Verteidigung in Europa

Mehr als nur Rheinmetall: Deutsche Firmen sind Vorreiter des europäischen Rüstungsbooms

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Mit hochmodernen Drohnen und KI-Technologie setzen Unternehmen wie Quantum Systems und Helsing neue Maßstäbe in Europas Verteidigungsindustrie.

München – Nahe der litauischen Grenze zu Belarus, auf dem Truppenübungsplatz Pabradė, surrt eine Drohne fast lautlos über das Gelände. Die „Vector AI“ des Münchner Start-ups Quantum Systems liefert gestochen scharfe Luftaufnahmen direkt auf einen Kontrollbildschirm – live und präzise. Doch nicht Soldaten trainieren hier, sondern Rüstungsfirmen präsentieren ihre neuesten Technologien einem internationalen Publikum.

Unter den Zuschauern befinden sich Offiziere aus Deutschland, Portugal, den USA und der Ukraine. Unkenntlich, ohne Namensschild oder Rangabzeichen, aus Sorge vor russischer Spionage.

Deutsche Rüstungsunternehmen: Drohnen als zentraler Teil moderner Militärstrategien

Die Vorführung ist mehr als ein Schaulaufen. Sie zeigt, wie stark sich Drohnen als fester Bestandteil moderner Militärstrategien etablieren. Für Quantum Systems bedeutet der Auftritt in Litauen vor allem eines: ein Versuch, die Bundeswehr von der eigenen Technik zu überzeugen. Denn das kleine baltische Land ist längst zum sicherheitspolitischen Vorposten Europas geworden und damit auch zum wirtschaftlichen Sprungbrett für deutsche Wehrtechnik.

Hightech für die Front: Rheinmetall und Start-ups wie Quantum Systems setzen auf unbemannte Systeme als Zukunft der Verteidigung. (Archivbild)

Die Vector-Drohne von Quantum Systems wiegt acht Kilogramm, startet senkrecht, überwacht große Flächen autonom und kann schnell zusammengeklappt transportiert werden. Laut Wirtschaftswoche sind derzeit bis zu 500 dieser Systeme täglich in der Ukraine im Einsatz. Dort dienen sie primär der Aufklärung, liefern Echtzeitbilder vom Schlachtfeld und helfen, gegnerische Stellungen zu identifizieren.

Deutsche Start-up-Innovation für die Verteidigung der Zukunft

Quantum System unterscheidet sich im Vergleich zur industriellen Produktion klassischer Waffenhersteller durch die relative Ruhe. Die Wirtschaftswoche schildert das Geschehen in der Zentrale in Gilching als eine Start-up-Atmosphäre, wo junge Entwickler an Platinen, Kameras und Sensoren schrauben. Das Ergebnis hat mit 100.000 Euro pro Einheit seinen Preis.

Das Unternehmen will das Ziel verfolgen, deutsche Ingenieurskunst mit militärischer Innovationskraft zu verbinden. Dazu arbeitet Quantum Systems mit internationalen Partnern zusammen, etwa dem litauischen Start-up Aktyvus Photonics. Gemeinsam arbeiten sie daran, Drohnen mit Lasern auszustatten – etwa zur Zielmarkierung aus bis zu 15 Kilometern Entfernung.

„Große Konzerne sind dafür oft zu träge“, sagt Aktyvus-Chef Laurynas Satas gegenüber Handelsblatt. Für ihn zählt in der modernen Kriegsführung vor allem die Geschwindigkeit. Russland setze auf Masse, der Westen müsse mit präziser und schneller Technik reagieren. Nur die Kombination aus Start-up-Mentalität und industrieller Fertigungskraft könne diesen Ansprüchen gerecht werden.

Deutscher Drohnen-Entwicklung Quantum Systems hofft auf eine Milliarde Umsatz bis 2030

Quantum Systems, gegründet von Ex-Heeresflieger Florian Seibel, zählt offenbar zu den wachstumsstärksten Playern der Rüstungsbranche. Laut Wirtschaftswoche hat sich der Umsatz von 2022 bis 2024 auf 125 Millionen Euro verachtfacht. Ziel sind 500 Millionen bis 2026, eine Milliarde bis 2030.

Die jüngste Finanzierungsrunde in Höhe von 160 Millionen Euro brachte prominente Investoren an Bord: Airbus, Hensoldt und Tech-Milliardär Peter Thiel. Damit reiht sich Quantum Systems in eine neue Generation von Rüstungsunternehmen ein – hoch spezialisiert, technologiegetrieben, international vernetzt.

Rheinmetall reagiert auf den Wandel in der Verteidigungsindustrie

Nicht nur Quantum Systems investiert in unbemannte Systeme. Auch Traditionskonzerne wie Rheinmetall und Airbus reagieren auf den technologischen Wandel. Drohnen entwickeln sich zunehmend vom unterstützenden Element zum zentralen Bestandteil moderner Kriegsführung. Rheinmetall-Chef Armin Papperger betont, wie wichtig die Vernetzung konventioneller Waffensysteme mit unbemannten Technologien inzwischen geworden ist.

„Drohnen sind nun mal derzeit das dynamischste Feld der Rüstung“, ergänzt Pieter Wezemann vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri. Wer heute keine Expertise bei unbemannten Systemen hat, verliert in der globalen Verteidigungsindustrie schnell den Anschluss.

Rheinmetall setzt auf vernetzte Drohnentechnologie im Panzer

Ein weiterer Pionier ist das deutsch-litauische Projekt von Rheinmetall und Granta Autonomy: Drohnen, die sich direkt in Panzer integrieren lassen und vom Kommandanten gesteuert werden können. Ziel ist die vollständige Vernetzung von Landfahrzeugen und Luftaufklärung – inklusive KI-gestützter Gefechtsführung.

„In Zukunft werden alle militärischen Fahrzeuge über integrierte Drohnen verfügen“, sagt Granta-Chef Gediminas Guoba. Erste Tests mit dem litauischen Militär laufen bereits. Die Technologie verspricht Schutz, Effizienz und strategische Überlegenheit.

Rubriklistenbild: © Efrem Lukatsky/AP/dpa

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