VonSteffen Herrmannschließen
Die Gewerkschaft IG Metall fordert mehr Tempo bei der Transformation der Wirtschaft. Von der Ampel-Regierung erwartet die Gewerkschaft Milliarden-Investititionen.
Die Uhr tickt, viel Zeit bleibt nicht mehr. Das ist die Botschaft der IG Metall an Politik und Unternehmen. Die größte Gewerkschaft Deutschlands hatte am Donnerstag zur Jahrespressekonferenz geladen, und natürlich bespielte das Vorstandsteam um Christiane Benner auch die ganz großen Themen: Transformation, Klimaschutz, Demokratie. „Der Auftrag unserer Mitglieder lautet eindeutig: Gestaltet die Veränderungen“, sagte Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall.
Das drängendste Problem aus Sicht der Gewerkschaft: eine drohende Deindustrialisierung – also das Abwandern von Unternehmen ins Ausland. „Deindustrialisierung gefährdet den Zusammenhalt im Land und damit auch unsere Demokratie“, warnte Benner. Deshalb seien Politik und Unternehmen gefordert: „Es braucht jetzt von allen Seiten ein klares Bekenntnis zum Erhalt und zum sozial-ökologischen Umbau des Industriestandorts Deutschland – und zwar mit Taten, nicht mit Worten“, sagte Benner. Unternehmen müssten in Zukunftstechnologien investieren; die Ampelkoalition solle „ihr kleinteiliges, teils dogmatisches Agieren aufgeben“.
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Konkret fordert die Gewerkschaft staatliche Investitionen in Höhe von etwa 500 Milliarden Euro bezogen auf einen Zeitraum von zehn Jahren. Bis September soll eine neue Transformationskommission daran arbeiten, den klimaneutralen Umbau der Industrie schneller und besser zu machen.
IG Metall fordert Transformationskommission
„Wie erreichen wir die Klimaziele und stärken gleichzeitig Industrie und Arbeitsplätze in Deutschland?“, fasste Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der Gewerkschaft, den Arbeitsauftrag an die Kommission zusammen. Ihr angehören sollen Vertreter:innen aus Bundes- und Landesregierungen, Unternehmen, der IG Metall sowie Fachleute. Die Zeit dränge, so Kerner. „Für die Industrie ist dieses Jahr das Schicksalsjahr.“
Dabei geht die Gewerkschaft laut Benner, die seit Oktober an der Spitze der Organisation steht, gestärkt ins neue Jahr. Zum Jahresende 2023 zählte die Gewerkschaft rund 2,14 Millionen Mitglieder – ein Minus von 0,5 Prozent im Vergleich zu 2022. Exakt 129 348 Menschen traten in die IG Metall ein. Nur 2018 habe es mehr Neueintritte gegeben, sagte Kerner und fasste zusammen: „Wir haben die Corona-Jahre überwunden.“
IG Metall hat „gut gefüllte Streikkassen“
Die solide Entwicklung bei den Mitgliedern stärke die Finanzen der Gewerkschaft, sagte Hauptkassiererin Nadine Boguslawski. Insgesamt spülten die Beiträge der Mitglieder rund 620 Millionen Euro in die Kassen der IG Metall – ein Spitzenwert und 24 Millionen mehr als im Vorjahr. „Unsere Streikkasse ist gut gefüllt“, so Boguslawski.
Das könnte gegen Ende des Jahres relevant werden, wenn die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie ansteht. Rund 3,9 Millionen Beschäftigte arbeiten dort. Zu den Forderungen – etwa nach höheren Löhnen oder einer Arbeitszeitverkürzung – äußerten sich die Gewerkschaftsspitzen nicht, zunächst will man die Mitglieder befragen.
Beschäftigte mit Tarifvertrag verdienen deutlich besser als ihre Kolleginnen und Kollegen ohne Tarifvertrag: Pro Monat waren es im Schnitt 678 Euro, wie das „Handelsblatt“ mit Bezug auf Angaben der Bundesregierung für April 2022 berichtet. Doch die Tarifbindung ist rückläufig, nur noch ein Viertel der Betriebe zahlt Tariflöhne. Im Jahr 2003 waren es knapp 42 Prozent der Betriebe. Christiane Benner sagte deshalb in Richtung von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD): „Die angekündigten Gesetze zur Tarifbindung und Weiterentwicklung der Mitbestimmung müssen endlich kommen.“
