VonJoachim Willeschließen
Wer in der Nähe eines großen Flughafens lebt, atmet viel Feinstaub ein. Das kann zu Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und Demenz beitragen, wie eine Studie zeigt.
Frankfurt – Die Corona-Krise ist vorbei und mittlerweile steigen die Menschen zumindest im internationalen Verkehr fast wieder wie gewohnt in den Flieger. Im Mai erreichten die Passagierzahlen dort mehr als 97 Prozent des Vor-Corona-Werts von 2019. Mit Folgen für Klima und Umwelt, aber auch für die Gesundheit der Menschen in der Nähe großer Airports wie Frankfurt, München oder Düsseldorf. Das zeigt eine Untersuchung zur Belastung der Regionen mit Ultra-Feinstaub, der zu Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und Demenz beitragen kann.
Feinstaub in Flughafen-Nähe: Viele Menschen werden dadurch krank
Die Studie des europäischen Dachverbands von Verkehrs-NGOs, „Transport & Environment“, zeigt nach eigenen Angaben erstmals umfassend, wie stark die Emissionen des Flugverkehrs die Gesundheit der Airport-Anrainer in Europa belasten. Hier sind laut der Untersuchung 52 Millionen Menschen im Umkreis von 32 Großflughäfen betroffen. Die Belastung mit ultrafeinen Partikeln in der Atemluft wird danach mit rund 280.000 zusätzlichen Fällen von Bluthochdruck, 330.000 Fällen von Diabetes und 8000 Fällen von Demenz in Verbindung gebracht.
In Deutschland sind von der erhöhten Feinstaubbelastung demnach bis zu acht Millionen Menschen betroffen, die in einem Umkreis von 20 Kilometern um die Airports leben. Die für die Studie ausgewählten Flughäfen sind Frankfurt/Main, München, Düsseldorf, Köln/Bonn und Hamburg.
Feinstaub entsteht beim Verbrennen von Kerosin – 250.000 Menschen sterben vorzeitig
Feinstaub ist ein Luftschadstoff. Laut Schätzungen der Europäischen Umweltagentur sterben in der EU jährlich rund 250.000 Menschen vorzeitig, weil sie in Regionen lebten, in denen die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Richtwerte überschritten werden. Die ultrafeinen Partikel sind dabei besonders gefährlich, weil sie wegen der geringen Größe sehr tief in die Lunge eindringen und in den Blutkreislauf gelangen.
Auf Flughäfen entstehen die Feinstpartikel vor allem beim Verbrennen von Kerosin in den Triebwerken. Sie werden besonders beim Rollen sowie bei Starts und Landungen ausgestoßen. Menschen, die in einem Umkreis von fünf Kilometern um einen Airport leben, atmen laut dem Verband Luft ein, die im Schnitt zwischen 3000 und 10000 ultrafeine Partikel pro Kubikzentimeter enthält.
Die T & E-Studie basiert auf einer detaillierten Auswertung der Situation am Großflughafen Amsterdam-Schiphol. Die im Umkreis des Airports tatsächlich gemeldeten Fälle von Bluthochdruck, Diabetes und Demenz wurden mit den Angaben zur Bevölkerungsdichte und den dort vorhandenen Emissionsdaten korreliert. Das Ergebnis wurde dann anhand der Daten für die anderen untersuchten Flughäfen extrapoliert.
Feinstaubbelastung kann von unterschiedlichen Faktoren abhängen
Auswertungen des Umweltbundesamtes (UBA) am Flughafen Frankfurt/Main hatten bereits 2021 gezeigt, dass im Umfeld von Flughäfen die Belastung durch Ultrafeinstaub deutlich erhöht sein kann. Ursache seien vor allem die Turbinenabgase, die zu 90 Prozent zu den Werten beitrügen, teilte das Amt mit. Welche Gesundheitsbelastung sich dadurch für im Umkreis lebende Bevölkerung ergibt, wurde damals nicht untersucht.
Eine aktuelle Studie des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) zeigt aber, dass die Belastung sehr von den regionalen Gegebenheiten abhängen kann. Das Messprogramm zeigte für die rund zehn Kilometer östlich des Rhein-Main-Airports gelegene Stadt Neu-Isenburg, dass dort der Beitrag an ultrafeinen Partikeln aus dem Flugbetrieb „vergleichsweise gering“ sei. Als Hauptgrund dafür gibt das Amt an, der Wind wehe im Rhein-Main-Gebiet häufig aus Südwest oder aus Nordost. Neu Isenburg liege deswegen „auch nur selten im Abwindbereich des Flughafens“.
NGO-Forderungen: Kerosin muss durch CO₂-arme Stoffe ersetzt werden
Der NGO-Verband fordert, die Luftbelastung bei Flughäfen zu verringern, etwa mit einem Verbot schwefelhaltigen Kerosins, einem Hochlauf CO₂-freier synthetischer Treibstoffe sowie einer Verlagerung auf die Schiene. Er kritisierte, dass Kerosin hohe Schwefelanteile hat, was den Ausstoß der Ultrafeinpartikel deutlich erhöht. „Schwefelarmes Kerosin ist kostengünstig herstellbar und sollte daher Standard werden“, so die T & E-Expertin Marte van der Graaf. Das kann laut der Studie den Ausstoß von Ultrafeinpartikel aus dem Flugbetrieb um bis zu 70 Prozent senken.
Anja Köhne von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch kritisierte: „Der Flugverkehr ist nicht nur die klimaschädlichste Form der Fortbewegung, er gefährdet durch Lärm und Luftverschmutzung auch direkt die Gesundheit von Menschen im Umfeld von Flughäfen.“ Um das Risiko zu minimieren, müsse es neben technischen Maßnahmen auch um Strategien zur Verringerung des Flugverkehrs gehen. Germanwatch ist Mitglied bei T & E.
