„Weg aus dem Teufelskreis“

„In 4 Schritten zur 4-Tage-Woche“: Linke präsentiert Konzept für Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich

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Die Vier-Tage-Woche gegen Fachkräftemangel und Pflegenotstand: Die Linke stellte in Berlin ein Vier-Schritte-Konzept zur Verkürzung der Arbeitszeit vor.

Berlin – Die Linke hat am Montag (25. März) ein ambitioniertes Konzept vorgestellt, das die Einführung einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich vorsieht. Dabei soll nach den Vorstellungen der Partei der öffentliche Dienst eine Vorreiterrolle übernehmen, kleine Betriebe sollen finanzielle Unterstützung erhalten. Nur so könne man dem dramatischen Fachkräftemangel und Pflegenotstand entgegentreten. Schon im Zuge der Tarifverhandlungen der GDL mit der Bahn hatte die Linke die 30-Stunden-Woche bei vollem Ausgleich gefordert.

Auf einer Pressekonferenz stellte Ates Gürpinar, Bundesgeschäftsführer der Linken, das Konzept „In 4 Schritten zur 4-Tage-Woche“ vor. (Archivbild)

„In 4 Schritten zur 4-Tage-Woche“: Linke präsentiert Konzept für Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich

Auf der Pressekonferenz am Montagmittag in Berlin stellte der Bundesgeschäftsführer der Linken, Ates Gürpinar, das Konzept „In 4 Schritten zur 4-Tage-Woche“ vor. Bei ihren Forderungen stützt sich die Linke auch auf die alarmierenden Daten von Krankenkassen. Laut Fehlzeiten-Report der AOK nimmt die Zahl der Krankentage aufgrund von psychischer Belastung kontinuierlich zu: „Im Vergleich sorgen psychische Erkrankungen mit durchschnittlich 29,6 Arbeitsunfähigkeitstagen je Fall, für deutlich längere Ausfallzeiten, als das beispielsweise bei Atemwegserkrankungen mit nur 7,1 Tagen im Durchschnitt“, so die AOK.

Laut Gesetz sind Arbeitgeber zwar eigentlich dazu verpflichtet, regelmäßig die „psychischen Belastungen“ ihrer Arbeitnehmer zu monitoren. De facto würde das aber „kaum umgesetzt und nicht kontrolliert“, so die Linke. Sie sieht darum eine neue „Anti-Stress-Verordnung“ und ein gesetzliches Anrecht auf flexiblere Arbeitszeiten, ein sogenanntes Wahlarbeitszeitgesetz vor. Darin verankert: Arbeitszeitmodelle, die an unterschiedliche Lebenssituationen angepasst sind.

Es finden sich immer weniger junge Menschen für Pflegeberufe, denn die miesen Arbeitsbedingungen haben sich herumgesprochen. 

Ates Gürpinar, Bundesgeschäftsführer Die Linke

Fachkräftemangel und Pflegenotstand: Linke fordert Arbeitszeitverkürzung und flexible Arbeitszeiten

„Rund 3000.000 Pflegekräfte könnten sofort zur Verfügung stehen, wenn die Beschäftigten weniger Stress hätten“, so Gürpinar unter Berufung auf Zahlen der Hans-Böckler-Stiftung. Unter den gegebenen Arbeitsbedingungen jedoch stecke man im Teufelskreis: „Die Menschen, die in Beschäftigung sind, stehen unter immer höheren Belastungen“. Die, die vor der Berufswahl stehen, entschieden sich hingegen immer seltener für – oder auch zur Rückkehr in Branchen, in denen der Notstand besonders hoch ist: „Die miesen Arbeitsbedingungen haben sich herumgesprochen.“

„Regierung muss eingreifen“: Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich

„Mehr als 80 Prozent der Vollzeitbeschäftigten befürworten die Vier-Tage-Woche in Deutschland. Allerdings haben viele Angst vor Lohneinbußen“. Darum sei klar, dass die Arbeitszeitverkürzung nur bei vollem Lohnausgleich funktioniere, eine Forderung, die vorangegangen auch von der IG Metall aufgestellt wurde.

„Die Regierung muss eingreifen und die Arbeitszeit zügig mit vollem Lohnausgleich reduzieren“, so der Linke-Bundesgeschäftsführer Ates Gürpinar. „Nur so kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden.“

Die Diskussion um die 4-Tage-Woche und Fachkräftemangel wird von Lindner, Habeck und Arbeitgeberverbänden falsch geführt: Denn auch Firmen haben hier etwas zu gewinnen.

Ates Gürpinar, Bundesgeschäftsführer Die Linke

Öffentlicher Dienst soll Vorreiterrolle übernehmen: Linke fordert Vier-Tage-Woche

Die Partei fordert, dass der öffentliche Dienst eine führende Rolle bei der Umsetzung der Viertagewoche übernimmt: „Denkbar ist eine schrittweise Reduzierung auf 32 Stunden pro Woche. Das erlaubt die Anpassung der Abläufe an die vorhandene Arbeitskapazität und ermöglicht auch Berufsrückkehrern und Teilzeitkräften eine verlässliche Perspektive“. Die Regierung schaffe so einen Standard auf dem Arbeitsmarkt, „an dem sich auch die private Konkurrenz orientieren muss, wenn sie neue Fachkräfte gewinnen will. “, erklärte Gürpinar.

Besonders in Branchen mit Fachkräftemangel könnte eine verkürzte Arbeitswoche bei gleichem Lohn die Attraktivität der Arbeitsplätze erheblich steigern, argumentiert Gürpinar. „Wir reden nicht von einem „nice-to-have“ von Berliner Start-ups, sondern von der Idee einer breiten gesellschaftlichen Umverteilung von Arbeitszeit.“

„Falsch geführte Diskussion von Lindner, Habeck und Co.“: 4-Tage-Woche als Win-Win-Szenario

Die Diskussion um die 4-Tage-Woche und Fachkräftemangel werde von Christian Lindner, Robert Habeck und Arbeitgeberverbänden falsch geführt, so der Linke-Politiker, denn auch für Unternehmen gebe es einiges zu gewinnen: „Geringere Krankheitskosten, weniger Fluktuation und damit weniger Produktivitätsverluste durch fehlendes, überlastetes oder hastig eingearbeitetes Personal“. Gerade in Branchen mit Fachkräftemangel könne eine verminderte Arbeitszeit bei gleichem Lohn die Attraktivität der Arbeitsplätze deutlich erhöhen.

Dass die Vier-Tage-Woche auch für Arbeitgeber besser ist, weil sie sogar zu einer höheren Produktivität führt – und damit die Umsätze des Unternehmens steigern kann, ergaben bereits Studien der Non-Profit-Initiative „4 Day Week Global“.

Bittere Erkenntnis - ein innenpolitischer Rückblick auf das Jahr 2023

Seit Januar: Christine Lambrecht gibt das Verteidigungsministerium auf, ihr folgt Boris Pistorius nach, der die Balance zwischen seinem zögerlichen Kanzler und den von Moskau diktierten Notwendigkeiten des Krieges in der Ukraine besser hält. Im Mai holt sich Pistorius mit Carsten Breuer einen neuen Generalinspekteur. Breuer hatte sich als Manager bei der Ahrflut in der Öffentlichkeit bewährt. Bild: T. SCHWARZ/AFP
Seit Januar: Christine Lambrecht gibt das Verteidigungsministerium auf, ihr folgt Boris Pistorius nach, der die Balance zwischen seinem zögerlichen Kanzler und den von Moskau diktierten Notwendigkeiten des Krieges in der Ukraine besser hält. Im Mai holt sich Pistorius mit Carsten Breuer einen neuen Generalinspekteur. Breuer hatte sich als Manager bei der Ahrflut in der Öffentlichkeit bewährt. Bild: T. SCHWARZ/AFP © AFP
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April: Die Maskenpflicht wegen Coronaviren-Gefahr wird auch in Arztpraxen beendet. Damit gilt Deutschland de jure als von der Pandemie befreit. Die Viren schwirren natürlich weiter umher, aber nun gelten sie als ähnlich gesundheitsgefährdend wie Grippeviren. Die Corona-Impfung wird zur weiteren Vorsorgeimpfung. Kennt man ja. Und was geschieht nun im Winter? Corona und Grippe melden sich zurück. rut/Bild: imago images © IMAGO/Revierfoto
Mai: Auch wenn Jahrhundertkabarettist Matthias Beltz weiterhin Recht behält mit Bremen („Da gewinnt die SPD immer, egal welcher Pfft kandidiert“), ist es für die Partei im Jahr 2023 doch ein Grund zur Freude, dass sie die Bürgerschaftswahl wieder gewinnt. Finden auch der rockige Co-Parteichef und Klampfer Lars Klingbeil und der singende Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit Shaker. Rock on! bild: Carmen Jaspersen/AFP
Mai: Auch wenn Jahrhundertkabarettist Matthias Beltz weiterhin Recht behält mit Bremen („Da gewinnt die SPD immer, egal welcher Pfft kandidiert“), ist es für die Partei im Jahr 2023 doch ein Grund zur Freude, dass sie die Bürgerschaftswahl wieder gewinnt. Finden auch der rockige Co-Parteichef und Klampfer Lars Klingbeil und der singende Bürgermeister Andreas Bovenschulte mit Shaker. Rock on! bild: Carmen Jaspersen/AFP © AFP
August: Mit dem Bericht über ein antisemitisches Flugblatt sichert die „Süddeutsche Zeitung“ unbeabsichtigt Hubert Aiwangers Freien Wählern in Bayern den Landtagswahlsieg. Bedröppelt steht nun Markus Söders CSU da, die immer glaubte, sie habe die bayrische Volksseele fest im Griff. Söder bleibt zwar Ministerpräsident, aber Juniorpartner Aiwanger rückt immer näher an die Seniorität. Bild: Tobias SCHWARZ/AFP
August: Mit dem Bericht über ein antisemitisches Flugblatt sichert die „Süddeutsche Zeitung“ unbeabsichtigt Hubert Aiwangers Freien Wählern in Bayern den Landtagswahlsieg. Bedröppelt steht nun Markus Söders CSU da, die immer glaubte, sie habe die bayrische Volksseele fest im Griff. Söder bleibt zwar Ministerpräsident, aber Juniorpartner Aiwanger rückt immer näher an die Seniorität. Bild: Tobias SCHWARZ/AFP © AFP
August: Björn Höcke, der faschistische AfD-Chef in Thüringen – und eigentliche Tonangeber bei den Rechtsaußen – hat es in Aussicht gestellt: Nach 2023 befindet sich Deutschland im „Vorbürgerkrieg“. Das lässt sich als nichts anderes denn als Kampfansage an alles Menschliche und Anständige verstehen. Höcke und seine AfD sind nicht die ersten Rechten der Nachkriegszeit, die mit allen Mitteln die Macht ergreifen wollen. Doch die Chancen von Höckes Gefolgschaft sind erschreckend hoch. Im August veröffentlichte Infratest dimap eine Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten in Deutschland gegen Kooperationen mit der AfD auf lokaler und regionaler Ebene nichts einzuwenden hätten. Und Insa legte nach: 33 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern wären bereit, die AfD zur stärksten Macht im Deutschen Bundestag zu erheben. Bild: Sascha Fromm/Imago Images
August: Björn Höcke, der faschistische AfD-Chef in Thüringen – und eigentliche Tonangeber bei den Rechtsaußen – hat es in Aussicht gestellt: Nach 2023 befindet sich Deutschland im „Vorbürgerkrieg“. Das lässt sich als nichts anderes denn als Kampfansage an alles Menschliche und Anständige verstehen. Höcke und seine AfD sind nicht die ersten Rechten der Nachkriegszeit, die mit allen Mitteln die Macht ergreifen wollen. Doch die Chancen von Höckes Gefolgschaft sind erschreckend hoch. Im August veröffentlichte Infratest dimap eine Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten in Deutschland gegen Kooperationen mit der AfD auf lokaler und regionaler Ebene nichts einzuwenden hätten. Und Insa legte nach: 33 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern wären bereit, die AfD zur stärksten Macht im Deutschen Bundestag zu erheben. Bild: Sascha Fromm/Imago Images © IMAGO/Funke Foto Services
Oktober: Sahra Wagenknecht beweist mit der langwierigen Trennung von ihrer alten Partei, dass nicht nur Männer die Stimmung im Land herunterziehen können. Ob die BSW-Neugründung einer linken oder linkspopulistischen oder radikal linken Partei eine Zukunft hat, muss sich noch weisen. Immerhin hat sie der Linkspartei nun ein historisch vernehmbares Aufatmen ermöglicht. Bild: imago images
Oktober: Sahra Wagenknecht beweist mit der langwierigen Trennung von ihrer alten Partei, dass nicht nur Männer die Stimmung im Land herunterziehen können. Ob die BSW-Neugründung einer linken oder linkspopulistischen oder radikal linken Partei eine Zukunft hat, muss sich noch weisen. Immerhin hat sie der Linkspartei nun ein historisch vernehmbares Aufatmen ermöglicht. Bild: imago images © IMAGO/Emmanuele Contini
Seit Oktober: Die Massaker der Hamas im Süden Israels rufen in Deutschland Schock, Trauer und eine Welle der Solidarität hervor. Sie treiben aber auch Antisemitinnen und Antisemiten aus allen politischen Lagern aus ihren Löchern. Der harte Gegenschlag der Israelis im Gazastreifen befeuert die deutsche Debatte und lässt die Fronten nur noch mehr verhärten. Bild: Carsten Koall/dpa
Seit Oktober: Die Massaker der Hamas im Süden Israels rufen in Deutschland Schock, Trauer und eine Welle der Solidarität hervor. Sie treiben aber auch Antisemitinnen und Antisemiten aus allen politischen Lagern aus ihren Löchern. Der harte Gegenschlag der Israelis im Gazastreifen befeuert die deutsche Debatte und lässt die Fronten nur noch mehr verhärten. Bild: Carsten Koall/dpa © dpa
Christian Lindner, Robert Habeck und Olaf Scholz im Bundestag.
Seit November: Das Bundesverfassungsgericht kippt alle Reformpläne der Ampel-Koalition , weil deren Finanzierung nicht verfassungskonform ist. Nun ist auf der Regierungsbank guter Rat plötzlich sehr teuer – © AFP

Konzept der Linken: Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich

Die Linke betont zudem die Notwendigkeit einer finanziellen Unterstützung für kleine Betriebe, die sich aufgrund geringer Umsätze und Gewinne die Umstellung auf die Viertagewoche nicht leisten können. „Für sie kann der Übergang zum Viertage-Modell mithilfe von zeitlich begrenzten Lohnzuschüssen erleichtert werden“, heißt es in dem Konzept. Als Beispiel wird ein Modellprojekt in Spanien genannt: Dort fördert die Regierung Unternehmen mit bis zu 250 Beschäftigten beim Erproben der 4-Tage-Woche. Neben den Löhnen werden dabei auch Kosten für die Entwicklung neuer Arbeitszeitmodelle bezuschusst.

Pilotprojekt Vier-Tage-Woche: 50 Unternehmen reduzierten bereits Arbeitszeit – bei vollem Gehalt

Einen Tag weniger arbeiten bei vollem Gehalt – diese Idee wird inzwischen bereits flächendeckend getestet. Im Februar dieses Jahres startete in Deutschland ein umfassendes Pilotprojekt von 50 Unternehmen, die die Arbeitszeit bei vollem Gehalt reduzieren. Der Feldversuch wird Hinweise auf die dringliche Fragestellung geben können, ob sie den Fachkräftemangel tatsächlich abmildern kann. Denn dass eine Vier-Tage-Woche Arbeitnehmern entgegenkommt, liegt auf der Hand.

Rubriklistenbild: © Imago/dts

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