Gegen Video-„Reue“: Deutscher YouTube-Chef gibt Einblick in Algorithmus-Geheimnisse
VonMarkus Knall
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Anne-Christine Merholz
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YouTube-Deutschland-Chef Andreas Briese spricht im Interview über die digitale Transformation und KI und wirft einen Blick in die Zukunft.
Von Katzenvideos zur Milliarden-Industrie: YouTube hat sich in 15 Jahren zur wichtigsten Videoplattform der Welt entwickelt. Allein in Deutschland unterstützt das kreative Ökosystem 28.000 Arbeitsplätze und trägt eine Milliarde Euro zum Bruttoinlandsprodukt bei. Doch wie geht es weiter?
YouTube-Deutschland-Chef Andreas Briese (links) im Gespräch mit Ippen.Media-Chefredakteur Markus Knall (Mitte) und Anne-Christine Merholz, Mitglied der Chefredaktion.
Mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media spricht YouTube-Deutschland-Chef Andreas Briese über die Herausforderungen der digitalen Transformation, den Konkurrenzkampf mit TikTok und die Frage, warum deutsche Creator besonders erfolgreich sind. Außerdem erklärt er, warum ein Social-Media-Verbot für Jugendliche mehr schade als nütze und wie Künstliche Intelligenz die Plattform revolutioniert. In der Interview-Reihe „Big Business Bosse“ sprechen wir regelmäßig mit Lenkern großer Unternehmen.
Wenn Sie, Herr Briese, in 15 Jahren Ihrem Ich einen Rat geben könnten, wie sähe der aus?
Ich hoffe, den Zug der Zeit so gut verstanden zu haben, dass ich auf den richtigen Waggon aufgesprungen bin. Im Moment ändert sich gerade so viel, dass man wirklich ein sehr tiefes Technikverständnis und ein wirtschaftliches und politisches Verständnis haben muss, um zu verstehen, in welche Richtung sich die Welt dreht. Ich hoffe, in 15 Jahren sagen zu können: Die Firma und ich haben den richtigen Riecher gehabt.
Und wie wird sich YouTube entwickeln?
YouTube wird in 15 Jahren sicher anders aussehen als jetzt. Heute ist YouTube eine Plattform, auf der ich alle Arten von Inhalten habe. Es gibt auch, wie vor 15 Jahren, immer noch Hunde und Katzen auf Skateboards. Gleichzeitig gibt es auch wahnsinnig professionelle Inhalte von Creatorinnen und Creatoren, die mittlerweile zu den einflussreichsten Kreativen der Welt zählen, wie zum Beispiel MrBeast. Bei ihm sind teilweise die Produktionskosten einzelner Videos mit bis zu 5 Millionen Dollar so hoch wie die einer ganzen deutschen TV-Serie. Sie haben eine globale Reichweite. YouTube wird heute in erster Linie auf Mobiltelefonen und auf Fernsehgeräten gesehen. Das hat keiner von uns damals vorhergesehen. Was wir insbesondere damals nicht vorhergesehen haben: Aus diesen Hobby-Kreativen im Wohnzimmer ist ein ganzes kreatives Ökosystem entstanden, das in Deutschland im Jahr 2024 nach einer Untersuchung von Oxford Economic 28.000 Arbeitsplätze unterstützt und einen Wertbeitrag zum Bruttoinlandsprodukt von einer Milliarde Euro geleistet hat. Daher, keine Ahnung, wie YouTube in 15 Jahren aussehen wird. Wovon ich aber fest ausgehe, ist, dass wir an unserer Mission: „Wir geben jedem eine Stimme“ festhalten werden.
Welches Video haben Sie sich zuletzt privat bei YouTube angeschaut?
Ich bin Hobby-Fahrradfahrer, deshalb war das letzte Video wahrscheinlich ein Rad-Trainings-Video. Oder eventuell auch ein Mathe-Video von Lehrerschmidt. Ich habe drei Kinder, die lernen mit mir zusätzlich zur Schule mit YouTube, wenn ich nicht weiter weiß.
Thema Filterblase. Viele Menschen fragen sich, warum wird mir denn gerade das angezeigt …
Der Algorithmus empfiehlt Videos, von denen YouTube annimmt, dass sie für den Nutzer ein nachhaltig zufriedenstellendes Seherlebnis schaffen. Dazu wird unter anderem die bisherige Nutzungshistorie analysiert, um eine Prognose für das nächste Video zu treffen. Das Ziel ist nicht zwingend, das meistgesehene Video vorzuschlagen, sondern eines, das dafür sorgt, dass der Nutzer gerne wiederkommt. Dabei versucht der Algorithmus aktiv, Zuschauende mit vielfältigen Inhalten in Kontakt zu bringen.
Aber die Kritik ist, dass diese Rabbit-Holes – also thematische Echokammern – gefährlich sind und aktiv bespielt werden. Was sagen Sie diesen Kritikern?
Das wäre kein nachhaltiges Handeln. Wir möchten nicht, dass die Zuschauer es bereuen, sich bestimmte Videos angesehen zu haben. Tatsächlich untersuchen immer mehr unabhängige Forscher, wie sich Technologieplattformen auf den Konsum extremer Inhalte auswirken. Während die Forschung noch andauert, legen mehrere veröffentlichte Artikel nahe, dass YouTube-Empfehlungen die Zuschauer nicht tatsächlich zu extremen Inhalten lenken. Vielmehr spiegelt der Konsum von Nachrichten und politischen Inhalten auf YouTube eher persönliche Vorlieben wider, die sich in den Online-Gewohnheiten der Nutzer widerspiegeln.
Die EU will aber, dass YouTube mehr Meinungsvielfalt fördert. Wie können Sie das erreichen?
Also meiner Meinung nach ist die Vielfalt so groß wie nie auf YouTube. Und Meinungsvielfalt entsteht in erster Linie, indem man möglichst viel Meinung auf der Plattform hat. Meinungen, die aus hochwertigen Quellen kommen, und speziellen Nachrichteninhalten einen bevorzugten Platz gibt – und das tun wir. Wir haben viele Kooperationen mit Nachrichtenanbietern und für die haben wir Flächen geschaffen, die eine entsprechende Prominenz auf YouTube gewährleisten. Dadurch wird es für die Zuschauer einfacher, diese Inhalte auf YouTube zu finden.
Ihre Richtlinien verbieten Hassrede. Trotzdem nutzen Extremisten YouTube für ihre Propaganda, um diese dann in externen Quellen, wie zum Beispiel Telegram, zu verbreiten. Wie gehen Sie damit um?
Wenn Dinge hochgeladen werden, wie zum Beispiel Hassrede, die nicht mit unseren Community-Richtlinien übereinstimmen, entfernen wir diese Videos rigoros. Bei der Durchsetzung unserer Richtlinien setzen wir auf eine Kombination aus automatischen Systemen und menschlicher Überprüfung. Die meisten Videos überprüfen wir automatisiert. Das sind pro Quartal global immer ungefähr vier Millionen Videos, die wir entfernen – im zweiten Quartal 2025 wurden 97 Prozent der aufgrund von Verstößen gegen unsere Richtlinien entfernten Videos zuerst von unseren automatischen Systemen erkannt.
Aber Kritiker sagen, Ihr Geschäftsmodell besteht aus Interaktion und Klickzahlen. Normalerweise sorgen polarisierende Inhalte für mehr Klickzahlen und für mehr Interaktion. Reicht es dann nur, die Videos zu löschen, oder ist da auch geboten, dass Sie den Algorithmus anpassen?
Unser Geschäftsmodell ist es, Nutzern ein nachhaltig zufriedenstellendes Nutzerergebnis zu geben, das aber gleichzeitig sicher ist. Teil des Geschäftsmodells ist es auch, unseren Werbekunden und den Kreativen ein sicheres und vertrauenswürdiges Umfeld zu geben. Inhalte, die wirklich stark polarisieren, sind für uns nicht geschäftsfördernd. Wir heben qualitativ hochwertige Inhalte von etablierten Nachrichtenagenturen oder Gesundheitsbehörden zu relevanten Themen hervor.
Die westliche Welt hat sich sehr stark verändert, ist gespalten. Auch in Deutschland haben wir verschiedene Gruppen, die sich voneinander entfernt haben. Welche Verantwortung sehen Sie bei YouTube?
Unsere Aufgabe ist es, eine Plattform für alle zur Verfügung zu stellen, für offenen Meinungsaustausch, die aber sicher ist. Was wir bei allen Teilnehmern auch in diesem demokratischen Prozess sagen: Nutzt YouTube, um eure Stimme zu erheben. Wenn ihr nicht mit eurer Stimme auf der Plattform seid, gebt ihr Raum für andere Stimmen und nur die Vielfalt entscheidet.
In Deutschland beginnt eine Diskussion um das Verbot von Social Media für unter 16-Jährige. Viele Kinder und Jugendliche nutzen YouTube. Wie blicken Sie auf die Verbotsdiskussion?
Der Schutz von Kindern und Jugendlichen ist uns ganz wichtig. Wir wissen um die guten Aspekte, die YouTube hat, es wird z.B. gerne in der und für die Schule eingesetzt. Aber was ganz entscheidend ist, dass Kinder und Jugendliche eine altersgerechte YouTube-Erfahrung brauchen. Deswegen gibt es nicht nur ein YouTube, sondern, abhängig davon, wie alt ich bin, verschiedene Versionen. Zum Beispiel gibt es YouTube Kids, eine eigenständige App mit familienfreundlichen Inhalten für bis zu 12-Jährige, wo viele Funktionen überhaupt nicht zur Verfügung stehen. Ich kann zum Beispiel nicht kommentieren, keine Videos hochladen und teilen. Eltern, deren Kinder alt genug sind für eine erweiterte Erfahrung, können mit YouTube unter Elternaufsicht Zugang zum Hauptangebot von YouTube geben, dabei aber zwischen drei Inhaltseinstellungen wählen, um altersgerechte Nutzung zu ermöglichen. Das Mindestalter für die Erstellung eines selbst verwalteten Accounts und auch eines eigenen YouTube Kanals in Deutschland ist 16. Eltern haben die Möglichkeit, ihr Konto mit dem des Teenagers zu verknüpfen, um Kanalaktivitäten im Blick zu behalten und das kreative Erstellen von Inhalten zu begleiten. Wir als Plattform nehmen unseren Teil der Verantwortung wahr durch die Bereitstellung von altersgerechten Möglichkeiten und der konsequenten Durchsetzung unserer Richtlinien. Ganz wichtig ist: es braucht auch die Eltern für einen verantwortungsbewussten Umgang.
Was würde es für YouTube bedeuten, wenn es tatsächlich ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige gibt?
Wir können das nicht für die Social-Media-Plattformen beurteilen, da YouTube sich signifikant von diesen Plattformen unterscheidet. Inhalte werden insbesondere nicht auf Basis der Nutzungspräferenzen von Freunden empfohlen. Ein YouTube-Verbot unter 16 würde abgesehen davon viele Fragen aufwerfen. Wann und wie wäre eine Altersverifikation erforderlich? Ist es ein generelles Verbot oder lässt die Zustimmung der Eltern eine Nutzung von YouTube zu? Das Entscheidende ist, dass Kinder und Jugendliche YouTube altersgerecht konsumieren können, weil die Chancen die Risiken bei weitem überwiegen. Ich glaube, ein Schüler im Alter von 16 Jahren ohne YouTube hätte deutlich mehr Schwierigkeiten in der Schule als mit YouTube. YouTube ist mittlerweile für viele ein guter Nachhilfelehrer. Eine neue Studie hat gezeigt, dass deutsche Eltern und Lehrer der Meinung sind, dass YouTube qualitativ hochwertige Inhalte für die Bildung ihrer Kinder bietet – und dass YouTube in ganz Europa die führende Plattform für die Bildung von Kindern ist. Zwei Drittel, nämlich 69 % der befragten Eltern, stimmten in einer Umfrage von Oxford Economics zu, dass YouTube ihren Kindern beim Lernen hilft. Bei uns zu Hause ist das auch so, wie schon erwähnt.
Thema künstliche Intelligenz: Als normaler Benutzer, wie merke ich das jetzt schon im Alltag?
Creator sind dazu verpflichtet, realistischen, synthetischen Content als diesen zu kennzeichnen, um transparent gegenüber dem Konsument zu sein. Und im Creative Studio, also dem Management-Tool für Inhalte, haben wir zuletzt viele KI-Tools gelauncht. Man kann zum Beispiel Special Effects erstellen. Wir haben eine Text-to-Video-Möglichkeit. Ich prompte etwas rein und heraus kommt ein fantastisches Video. Ich kann demnächst auch mit einem deutschen Video zum Beispiel ein spanisches Publikum erreichen, in dem lippensynchron mit meiner Stimme auf Spanisch gesprochen wird. Als Nutzer sehe ich KI-generierte Untertitel. Das wird jetzt ergänzt durch Synchronisation. KI ist für uns eine Methode, um Kreativität und Nutzung einfacher zu machen. Und dem aus Deutschland produzierten Inhalt ein globales Publikum zu erschließen.
Wird die Gefahr von Fake News durch KI immer größer?
Es ist natürlich das übliche Rennen. Zum einen ist KI ein Tool, das den kreativen Spielraum unfassbar erweitert. Aber das hat natürlich auch Schattenseiten. Wir sagen bei YouTube immer, wir gehen mutig, aber auch verantwortungsvoll mit KI um. Dieser verantwortliche Umgang ist ganz entscheidend. Deswegen haben wir Werkzeuge und Richtlinien, um sich der neuen Lage anzupassen. Wir versuchen, Werkzeuge mindestens genauso schnell zu entwickeln, wie auf der anderen Seite Umgehungsmöglichkeiten entwickelt werden.
Was unterscheidet den deutschen Markt von anderen Märkten wie Frankreich, USA, England?
Da gibt es schon einige Unterschiede. Zwischen 40 und 50 Prozent der YouTube-Inhalte, die in Deutschland konsumiert werden, kommen von lokalen Uploadern. Das heißt, YouTube in Deutschland ist eine sehr lokale Umgebung, was ganz spannend ist. Das ist in anderen Ländern anders. Der zweite Punkt ist, Deutschland ist ein Markt, der selber groß genug ist, dass ich als YouTube-Creator*in mit deutschsprachigen Inhalten davon leben kann. Und in Deutschland gibt es Creatorinnen und Creator, die mit ihren Formaten einmalig sind wie Otto Bulletproof, Alica Joe, Sally, Fritz Meinecke und andere.
Stichwort TikTok, ein großer Konkurrent, der am Ende auch ein reines Video-Angebot ist. Wie bewerten Sie das?
TikTok ist ein Wettbewerber. Wettbewerb ist erstmal gut. Denn er bedeutet für Nutzer Vielfalt und für uns bedeutet er auch gleichzeitig Ansporn. TikTok war ein Weckruf für uns. YouTube hat angefangen als eine Kurzformplattform. Das erste Video, was auf YouTube hochgeladen wurde, war 19 Sekunden lang. Wir haben im Gegensatz zu den anderen großen Plattformen sehr viel Geld in dieses kreative Ökosystem mit Partnerprogrammen gepumpt. In den letzten vier Jahren waren es 100 Milliarden Euro. Die Folge: Die Videos wurden länger und professioneller. Gleichzeitig bekamen Leute, die mit YouTube anfangen wollten, den Eindruck, der Einstieg ist schwierig. Da haben tatsächlich Social-Media-Plattformen wie TikTok und Instagram gezeigt, gerade über ein Feed-basiertes, kurzformatiges Videoangebot, dass man diese psychologische Eintrittsbarriere noch verringern kann. Deshalb haben wir YouTube Shorts gelauncht. Im Gegensatz zu den anderen Plattformen, die sich auf ein oder zwei Formate spezialisiert haben, bieten wir mit YouTube einen Platz an, wo alle Formate auf einmal zur Verfügung stehen. Das ist das Alleinstellungsmerkmal von YouTube.
Ein Blick in die Zukunft. Welche Entwicklungen sehen Sie für YouTube?
Worauf ich mich in Deutschland wirklich freue, ist das ganze Thema Shopping, was ja in Asien ein Riesenthema ist für viele Kreative. Aktuell können Creator hier nur ihre eigenen Produkte verkaufen. In Asien können sie als Botschafter fremde Produkte verkaufen. Das werden wir hoffentlich auf YouTube Deutschland im nächsten Jahr einführen. Creator haben ja bis zu 10 Einnahmequellen, Shopping ist eine davon. Und je besser es ihnen geht, desto besser geht es YouTube.