Interview

Innovation im Mittelstand droht wegzubrechen – Warum Deutschland radikaler werden muss

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In den kommenden Jahren wird radikale Innovation wichtiger denn je.
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Die deutsche Wirtschaft steckt in der Krise. Im Interview erklärt Gero Stenke vom Stifterverband, warum das die Innovationskraft des Landes bedroht – und brandgefährlich wäre.

Berlin – Auf ihrer Kabinettsklausur auf Schloss Meseberg wurde endlich das Wachstumschancengesetz beschlossen, ein dringend nötiges Signal an die Wirtschaft, die sich nur schleppend von der Energiekrise im vergangenen Jahr erholt. Kurzum: das Wachstum bleibt aus. Dabei muss der deutsche Motor wieder anspringen, um den Herausforderungen der kommenden Jahre zu begegnen: Transformation, Fachkräftemangel und Energiewende, um nur ein paar zu nennen.

Investitionen in Forschung und Entwicklung dringen gebraucht

Dazu braucht es auch stabile Investitionen in Forschung und Entwicklung. Im Gespräch mit IPPEN.MEDIA erklärt Gero Stenke, Leiter der Wissenschaftsstatistik und Verantwortlicher für die Erhebung von Innovationsdaten beim Stifterverband, wie es aktuell um den Innovationsstandort Deutschland steht – und warum der Mittelstand so wichtig ist.

Herr Stenke, im Jahr 2021 war man beim Stifterverband noch recht zuversichtlich, dass nach der Pandemie die Innovationskraft in Deutschland wieder an Dynamik gewinnen würde. Wie blicken Sie heute darauf?
Wir fügen gerade die Ergebnisse aus der Befragung für 2022 zusammen. Was ich schon sagen kann, ist: Der Trend sieht eher positiv aus. Bei allem, was mit FuE (Anm. d. Red: Forschung und Entwicklung) zu tun hat, sehen wir Zeichen, die auf Erholung ausgerichtet sind - im Gegensatz zu dem, was wir in der Wirtschaft allgemein erleben. Diejenigen Branchen, die während der Pandemie gelitten haben, haben die Schwächephase überwunden. Einzelne Branchen, wie etwa die Informations- und Kommunikationstechnologie und auch wissensintensive Dienstleistungen, entwickeln sich durchweg positiv.
Die Herausforderungen in der Wirtschaft sind momentan immens. Ein großes Thema ist der Fachkräftemangel. Welche Rolle spielt dieser im Bereich FuE?
Wir haben jetzt schon eine erhebliche Fachkräftelücke, im Kern im MINT-Bereich (Anm. d. Red.: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Das Fachkräfteproblem ist jedoch eher im Mittelstand ausgeprägt. Für viele in- und ausländische Fachkräfte sind mittelständische Firmen oder Start-ups gar nicht so attraktiv, sie suchen die sicheren Posten mit den höheren Einstiegsgehältern, die es in den großen Konzernen gibt. Deswegen wird es im Mittelstand besonders Probleme geben - und das kommt dann etwas verspätet im Innovationsbereich an.
Für einen starken, innovativen Mittelstand war Deutschland in der Vergangenheit immer international anerkannt. Wenn dieser nun besonders bedroht ist: Wie würde sich das auf die Innovationskraft auswirken?
Zuerst zur Einordnung; 90 Prozent der FuE-Aufwendungen aus der Wirtschaft kommen von großen Unternehmen, 10 Prozent aus dem Mittelstand. Allein vom Volumen her sind es also schon die Großen, die das Geschehen vorantreiben. 
Trotzdem gibt es sehr wichtige und sehr innovative mittelständische Unternehmen, die auch hochgradig wettbewerbsfähig sind. Diese sind vor allem in Baden-Württemberg und Bayern angesiedelt, und nicht nur global, sondern auch mit ihrer lokalen Wirtschaft sehr gut vernetzt. Das sind häufig Spezialisten in einer bestimmten Nische. Wir haben also in der Tat viele Hidden Champions, die großen Nutzen für Innovationsleistung, etwa in der Medizintechnik oder Biotechnologie bieten. 
10 Prozent unserer Innovationskraft kommt aus dem Mittelstand - das ist trotzdem kein irrelevanter Anteil. 
Richtig, und viele kleinere Unternehmen arbeiten auch in neuen Branchen, wie der Computertechnologie und KI, also in Branchen, die Großkonzerne nicht ausreichend abdecken. Es sind diese kleinen Unternehmen, die massiv in FuE investieren, flexibel und mutig agieren und entsprechend Erfolge feiern können. Es ist häufig der Hightech-Bereich, der im Mittelstand wächst – der Bereich, der also für die Transformation der kommenden Jahre zentral sein wird. Es wäre also durchaus gefährlich, wenn wir in diesen Bereichen die Innovationskraft verlieren würden. 
Warum wäre das so gefährlich?
Der Mittelstand kann agiler, flexibler, lernfähiger und diverser sein als Großunternehmen. Und inhabergeführte Unternehmen sind eher bereit, Grenzen auszuprobieren, Entwicklungen zu testen, ohne dass per se schon klar ist, dass es dafür einen Markt gibt. In Großkonzernen wird das sehr genau abgewogen. Und im Fall großer Unsicherheiten wird eine Innovation häufig unterlassen. Das ist ein Blockierer für Wandel und Transformation. Aber: der Mittelstand ist heterogen und nicht einheitlich. Auch hier gibt es sehr innovationsschwache und verkrustete Unternehmen. Die Varianz ist einfach viel größer.
Dr. Gero Stenke ist seit zwölf Jahren am Stifterverband tätig
In Deutschland ist die Automobilbranche immer noch das Herzstück der Wirtschaft. Dort wird logischerweise auch das meiste für FuE investiert. Gleichzeitig ist das auch eine Branche, die zunehmend durch Konkurrenz aus den USA und China unter Druck steht. Wie spiegelt sich das in FuE wider?
Deutschland hat zu lange gebraucht, um das aufzuholen, was Länder wie die USA und China in Sachen E-Mobilität vorgelegt haben. Es wurde dadurch einiges an Boden verloren, auch was die Kompetenzen zum Beispiel im IT-Bereich angeht. Bei der Entwicklung von rein elektrischen Fahrzeugen oder solchen, die ganz ohne fossile Brennstoffe laufen, war und ist die Innovationsgeschwindigkeit zu langsam. Das ist für Deutschland ein Risiko.
Auf der anderen Seite ist Deutschland in einigen Bereichen der Automobilbranche immer noch sehr stark. Zum Beispiel das autonome Fahren, das wird massiv vorangetrieben, auch mit beträchtlichem Erfolg. Hier muss sich Deutschland also nicht verstecken.  
Wagen Sie einen Blick in die Zukunft: Auf welchem Pfad befinden wir uns gerade? Wie kann Deutschland wieder innovativer werden? 
Es darf auf jeden Fall nicht so bleiben, wie es ist. Wir brauchen den Wandel, das zieht sich durch alle Bereiche hindurch – und eben auch durch die Wirtschaft. Wir brauchen mehr radikale Innovation, mehr Konsequenz, mehr Mut, auf Gewohntes zu verzichten. Es geht um ein neues Verständnis von Wohlstand und Lebensqualität und um Verantwortung. Nur so wird es gelingen, qualitatives Wachstum zu wahren. Man kann es ja auch ein Stück weit verstehen: Unternehmen suchen nach Sicherheit, nach Planbarkeit, wollen Risiken minimieren. Da geht man aber nur kleinere Innovationsschritte. Wir müssen aber die großen Schritte wagen. Die Geschwindigkeit, mit der das momentan passiert, ist eindeutig nicht hoch genug. Die Herausforderungen sind immens, und in anderen Staaten passiert schon viel mehr. 
Sie haben die Rolle der Diversität erwähnt. Ist eine diverse Gesellschaft auch eine innovativere?
Ja, denn sie verfügt über größere Potenziale, sich an Veränderungen anzupassen und Wissen aus verschiedenen Quellen zu nutzen. Diversität ermöglicht unterschiedliche Blickwinkel und übt in Dialog und Akzeptanz. Doch damit Diversität produktiv genutzt werden kann, braucht es Kommunikation und Verständigung. Das macht manchmal Mühe und braucht Zeit, aber es lohnt sich. Diversität wird meiner Meinung nach noch nicht überall gleich gut in deutschen Unternehmen gelebt und gemanagt. Sie ist noch nicht überall gewollt, und das ist bedenklich.
Vor Jahren haben wir Unternehmen schon mal gefragt: Was sucht ihr eigentlich für eure FuE-Abteilung? Das Ergebnis war damals erschreckend einseitig. Es wurden vor allem männliche MINT-Absolventen gesucht - was natürlich überhaupt nicht das abbildet, was wir in der Bevölkerung haben. Durch mangelnde Diversität geht sehr viel Innovationspotenzial verloren. Heutige FuE-Teams müssen divers aufgestellt sein, auch fachlich. Wir brauchen, ITler, Ingenieure, Sozialwissenschaftler, vieles mehr - diese Wissensvielfalt müsste sich in den Teams abbilden. Das sehen wir noch nicht genug, da gibt es Nachholbedarf. Auch das wird eine Gefährdung für die Innovationskraft Deutschlands sein, denn mit Einseitigkeit kommt nicht die radikale Innovation, die wir brauchen.
Das bedeutet für die deutsche Wirtschaft aber auch eine Riesenchance, wenn das erkannt wird. Mehr junge, ausländische Fachkräfte, die wir sowieso brauchen, können uns wieder innovativer machen. 
Ja, das ist eine Chance. Es muss aber auch kulturell gelingen und von einer Führungsebene gut begleitet und in der Gesellschaft akzeptiert werden.
2021 hat Deutschland 3,14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für FuE ausgegeben. Bis 2025 will die Bundesregierung mindestens 3,5 Prozent erreichen. Wie wichtig wäre es für Deutschland aktuell, dieses Ziel zu erreichen?
Ich glaube, dass vor allem die Botschaft wichtig ist. Es ist weniger relevant, ob das 2025 oder 2027 gelingt. Aber die Botschaft lautet: Investiert in die Innovation. Versucht technologischen Wandel, Fortschritt und Problemlösungsfähigkeiten aufrechtzuerhalten. Das Ziel ist ein Symbol, so sollte es auch verstanden werden. Keiner weiß, ob 3,5 Prozent treffsicher ist, ob das ausreichen wird. Aber die Botschaft lautet: Wir müssen dranbleiben.

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