prioritäten gehören ihr zufolge günstige Energiepreise und der Ausbau der Ladeinfrastruktur: „Laden muss immer und überall problemlos und kostengünstig möglich sein.“
Von der Bildfläche verschwunden: Zehn große Automarken, die es nicht mehr gibt
Die aktuelle Unsicherheit über die Zukunft des Verbrenners schade der Industrie mehr, als es ein klares Verbot täte, so das Fazit der veröffentlichten Studie aus St. Gallen.
Studienleiter erklärt, warum die EU am Verbrenner-Aus festhalten sollte
Gegenüber Merkur.de ordnet Dr. Adrian Rinscheid die Debatte ein und zieht einen ungewöhnlichen Vergleich: „Technologieoffenheit ist ein Risiko in der Marktdurchsetzungsphase.“ Der Professor erinnert an das Schicksal des einstigen Handy-Giganten Nokia: Das Unternehmen habe den Wandel hin zu Smartphones verpasst, weil es zu lange an klassischen Mobiltelefonen festhielt. „Apple und Android-Hersteller wie Samsung oder Huawei konnten sich schneller durchsetzen. Nokia verlor den Markt“, erklärt Rinscheid.
Ein ähnliches Risiko besteht seiner Ansicht nach für europäische Autobauer wie BMW, die auf Technologie-Offenheit setzen. Während China massiv in batterieelektrische Fahrzeuge investiert und Skaleneffekte erzielt, drohe europäischen Herstellern, durch eine zu zögerliche Umstellung ins Hintertreffen zu geraten. „Alternative Antriebe wie Wasserstoff oder E-Fuels werden im Pkw-Bereich voraussichtlich nur Nischenmärkte bedienen“, betont Rinscheid.
Die Konsequenz: Europa sollte am faktischen Verbot neuer Verbrennungsmotoren festhalten, um die Planbarkeit für Industrie und Verbraucher zu erhöhen und die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. „Ein Zurückrudern würde nur zu mehr Unsicherheit führen – mit negativen Folgen für den gesamten Automarkt in Europa.“ (PF)