- VonNicola de Paolischließen
Fünf Jahre nach dem Brexit ziehen Ökonomen und Firmen eine Bilanz: Der erwartete wirtschaftliche Kollaps ist nicht eingetreten, aber der finanzielle Verlust ist dennoch erheblich.
Der Brexit ist vor genau fünf Jahren endgültig vollzogen worden. Die Befürworter hatten vor allem mehr Unabhängigkeit und weniger Migration versprochen. Gegner befürchteten unter anderem Nachteile für die Wirtschaft. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov gaben im Januar 55 Prozent der befragten Erwachsenen an, es sei falsch gewesen, für den EU-Austritt zu stimmen, nur 30 Prozent halten den Schritt immer noch für eine gute Idee. Wirtschaftswissenschaftler und Analysten schätzen die Auswirkungen des Brexit allgemein als negativ ein.
1. Der Handel seit dem Brexit: 30 Prozent Einbruch
Über die Details der negativen Folgen herrscht allerdings Uneinigkeit. Einige neuere Studien deuten darauf hin, dass die Warenexporte des Vereinigten Königreichs um 30 Prozent niedriger sind, als sie es gewesen wären, wenn Großbritannien den Binnenmarkt und die Zollunion nicht verlassen hätte. Andere gehen von einem Rückgang um nur 6 Prozent aus, berichtet die BBC.
Das regierungsnahe, unabhängige Office for Budget Responsibility (OBR) rechnet laut BBC vor, dass der Brexit langfristig zu einem Rückgang der Exporte und Importe von Waren und Dienstleistungen um 15 Prozent führen könnte. Langfristig werde die britische Wirtschaft allein durch den Brexit um 4 Prozent schrumpfen. Diese Werte sind reine Annahmen und können sich in der Zukunft noch verändern. Die neuen Handelsabkommen, die Großbritannien mit Australien und Neuseeland abgeschlossen hat, fallen im Vergleich zum ehemaligen EU-Handel wenig ins Gewicht. Dafür belastet die zeitaufwändige und komplizierte Bürokratie bei der Ein- und Ausfuhr viele Unternehmen. Davon sind besonders kleinere Firmen betroffen.
2. Migration hat die Brexit-Debatte bestimmt – Zuwanderung steigt
Ein, wenn nicht der, zentrale Faktor in der jahrelangen Brexit-Debatte war die Zuwanderung nach Großbritannien. Zum einen wegen der Sorgen vor einem Arbeitskräftemangel, zum anderen wegen der Stimmungsmache gegen Einwanderer. Die Konservativen versprachen, durch den EU-Austritt würden die Grenzen dicht sein, die Migrationszahlen sinken. Doch das ist nicht der Fall. Zwar sank die Migration aus der EU nach Großbritannien, die Nettozuwanderung (Einwanderung minus Auswanderung) aus Nicht-EU-Ländern erreichte aber Rekordhöhen.
Ein Großteil der Immigranten aus nicht EU-Ländern kommt auf Basis eines Arbeitsvisums. Darauf sind vor allem das Gesundheitswesen sowie die Pflegeberufe angewiesen. Eine weitere große Gruppe sind Studenten sowie deren Familien. Die finanzschwachen britischen Universitäten vergeben gerne für teures Geld Studienplätze an Studenten aus Indien, China oder aus den USA. Die illegale Migration über den Ärmelkanal sorgte zuletzt für viel politischen Sprengstoff. Die regierende Labour-Partei von Premierminister Keir Starmer hat einen „umfassenden Plan“ zum Umgang mit der Migration angekündigt.
3. Reisebeschränkungen: EU-Bürger brauchen Reisegenehmigung nach UK
Das Ende der EU-Freizügigkeit hat Touristen und Geschäftsreisende getroffen. EU-Bürger können sich bis zu sechs Monate lang im Vereinigten Königreich aufhalten, ohne ein Visum zu benötigen. Seit dem 1. Oktober 2021 benötigt man für die Einreise nach Großbritannien einen Reisepass. Von dieser Regel gibt es nur ganz wenige Ausnahmen. Eine größere Veränderung in Bezug auf das Reisen steht jedoch in diesem Jahr erst noch bevor.
Ab dem 2 April 2025 benötigen Besucher aus europäischen Ländern außerdem eine elektronische Reisegenehmigung (ETA), um nach Großbritannien und Nordirland zu reisen. Anträge können von Staatsangehörigen dieser Länder ab dem 5. März 2025 gestellt werden. Am einfachsten ist die Beantragung mit der „UK ETA App“, die aus dem Google Play oder Apple App Store heruntergeladen werden kann. Eine ETA kostet £10 pro Antrag, erlaubt mehrere Reisen und ist zwei Jahre lang gültig oder bis der Reisepass des Inhabers abläuft - je nachdem, was früher eintritt.
Was nach dem Brexit kommt - Strebt Großbritannien zurück auf die europäische Bühne?
Der britische Premierminister Keir Starmer von der Labour-Partei war zuletzt mehrere Schritte auf die EU zugegangen, von einem Neuanfang in den Beziehungen ist die Rede. Die Verbindungen zu den „europäischen Freunden“ müssten vertieft werden, steht im Parteiprogramm. „Mit Labour wird Großbritannien außerhalb der EU bleiben. Aber um die Chancen, die vor uns liegen, zu nutzen, müssen wir den Brexit zum Erfolg führen.“
Immerhin, in der Rüstungszusammenarbeit und Verteidigung rücken beide Partner enger zusammen. Mit Deutschland schloss Großbritannien bereits ein entsprechendes Abkommen. Nach Zwischenfällen mit russischen Schiffen in der Ostsee und zuletzt im Ärmelkanal sowie mutmaßlicher Sabotage an Unterseekabeln sieht sich Großbritannien in einer führenden Nato-Rolle.
Mit Deutschland ist Starmer um ein harmonisches Verhältnis bemüht, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sprach beim Besuch des Premiers im vergangenen Jahr von einer „ausgestreckten Hand“. Die reichte der Labour-Chef aber auch in andere Richtungen - Großbritannien strebt ein gutes Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump an, der extrem kritisch auf die EU und die Nato blickt.
Rubriklistenbild: © Christoph Soeder/dpa