Flaute

Konjunktur: „Deutschland ist kein Abstiegskandidat“

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Ein Getriebekompressor in Oberhausen, der für den Export nach China bestimmt ist.
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Arbeitsmarktforscher Enzo Weber über den Pessimismus vieler Unternehmensbosse, die konjunkturelle Flaute und Fehler der Ampelkoalition.

Derzeit wird viel über die vermeintliche Schwäche der deutschen Wirtschaft gesprochen. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rät trotzdem zu Optimismus – und Investitionen.

Herr Weber, in den vergangenen Monaten wurde viel über Quiet Quitting gesprochen. Dass also immer mehr Beschäftigte nur noch „Dienst nach Vorschrift“ machen oder innerlich sogar schon gekündigt haben. Sie haben das untersucht und sagen nun: Die Pandemie hat keinen Quiet-Quitting-Trend ausgelöst. Haben wir Medien uns das nur eingeredet?

Die Medien sich selbst wohl nicht, aber die sozialen Medien haben es uns eingeredet. Dort verfügen einzelne Personen über großen Einfluss, aber das ist offensichtlich nicht repräsentativ. Klar, Fälle von Quiet Quitting gibt es, aber das spiegelt nicht den Gesamtarbeitsmarkt.

Wie sieht es tatsächlich aus?

Das, was man mit Quiet Quitting verbinden kann – sinkendes Engagement in der Arbeit, sinkende Arbeitgeberbindung –, das gibt es durchaus. Und zwar seit den 2010er-Jahren. Das ist kein Corona-Phänomen und auch kein Phänomen der berühmt-berüchtigten Generation Z, sondern eine grundsätzliche Entwicklung im Arbeitsmarkt, die sich aber seit der Pandemie eher wieder umgekehrt hat.

Inwiefern?

Corona hat sozusagen den Laden zusammengehalten. In Deutschland haben wird genau das Gegenteil von dem gesehen, was in den USA passiert ist. Dort gab es 2021 die Great Resignation: Viele Menschen haben ihre Jobs gekündigt und sich umorientiert. In Deutschland wurden dagegen viel weniger Jobs beendet als vor der Pandemie. Da spielt natürlich auch die Kurzarbeit eine Rolle. Zudem sind Qualifikationen hierzulande viel spezifischer als in den USA, das Personal ist also weniger austauschbar und es gibt weniger Bewegung im Arbeitsmarkt. Plus: Die Leute sind knapp geworden. Die Arbeitgeber haben also viel dafür getan, die Leute zu halten, weil sie wussten, dass sie verlorenes Personal so schnell nicht wiederbekommen.

In der Debatte über Quiet Quitting wird häufig über die jüngeren Generationen geschimpft: faul, arbeitsunwillig, nur an Work-Life-Balance interessiert. Was beobachten Sie?

Die Generation Z zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es viele Gerüchte über sie gibt. Die meisten Gerüchte sind wissenschaftlich aber nicht nachzuweisen, teilweise lässt sich sogar das Gegenteil nachweisen. Häufig heißt es zum Beispiel: Die jungen Leute wechseln ständig den Arbeitgeber. Aber in der Beschäftigungsstatistik sehen wir das nicht. Da sieht man zwar, dass jüngere Menschen häufiger den Job wechseln als ältere. Aber das war schon immer so, und das ist auch ganz normal.

Ein anderes gängiges Vorurteil ist, dass viele Menschen der jüngeren Generation kürzer arbeiten wollen.

Wenn man sich die Statistiken und Befragungen repräsentativ ansieht, dann stellt man fest: Das stimmt nicht. Die Arbeitszeitwünsche haben sich über Jahrzehnte kaum verändert. In den letzten Jahren gab es einen leichten Abwärtstrend, aber damit ist man nur wieder auf dem Niveau der 90er angekommen. Ein Ball, der im Spiel ist, ist die Viertagewoche. Die Viertagewoche will aber fast niemand – außer natürlich, wenn man das gleiche Geld wie vorher bekommt. Aber Viertagewoche und entsprechend weniger verdienen? Da stimmt fast niemand zu, das ist die Realität. Und dann sind wir wieder beim Engagement und der Bindung an den Arbeitgeber. Auch da können wir nicht feststellen, dass die Generation Z abfallen würde. Aber es gibt einen Anspruch, anders zu arbeiten und vor allem selbstbestimmter. Ich will einen Job haben, den ich in mein Leben einpassen kann, und keinen, an den ich mein Leben anpassen muss. Das ist der Anspruch.

Auch wenn es keinen Trend zum Quiet Quitting gibt: Was können die Arbeitgeber machen, um die Leute bei der Stange zu halten?

Kaffee, Obstkorb und Kicker spielen da keine größere Rolle. Es geht vor allem um das Gefühl der Selbstbestimmtheit. Bei den Arbeitszeiten,und wo mobile Arbeit möglich ist, fordern die Beschäftigten das auch ein. Wer auf Präsenzpflicht und eine fünftägige Anwesenheit im Büro besteht, wird auf dem knappen Arbeitsmarkt keinen Erfolg haben. Wichtig ist auch inhaltliche Selbstbestimmtheit mit der Botschaft: Du kannst dich mit dem Job entwickeln.

Zur Person

Enzo Weber ist Wirtschaftswissenschaftler. Seit 2011 arbeitet er als Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Zudem hat er einen Lehrstuhl an der Universität Regensburg inne. sbh

Die deutsche Wirtschaft stagniert, die Industrie ist besorgt. Einige Unternehmensbosse sprechen vom „Abstiegskandidaten Deutschland“. Was bedeutet diese Stimmung für den Arbeitsmarkt? Müssen wir uns auf stark steigende Arbeitslosenzahlen einstellen?

Sie sagen es schon richtig: Es ist eine Stimmung, und die ist mittlerweile echt schwer erträglich. Deutschland ist kein Abstiegskandidat. Schauen wir zurück: Ende der 2010er hatten wir eine globale Industrierezession, danach kamen Corona-Lockdowns, gestörte Lieferketten und die Energiekrise. Also mehrere Rückschläge hintereinander, aber kein Trend. Wir leben in Zeiten der Transformation und gerade für Deutschland sind die Chancen groß. Wasserstofftechnik, Energietechnik, Automobiltechnik, was auch immer: In all diesen Bereichen hat Deutschland hervorragende Grundlagen, das ist der Kern der deutschen Industrie. Die Innovations- und Entwicklungspotenziale sind riesig. Es ist falsch, den Kopf in den Sand zu stecken. Stattdessen brauchen wir eine entschiedene Investitionsstrategie – und zwar vom Staat wie auch von der Privatwirtschaft. Viele andere Länder verfügen gar nicht über die technologische Struktur, um sich selbst zu dekarbonisieren und um sogar zu einem Exporteur der neuen Industrie zu werden. Deutschland kann das.

Trotzdem sind wir im Moment in einer Delle.

Diese Delle ist eine Folge der Energiekrise. Wenn Energiepreisschocks auftreten, wie es bis Herbst 2022 der Fall war, dann brauchen die wirtschaftlichen Wirkungen ein bis anderthalb Jahre, bis sie richtig zu spüren sind. Und da sind wir jetzt. Aber die Flaute wird nicht von Dauer sein: Die Energiepreise sind stark gefallen und die Inflation fällt auch.

Die Flaute wird nicht von Dauer sein.

IAB-Forscher Enzo Weber

Und der Arbeitsmarkt?

Der ist grundsätzlich stabil. Die Betriebe halten ihre Leute und wir haben eine Arbeitskräfteknappheit, die so groß ist wie seit dem Wirtschaftswunder nicht mehr. Entlassungswellen sind also nicht zu erwarten. Schwierig sind die Einstellungen: Die Chancen von Arbeitslosen, in neue Jobs zu kommen, sind zu Beginn von Corona abgesackt und haben sich seither nicht mehr erholt. Im Moment sind die Chancen so schlecht wie zu Lockdownzeiten. Das ist das eigentliche Problem. Deshalb sollten wir die Finger davon lassen, jetzt ausgerechnet bei der Integration von Langzeitarbeitslosen die Mittel zu kürzen. Da müssen wir investieren, sonst kommen wir auch bei zwei Millionen offenen Stellen nicht von der Arbeitslosigkeit runter.

IAB-Forscher Enzo Weber.

Was genau muss passieren?

Man muss schnell reagieren. Wenn Menschen zu lange arbeitslos sind, werden die Bretter immer dicker. Es ist möglich, die Langzeitarbeitslosigkeit zu senken: Man muss in die individuellen Fälle rein. Die Situation von Langzeitarbeitslosen ist häufig sehr individuell, die Probleme sind vielfältig: fehlende Qualifikation, gesundheitliche Einschränkungen, die Pflege von Angehörigen. Dem muss man gerecht werden und auch die richtige Qualifizierung finden.

Und das kostet natürlich Geld.

Das kostet Geld, aber man kann auch etliche Milliarden sparen: Die Kosten der Arbeitslosigkeit liegen pro Jahr bei über 60 Milliarden Euro – und zwar nur die Kosten des Staates. Natürlich wird man die Arbeitslosigkeit nicht auf null reduzieren können. Zweistellige Milliardensummen könnte man mit Investitionen, die weit geringer sind, aber schon einsparen.

In einem Interview haben Sie im vergangenen Jahr gesagt: „Unsere Kinder werden wohlhabender sein als wir“. Haben Sie sich diesen Optimismus bewahrt?

Ja, aber damit Optimismus zu guten Ergebnissen führt, muss man auch etwas tun – auf dem Arbeitsmarkt, beim demografischen Wandel, bei der Dekarbonisierung und bei der Digitalisierung. Die Chancen sind da und sie sind größer als die Chancen der vorigen Generationen. Schauen Sie mal zurück in die 2000er-Jahre: Agenda 2010, Hartz-Reformen, mehr Druck auf Arbeitslose ausüben – das war zu Zeiten der Massenarbeitslosigkeit das Konzept der Bundesregierung für die Zukunft. Heute ist Zukunft etwas ganz anderes, aber man muss sie natürlich auch in die Hand nehmen.

Die aktuelle Bundesregierung hat sich den Titel „Fortschrittskoalition“ gegeben. Werden SPD, Grüne und FDP diesem Anspruch gerecht?

Die Koalition hat schon etliches umgesetzt und man darf nicht vergessen, dass es mit dem Ukrainekrieg einen herben Schock gab. Aber jetzt müssen wir nach vorne schauen – und ausgerechnet jetzt fängt die Regierung an, sich mit Streichlisten zu beschäftigen: Integration, Arbeitsmarktpolitik, Familien, Investitionen und andere mehr. Das ist nicht die richtige Richtung. Bis 2035 schrumpfen uns sieben Millionen Leute im Arbeitsmarkt weg, das muss irgendwie ausgeglichen werden. Da müssen wir ran. Genauso brauchen wir auch Investitionen für die Transformation. Dafür muss die Koalition jetzt den Schwung aufbringen, mit dem sie gestartet war.

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