VonMarkus Hofstetterschließen
Der Ökonom Sussmann erwartet, dass die KI nur die am besten und am schlechtesten bezahlten Arbeiten für die Menschen übrig lässt. Der Mittelstand bleibt auf der Strecke.
München - Laut einer Studie der Bank Goldman Sachs könnte Künstliche Intelligenz (KI) 300 Millionen Arbeitsplätze ersetzen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite sagt Verdi-Gewerkschafterin Nadine Müller, sie kenne keine Fälle, in denen neue KI-Technik absehbar ganze Berufe ersetzt. Und Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln meint, Forscher hätten bislang nicht feststellen können, dass wegen der KI-Technologie weniger Menschen Arbeit hätten.
Polarisierung des Arbeitsmarktes: Für die einfachsten Aufgaben braucht es einen Menschen
Daniel Susskind hat nun in einem Interview, das zuerst bei Le Figaro erschien und für die Welt übersetzt wurde, einen interessanten Aspekt ins Spiel gebracht. Der Ökonom von der Oxford University bezieht sich auf das Moravecsches Paradox, benannt nach dem Science-Fiction-Autor und Informatiker Hans Moravec.
Moravec „... sagte, dass gerade die Dinge, die wir mit unseren Händen am einfachsten durchführen können, am schwierigsten zu automatisieren sind“, so Susskind. Das sei auch der Grund, warum es keine Roboter-Friseure oder -Gärtner gebe, wohl aber Systeme und Maschinen, die medizinische Diagnose erstellten oder juristische Dokumente redigierten.
Ein Auto zu fahren oder einen Vogel mit einem schnellen Blick zu identifizieren, seien bis vor kurzem Tätigkeiten gewesen, die Wirtschaftswissenschaftler für schwer automatisierbar hielten. „Und doch ist das bei den meisten dieser Tätigkeiten mittlerweile der Fall.“
Übrig bleiben qualitativ minderwertige und qualitativ hochwertige Arbeitsplätze
Die Folge bezeichnen Wirtschaftswissenschaftler laut Sussmann als Polarisierung des Arbeitsmarktes. „Es gibt Aufgaben, die von den bestbezahlten Arbeitern der Gesellschaft durchgeführt werden und nur sehr schwer zu automatisieren sind, und andere Aufgaben, die von den am schlechtesten bezahlten Arbeitern erledigt werden, da sie entweder schwer automatisierbar sind oder eine solche Automatisierung nicht rentabel wäre.“
Dies würde zu einem Zwei-Klassen-Arbeitsmarkt führen, mit vielen schlecht bezahlten und qualitativ minderwertigen Arbeitsplätzen und einigen wenigen besser bezahlten und qualitativ hochwertigeren Arbeitsplätzen, die nach und nach ebenfalls von der Technologie aufgezehrt würden.
„Tatsächlich handelt es sich bei einer großen Anzahl von Jobs, die von der Technologie übernommen wurden, um eher durchschnittlich qualifizierte und mittelmäßig bezahlte, die traditionell eigentlich zahlreichen Personen der Mittelschicht eine komfortable und sichere Existenz bieten“, so Sussmann. Diese Arbeitsplätze seien nun zunehmend bedroht.
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KI auf dem Arbeitsmarkt: Neue Technologien könnten keine neuen Arbeitsplätze mehr schaffen
Sussmann geht auch darauf ein, wie sich die aktuelle Entwicklung von denen in der Vergangenheit unterscheidet. Früher sei die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch die Technologie mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze einhergegangen, die durch ebendiesen technischen Fortschritt erst ermöglicht wurden.
„Nun gibt es gute Gründe zu der Annahme, dass das in Zukunft nicht mehr der Fall sein wird“, so Sussmann. Das liege eben auch an der KI, die Arbeiten übernehmen könne, die man bisher nur dem Menschen zugetraut habe.
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