Zieht gesamte EU-Wirtschaft nach unten

Kollaps in der Baubranche: In Deutschland „wird es immer schlimmer“

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Die deutsche Baukrise zieht die gesamte EU-Wirtschaft in den Keller. Ein ‚perfekter Sturm‘ aus hohen Baupreisen und Vertrauensverlust erschüttert die Branche.

Berlin – Berlin - Die Probleme in der deutschen Bauindustrie haben nun auch internationale Medien auf den Plan gerufen. Wie die Financial Times (FT) am letzten Wochenende berichtete, steht Deutschland vor einem „Totalkollaps“ im Bausektor, der weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft haben könnte. Im Vergleich zu Europa sind die Immobilienpreise in Deutschland am stärksten gesunken, die Baukosten steigen am höchsten und die Anzahl der Bauaufträge ist im Vergleich zum Rest der EU geradezu eingebrochen. Die deutsche Baukrise zieht die gesamte EU-Wirtschaft nach unten.

Der „perfekte Sturm“: Baukrise durch verschiedene Faktoren

„Es wird immer schlimmer“, zitiert die FT Klaus Wohlrabe vom Ifo-Institut. Die hohen Baukosten, die in Deutschland seit der Pandemie um 40 Prozent gestiegen sind, kombiniert mit den gestiegenen Zinsen und dem damit verbundenen Verlust des Investorenvertrauens, haben zu einem unaufhörlichen Abwärtstrend geführt. Ein Bauunternehmer bezeichnet es in der FT als „perfekten Sturm“.

Die Krise im Bausektor wird als Teil des gesamtwirtschaftlichen Problems gesehen, das Deutschland derzeit plagt. Schließlich ist das Baugewerbe einer der wichtigsten Sektoren im Land: 2022 machte das Baugewerbe 5,7 Prozent der Bruttowertschöpfung aus, auch 2021 war der Sektor für mehr als fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verantwortlich. Es ist daher wenig überraschend, dass die Krise im Bausektor mit einer gesamtwirtschaftlichen Krise einhergeht.

Um der Bauindustrie aus der Krise zu helfen, hat die Politik bereits Maßnahmen ergriffen. Ein im September vorgestellter 14-Punkte-Plan zur Belebung des Bausektors wurde von Branchenvertretern als guter erster Schritt bezeichnet, aber eben nicht mehr. Letzte Woche haben Bund und Länder einen Pakt zur Beschleunigung der Planung vereinbart, der das Bauen erleichtern soll. Doch vor 2024 werden hier keine konkreten Maßnahmen erwartet.

Deutsche Bürokratie als Teil des Problems in der Bauwirtschaft

Genau das prägt auch die internationale Wahrnehmung der deutschen Krise. Die deutsche Bürokratie wird in ausländischen Medien als „ineffizient“ und „langsam“ bezeichnet. Auch in Deutschland fordern Branchenvertreter seit langem einen deutlichen Abbau der Bürokratie, die das System lähmt. Und natürlich sorgte die erneute Bezeichnung der deutschen Wirtschaft als „kranken Mann Europas“ durch The Economist hierzulande für Aufsehen.

Neben der Langsamkeit der deutschen Bürokratie kommt noch die Langsamkeit der Bauindustrie selbst hinzu: „Es braucht zwei bis drei Jahre, bis eine Immobilie von der Planungsphase in die Bezugsfertigkeit kommt“, sagt Wolfgang Schubert-Raab vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe in der Financial Times.

Mietwohnungen werden in einer Stadt gebaut.

Die Bauindustrie selbst erwartet jedoch eine Erholung im nächsten Jahr. Eine langsame zwar, aber es gibt wohl Grund zur Hoffnung. So sagte Thomas Reimann, Präsident des hessischen Baugewerbes, gegenüber IPPEN.MEDIA, dass vor allem das neue Strompaket der Bundesregierung zu einer Entlastung führen kann. „Es ist besser als gedacht“, so seine Einschätzung. „Es sieht also so aus, als werde es dieser Koalition gelingen, schnell und sogar für ein paar Jahre Verlässlichkeit ins System zu bringen.“ Vertrauen und Zuverlässigkeit - zwei Dinge, die Investoren für die Bauindustrie jetzt dringend brauchen.

Durch die Entlastung bei den Strompreisen erwartet er eine Preisreduktion für wichtige Materialien wie Beton, Steine und Ziegel, die alle mit hohem Energieaufwand hergestellt werden müssen. „Für eine Branche, der gegenwärtig kräftig der Wind entgegenbläst, ein wichtiger Schritt.“ In Hessen sieht er bereits jetzt „einen Silberstreif am Horizont“, der Wohnungsbau beginnt langsam wieder in Gang zu kommen. Zwar nicht überall und noch nicht in großem Umfang, betont Reimann. Doch die Aufträge seines Bauunternehmens hätten sich bis zum Ende des ersten Quartals 2024 wieder gefüllt.

Olaf Scholz fordert radikalen Umbau der Baupolitik

Darüber hinaus hat Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) die Städte und Gemeinden zu einer neuen, radikaleren Baupolitik aufgerufen. Das Problem für die stagnierende Bauwirtschaft seien derzeit nicht die hohen Zinsen, sondern unter anderem fehlendes Bauland und der Bau nicht benötigter Wohnungen, sagte Scholz bei einer Veranstaltung der Zeitung Heilbronner Stimme.

„Für ganz Deutschland kann man sagen: Wir brauchen wahrscheinlich 20 neue Stadtteile in den meist gefragten Städten und Regionen – so wie in 70er Jahren“, betonte der SPD-Politiker. Das Bauen auf der sogenannten grünen Wiese habe man in den vergangenen Jahren nicht gewollt, es sei aber notwendig, sagte er mit Blick auf den Wohnungsbedarf und die Annahmen einer wachsenden Bevölkerung. „Deshalb muss ein Umdenken in dieser Frage stattfinden“, forderte der Kanzler. Es brauche zudem eine politische Verabredung, mehr Bauland zur Verfügung zu stellen und auch dort höhere Bauten zuzulassen, wo dies verhindert worden sei. 

Rubriklistenbild: © Rolf Vennenbernd/dpa/Symbolbild

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