VonLars-Eric Nievelsteinschließen
Der russische Automarkt leidet unter Überkapazitäten. Chinesische Importe überwiegen. Der Kreml arbeitet an Lösungen für die Krise.
Moskau – Russlands Wirtschaft steht unter erheblichem Druck, insbesondere in den Schlüsselbranchen. Selbst die Energieindustrie, die normalerweise erhebliche Einnahmen für den Kreml generiert, verzeichnet Rückgänge bei den Gewinnen. Verantwortlich dafür sind sowohl westliche Sanktionen als auch externe Faktoren. Im Ölsektor hat die Opec+ eine regelrechte Flut auf den Märkten verursacht. Ein ähnliches Szenario zeigt sich nun im russischen Automobilmarkt.
Russlands Automobilindustrie schwächelt – Kurzarbeit statt Konkurrenz zu Deutschland
Der Automobilsektor in Russland zeigt Schwächen. Im Jahr 2008 wurden noch drei Millionen Neufahrzeuge verkauft, und Experten gingen davon aus, dass Russland Deutschland als größten Automarkt Europas ablösen könnte. Doch dann folgten Ukraine-Krieg und der Rückzug westlicher Unternehmen. Im Jahr 2024 erreichte der russische Automarkt nur noch die Hälfte der früheren Umsätze, mit einer weiter sinkenden Tendenz.
Ein Beispiel für die Herausforderungen in der Autoindustrie ist Avtovaz, der größte russische Automobilhersteller, bekannt für den Lada. Im Sommer kündigte das Unternehmen einen vorgezogenen Betriebsurlaub an, und nun droht der Belegschaft Kurzarbeit. Ab dem 29. September könnten „allgemeine Tendenzen“ zur Einführung einer Vier-Tage-Woche führen, wie der Focus unter Berufung auf den Pressedienst von Avtovaz berichtete. Avtovaz ist nicht allein: Auch andere Fahrzeughersteller wie der Lkw-Konzern Kamaz und der Bus-Spezialist Liaz haben bereits Kurzarbeit eingeführt.
Die „allgemeine Tendenzen“ umfassen unter anderem verschärfte Bedingungen für Autokredite und den weiterhin hohen Leitzins von 17 Prozent in Russland. Der russische Autosektor leidet zudem unter einer massiven Einfuhr von Importfahrzeugen. Dies führt zu einem Stau von Pkw in den Lagerhallen, mit aktuellen Zahlen von 400.000 Fahrzeugen, die noch auf den Verkauf warten.
Peking dominiert Russlands Wirtschaft – „Lagerplatz für Exzesskapazität“
Ein weiteres Problem betrifft nicht nur die Autoindustrie, sondern die gesamte russische Wirtschaft. Seit dem drastischen Rückgang des Handels mit dem Westen aufgrund des Ukraine-Kriegs hat sich Moskau verstärkt an Peking gewandt, um die Handelsbilanz zu stabilisieren. China hat nicht nur russische Produkte übernommen, die Europa nicht mehr kaufen wollte, sondern auch begonnen, verstärkt Waren nach Russland zu exportieren.
Besonders in der Automobilbranche ist diese Entwicklung ausgeprägt. Im Jahr 2024 lieferte China eine Million Autos nach Russland, etwa das Siebenfache der Menge von 2022. Bereits im Frühjahr 2025 berichtete Business Insider, dass im Kreml die Sorge wächst, China könnte die russischen Hersteller unter Druck setzen. Der Kreml hatte bereits die Einfuhrzölle auf Autos aus chinesischer Produktion erhöht. Diese Sorge erweist sich nun als berechtigt.
Russland ist derzeit Chinas größter Exportmarkt, mit einem Anteil von 30 Prozent an Chinas Exporten, wie die Financial Times berichtete und sich dabei auf die China Passenger Car Association berief. Die Entscheidung Russlands, die Einfuhrzölle zu erhöhen, zeige: „Sogar Chinas geopolitischer enger Verbündeter hat etwas dagegen, zu einem Lagerplatz für chinesische Exzesskapazität zu werden“. Im ersten Halbjahr erreichten chinesische Fahrzeuge einen Marktanteil von rund 55 Prozent bei den Neuwagenverkäufen.
Unterstützung aus dem Kreml – Autoindustrie mit „alternativer Beschäftigung“
Wie geht es weiter? Die russische Wirtschaft hofft auf eine Senkung der Leitzinsen auf etwa zwölf Prozent, um die Kreditaufnahme für Unternehmen zu erleichtern. Doch die Zentralbank unter Elvira Nabiullina hat bereits gewarnt, dass eine zu schnelle Zinssenkung die Gefahr einer rasch wieder ansteigenden Inflation birgt.
In der Automobilbranche plant der Kreml-Chef Wladimir Putin, durch soziale Maßnahmen Unterstützung zu leisten. Die Behörden arbeiten angeblich an einem Plan zur „alternativen Beschäftigung“, wie es der für die Industrie zuständige russische Vizeregierungschef Denis Manturow ausdrückte. Damit sollen Einkommensverluste kompensiert werden.
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