Mehr Lohn für Azubis? Handwerkspräsident dagegen: „Studierende kriegen nichts“
VonPatricia Huber
schließen
Der Fachkräftemangel im Handwerk ist enorm. Doch mehr Lohn für Azubis ist nicht die Lösung des Problems, wie der bayerische Handwerkspräsident im Interview erklärt.
München – Der Fachkräftemangel im Handwerk ist enorm. In nahezu jeder Branche fehlt es an qualifiziertem Nachwuchs. Und das ausgerechnet jetzt, wo Handwerker in vielen Bereichen gefragt sind wie nie. Schließlich benötigt es zur Umsetzung der ambitionierten Klima- und Energiespar-Pläne der Bundesregierung tatkräftige Unterstützung aus dem Handwerk. Seien es Heizungsbauer, Elektriker oder Dachdecker: All diese Fachkräfte werden gebraucht, damit Deutschland künftig seine Klimaziele erreichen kann.
Fachkräftemangel: Wo es jetzt am meisten fehlt
Im Interview mit IPPEN.MEDIA erklärt der Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, Franz Xaver Peteranderl, wie es um den Nachwuchs im Handwerk steht, warum Forderungen nach Lohnerhöhungen bei Azubis nicht gerechtfertigt sind und warum er nicht mit einer großen Fachkräfte-Zuwanderung aus dem Ausland rechnet.
IPPEN.MEDIA: Herr Peteranderl, zum 1. August ist das Ausbildungsjahr gestartet. Wie ist die Lage in diesem Jahr im Handwerk? Wie viele Stellen sind in diesem Jahr frei geblieben?
Das kann man schwer sagen. Laut Daten der Bundesagentur für Arbeit waren Ende Juli noch ungefähr 11.400 Ausbildungsplätze im Handwerk bayernweit unbesetzt. In Oberbayern stehen derzeit noch rund 2.400 unbesetzte Lehrstellen für junge Menschen zur Verfügung. Die Zahl der unbesetzten Stellen ist verglichen mit dem Vorjahr in Bayern als auch in Oberbayern rückläufig. Im gleichen Atemzug konnten wir auch die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge steigern. Ende Juli hatten 15.200 junge Menschen einen Ausbildungsplatz im bayerischen Handwerk unterschrieben. Das sind 1,6 Prozent mehr als im Vorjahr. In Oberbayern haben wir bis Ende Juli 4.600 Neuabschlüsse registriert, das ist ein Plus von 3,6 Prozent.
Es sind also immer noch etliche Stellen frei, wo kein Nachwuchs gefunden wird.
Zu den freien Stellen, die bei der Agentur für Arbeit gemeldet sind, kommen noch viele freie Ausbildungsplätze, die die Unternehmen gar nicht melden.
In welchen Branchen fehlt es jetzt am meisten?
Vor allem in den Lebensmittelhandwerken – also Bäcker, Metzger, Konditoren – sind im Augenblick noch viele Lehrstellen unbesetzt. Dort werden vor allem Fachverkäuferinnen und Fachverkäufer gesucht. Wegen knapper Personallage und teils fehlendem Nachwuchs können etliche Bäckereien ihre Geschäftsfilialen nicht ganztags durchgehend geöffnet halten. Und leider müssen manche Filialen ganz schließen.
Mehr Lohn für Azubis: Handwerkspräsident sieht das nicht als Lösung
Nun ja, gerade wenn man da an die Bäcker denkt: Es möchte wohl kaum jemand mehr um drei Uhr morgens in der Backstube stehen müssen.
Das ist heute nicht mehr überall nötig. In der Backstube kommt es darauf an, wie diese organisiert ist. Manche brauchen nur noch ganz wenig Personal in der Nacht. Man ist inzwischen dazu übergegangen, Teige beispielsweise am Abend anzurühren, lange reifen zu lassen und morgens kurz vor Filialöffnung auszubacken.
Dennoch: Anstrengende Arbeit und wenig Geld – das verbinden viele auch heute noch mit der Arbeit im Handwerk. Beim Bäckerhandwerk wurde jetzt aber bei der Ausbildungsvergütung ordentlich angezogen. Ist das der richtige Weg?
In der Tat werden im Bäckerhandwerk höhere Ausbildungsvergütungen gezahlt. Man darf aber nicht verkennen: Es ist eine Ausbildungsvergütung. Es ist keine Lohnzahlung in dem Sinn. Und wenn man es vergleicht: Studierende kriegen nichts. Auszubildende im Handwerk erhalten zum Beispiel im Bauhandwerk im ersten Lehrjahr 900 Euro, im letzten 1400 Euro. Ähnlich sieht es im Kfz-Handwerk, im Elektrohandwerk oder im Bereich Heizung und Sanitär aus. Für einen Schulabgänger, der in der Ausbildung in der Regel zwischen 15 und 19 Jahre alt ist, ist das schon eine beachtliche Menge Geld.
Ist es also nicht gerechtfertigt, wenn Azubis mehr Lohn fordern?
Ein Azubi ist in der Ausbildung, das heißt, er lernt. Wir müssen auch an die Gewerke denken, die nicht sofort den Lehrling im operativen Geschäft einbinden können. Ich nenne als Beispiel das Schneiderhandwerk. Hier hatte sich aber auch gezeigt, dass die Höhe der Ausbildungsvergütung nicht das wichtigste Kriterium bei der Berufssuche junger Menschen ist. Denn trotz früher vergleichsweise niedrigerer Vergütungen gab es ausreichend Bewerberinnen und Bewerber. Inzwischen übersteigen die Kosten einer Berufsausbildung im Schneiderhandwerk oft das, was die Betriebe stemmen können, weswegen das Angebot gesunken ist.
Aber irgendwo muss man auch abwägen. Wie viel können die Unternehmen bezahlen und viel benötigt ein Azubi zum Leben? Gerade bei den Preisen in Großstädten wie München ist ein zu geringes Gehalt problematisch.
Ja, das ist richtig. Im Grundsatz war es bisher meist so, dass die Auszubildenden noch zu Hause wohnen. Daher fordern wir auch, dass die Auszubildenden ähnlich wie Studierende noch bei den Eltern in der Krankenkasse mitversichert sind und in den Uni-Wohnheimen untergebracht werden können.
Um die Energiewende voranzutreiben, benötigt es Fachkräfte. Doch genau die fehlen derzeit. Mehr Lohn für Azubis kann aber laut Handwerkskammer-Präsident Peteranderl nicht die Lösung sein.
Was muss jetzt das Handwerk tun, damit es auch bei den jungen Leuten wieder attraktiver wird – wenn es nicht unbedingt das Gehalt ist?
Wir sind auf einem guten Weg, in dem wir in allen allgemeinbildenden Schulen Berufsorientierung anbieten können. Hier zeigen wir, welche Karrierechancen bestehen und welche Möglichkeiten die Jugendlichen danach haben. Und dass wir vor allem auch den Eltern die Vorstellung nehmen, das Handwerk wäre altbacken – das ist wichtig. Das Handwerk ist innovativ. Kein Satellit fliegt ohne das Handwerk.
Das ist ja jetzt auch bei der Energiewende das Thema. Dafür braucht es das Handwerk mehr denn je. Welche Rolle spielt die Branche jetzt bei den Plänen der Bundesregierung?
Die Bundesregierung weiß, dass sie die Energiewende ohne das Handwerk gar nicht umsetzen kann. Aber die Rahmenbedingungen, die sie gestalten, widersprechen dem zum Teil. Den Handwerksunternehmen werden viel zu komplizierte Rahmenbedingungen oder bürokratische Auflagen gemacht. Viele sagen schon: „Ich mach das nicht mehr mit.“ Es müssen einfache, klare Regeln gelten.
Inwiefern?
Dieses Hin und Her mit dem Gebäudeenergiegesetz zeigt: Es ist für die Betriebe völlig unklar, welche Regelungen langfristig gelten.
Glauben Sie, dass die Ziele im GEG zu ehrgeizig sind – auch was Wärmepumpen angeht? Kann das Gesetz mit der aktuellen Fachkräfte-Situation im Handwerk überhaupt umgesetzt werden?
Ich glaube schon, dass wir im Handwerk in der Lage sind, die Ziele, die vorgegeben werden, umzusetzen.
Das Wohnungsbau-Ziel ist auch sehr ambitioniert. Und bisher hat es nicht geklappt.
Ja, aber wenn die Rahmenbedingungen stimmen, wäre auch die deutsche Bauwirtschaft in der Lage, diese 400.000 Wohnungen zu bauen. Entscheidend sind die ganzen Anforderungen, die gestellt werden. Derzeit sind die zu hoch, das Nutzerverhalten wird komplett ausgeklammert. Aber die Qualität der Wohnung oder des Hauses sind nicht das Entscheidende, sondern das Verhalten der Nutzer.
Fachkräfte aus dem Ausland anwerben: „Nicht attraktiv genug“
Um nochmal auf den Fachkräftemangel zurückzukommen: Was halten Sie von den Plänen, mehr Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben?
Es ist grundsätzlich positiv, wenn Fachkräfte aus dem Ausland angeworben werden können, die im Handwerk eingesetzt werden. Wir müssen nur schauen, dass es nicht zu einer Benachteiligung inländischer Arbeitnehmer kommt. Es muss also verhindert werden, dass die Qualifikation aus dem Ausland nicht die Standards einer Berufsausbildung in Deutschland unterschreitet. Ich glaube aber, dass das Potenzial an Fachkräften aus dem Ausland zu hoch eingeschätzt wird.
Wieso das?
Ich glaube nicht, dass aus den südosteuropäischen Staaten noch sehr viele Fachkräfte angeworben werden können, weil dort der gleiche demografische Faktor gilt wie bei uns und schon sehr viele Arbeitskräfte von dort bei uns tätig sind. Wir haben ja innereuropäisch eine sehr große Arbeitslosigkeit, zum Beispiel in Süditalien, in Spanien. Trotzdem kommen diese Fachkräfte nicht zu uns.
Aber warum nicht?
Es ist nicht attraktiv genug für sie.
Gibt es keine finanziellen Anreize?
Es gibt gewisse finanzielle Anreize. Viele sind aber wieder nach Hause zurückgekehrt, weil sie sich nicht wohlgefühlt haben oder nicht ausreichend integriert waren.
Deutschland schneidet im internationalen Vergleich ja relativ schlecht ab, was die Integration angeht.
Hier in Bayern werden die Leute gerade im Handwerk sehr gut integriert, da gibt es keine Ressentiments. Es zählt der Mensch, wie er sich einbringt, welche Leistungsfähigkeit er mitbringt, welches Engagement und Interesse er für den Beruf zeigt.
Boomer gehen in Rente: Auch das Handwerk spürt die Folgen
Wie Sie schon gesagt haben, haben andere Länder auch schon das Generationenproblem. Hier gehen jetzt auch langsam die Boomer in Rente. Wie stark merkt man das im Handwerk?
Sehr stark. Wir stellen in den letzten Jahren fest, dass erstens die Personaldecke für die meisten Betriebe dünner wird. Das geht so weit, dass wir einen Abwärtstrend bei der Selbstständigkeit feststellen. Wir haben seit ungefähr zehn Jahren eine Stagnation bei der Anzahl der gemeldeten Betriebe. Daher ist das Thema Betriebsübergabe ein sehr wichtiges, dem sich die Beraterinnen und Berater der Handwerkskammer widmen.
Oftmals wollen die Kinder auch einfach nicht mehr den elterlichen Betrieb übernehmen.
Derzeit stehen bayernweit rund 22.000 Betriebe zur Übernahme in den nächsten Jahren an. Ungefähr 40 Prozent davon werden innerhalb der Familie übergeben. Oft sagen die Kinder aber „Ja, das Gewerk finde ich toll und ich möchte es auch machen – aber nicht in der Selbstständigkeit. Ich möchte den elterlichen Betrieb nicht übernehmen. Ich arbeite lieber im Angestelltenverhältnis. Denn dort habe ich meine geregelten Arbeitszeiten.“ Das ist eine höchst bedenkliche Entwicklung.
Wenn Sie sich für das Handwerk jetzt eine Unterstützungsmaßnahme von der Bundesregierung wünschen könnten, was wäre es?
Einebessere Förderung für den Wohnungsbau. Bessere Rahmenbedingungen, damit der Wohnungsbau wieder anläuft, weil der derzeit so abstürzt, dass es die gesamte Wirtschaft nach unten zieht. Das würde der Gesamtbevölkerung zugutekommen, mit günstigeren Mieten. Wenn mehr Wohnraum auf dem Markt kommt, dann sinken die Mieten. Das wäre für die Gesamtbevölkerung eine Entlastung.