Kernkraft in Deutschland

Milliardengrab Atomkraft – Studie warnt vor den Risiken

  • schließen

Der Atomausstieg Deutschlands steht fest. Eine Greenpeace-Studie schätzt das positiv ein. Dabei zählt sie die Gründe auf.

Brüssel – In Europa sind in den letzten zwei Jahrzehnten nur drei neue Atomkraftwerke in Betrieb genommen worden, trotz gegenteiliger Ankündigungen. So hatte der damalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy 2009 weitere Neubauten angekündigt, und der frühere britische Premier Tony Blair versprach 2005 sogar den Bau von zehn Reaktoren. Aktuell setzt eine Reihe von EU-Ländern, darunter Frankreich, die Niederlande, Polen, Schweden, die Slowakei, Slowenien und Tschechien, stark auf Atomkraft, um ihre Klimaziele zu erreichen. Sie gehen damit allerdings hohe volkswirtschaftliche Risiken ein, wie eine neue Studie zeigt. Die Kosten seien höher als beim Ausbau der Ökoenergien, außerdem müsse der Staat bei Atomkraft-Projekten immer wieder einspringen, um Finanzierungslücken zu schließen.

Greenpeace analysiert Atomausstieg – mit eindeutigem Ergebnis

In der von den Umweltorganisation Greenpeace in Auftrag gegebenen Untersuchung wurden die Kosten und Finanzierungsmodelle von AKW-Neubauten in zehn Ländern analysiert, darunter China, Finnland, Frankreich, Großbritannien und Russland. Darunter sticht der Reaktor Flamanville 3 in Frankreich hervor, der mit 13,2 Milliarden Euro viermal so viel wie erwartet kostete und dessen Bau 17 Jahre statt der geplanten fünf Jahre dauerte; er soll in diesem Jahr ans Netz genommen werden.

Das Kernkraftwerk Hinkley Point in Südengland wird viel teurer als einst gedacht - und im schlechtesten Fall auch erst 2031, viel später als geplant, ans Netz gehen.

Doch auch in den anderen Fällen liegen Kosten und Bauzeiten weit über dem veranschlagten Rahmen. Autoren der Untersuchung sind Wissenschaftler der Copenhagen School of Energy Infrastructure und der TU Berlin.

Das finanzielle Risiko tragen Greenpeace zufolge nicht die Betreiber, sondern letzten Endes die Bürgerinnen und Bürger. „Private Investoren machen einen großen Bogen um problemanfällige AKW-Projekte, die Risiken muss immer der Staat übernehmen“, sagte der Atomexperte der Organisation, Heinz Smital. Problematisch sei zudem die Abhängigkeit vieler EU-Länder von in Russland gefertigten Brennelementen.

Umstrittene Klein-AKWs

Die Stromgestehungskosten bei den neuen AKW betragen rund 18 US-Cent pro Kilowattstunde, während es bei Solar- und Windenergie inklusive des Aufwandes für Reservekapazitäten (für Dunkelflauten), Speicherung und Netzausbau zehn bis zwölf Cent sind, so die Analyse. Greenpeace argumentiert daher, Geld sei in erneuerbaren Energien und Energieeinsparungen besser investiert als in Atomenergie. Der deutsche Atomausstieg sei daher nicht nur aus Sicherheitsgründen richtig gewesen, sondern auch wirtschaftlich klug.

Die NGO veröffentlichte die Studie mit Blick auf die am heutigen Freitag stattfindende Generalversammlung der Europäischen Investitionsbank (EIB), an der auch Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) teilnimmt. Die EIB legt dann den Investitionsfahrplan für die Jahre 2024 bis 2027 fest. Greenpeace zufolge hat die Bank in den letzten zwei Jahrzehnten 845 Millionen Euro in den Atomkraft-Sektor investiert und plant nun auch, die Entwicklung von Klein-AKW („Small Modular Reactors“, kurz SMR) zu unterstützen, wie sie unter anderem von Frankreich geplant werden.

Die Befürworter:innen von SMR argumentieren, sie würden durch serielle Bauweise Strom künftig billiger als die üblichen Groß-AKW produzieren. Bisher ist das aber nicht nachgewiesen. Ein relativ weit gediehenes Projekt des US-SMR-Herstellers Nuscale musste im vorigen Herbst aus Kostengründen aufgegeben werden.

Atomkraft in Schweden – direkte Beteiligung des Staates notwendig?

Unterdessen zeigt sich zum Beispiel in Schweden, dass die für die dort geplanten AKW-Neubauten vorgesehenen Kreditgarantien offenbar nicht ausreichen und eine direkte Beteiligung des schwedischen Staates notwendig sein wird. Die konservative Regierung in Stockholm will die Atomkraft ausbauen, ob durch Großreaktoren oder SMR ist noch offen. Laut der Zeitung „Aftonbladet“ hat die Regierung bislang vorgesehen, dafür nur Kredite in Höhe von umgerechnet rund 36 Milliarden Euro abzusichern. Der staatliche Energiekonzerns Vattenfall, der die Anlagen betreiben soll, wehre sich jedoch gegen dieses Modell.

Die Chefin des Unternehmens, Anna Borg, habe darauf hingewiesen, dass Vattenfall profitabel sein müsse, zumal das schwedische Parlament ein Rentabilitätsziel für den Konzern festgelegt habe. Borg habe aber nicht vor zu investieren, wenn die neuen AKW nicht kalkulierbar seien. Und wenn es etwas gebe, was schwer zu berechnen sei, dann sei es die Atomkraft, so heißt es in dem Bericht.

Rubriklistenbild: © picture alliance / empics

Kommentare