Frankfurter-Rundschau-Gespräch

Mercosur-Abkommen: EU will nicht von „Trumps Diktaten“ abhängig sein – „Meloni nur peinlich“

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Der EU-Abgeordnete Bullmann ist froh über das beschlossene Mercosur-Abkommen. Trump, Macron und Meloni kritisiert er scharf.

Brüssel – Trotz nationaler Vorbehalte hat sich die EU auf das Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay geeinigt. Nach jahrelangem Tauziehen – und einer weiteren Verzögerung durch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die italienische Premierministerin Giorgia Meloni. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media zeigt sich der EU-Abgeordnete Udo Bullmann zufrieden. Er erläutert seine Vorstellung einer guten EU-Handelspolitik – und seine Zweifel an Freihandelsabkommen.

Landwirte protestieren gegen das geplante Mercosur-Abkommen. Mit ihren Traktoren blockieren sie Anfang Januar an der Autobahn-Anschlussstelle Brinkum die Auffahrt zur Autobahn 1 in Fahrtrichtung Hamburg.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wollte das Abkommen in seiner jetzigen Fassung nicht unterzeichnen, weil es französische Bauern nicht ausreichend schütze. Hatten Sie Sorge, dass das Mercosur-Abkommen scheitern könnte?
Die Lage vor der Abstimmung war prekär. Wir haben erneut gesehen, wie geostrategische Fragen der EU mittlerweile von innenpolitischen Spielchen abhängig sind. Macron ist kein Vollidiot. Er ist sehr klug, obwohl ich nicht immer mit ihm übereinstimme. Aber er hat sich von der französischen Partei Les Républicains erpressen lassen – von der Drohung: Wenn du dem Mercosur-Abkommen zustimmst, dann wackelt die Regierung in Frankreich. Das sind bewusste politische Spielchen, die ich als Missbrauch gegen berechtigte Interessen der Menschen in allen EU-Ländern bezeichne.

Mercosur-Abkommen: EU-Abgeordneter sieht europäische Landwirtschaft nicht gefährdet

Also teilen Sie die Sorgen der Landwirte nicht, dass ihre Existenzen durch das Mercosur-Abkommen bedroht sind?
Die europäischen Landwirte, die Qualitätserzeugnisse liefern und sich um Tierwohl mühen, verdienen unsere Unterstützung. Aber wir alle sind gut genug darüber informiert, dass die europäische Landwirtschaft nicht durch Mercosur gefährdet ist. Das unterlegen saubere Datenlagen. Die Rindfleischimporte aus Lateinamerika werden nicht einmal zwei Prozent des europäischen Konsums ausmachen. Kein EU-Land – auch nicht Frankreich oder Irland – werden starke Einbußen erleiden. Aber wenn die Bauern mit diesen Falschmeldungen alleine gelassen werden, sorge ich mich um die demokratische Konsistenz in unseren Gesellschaften. Diese Zersetzungen machen mir Angst.

Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern

Karte der Europäische Union
Die Europäische Union ist eine wirtschaftliche und politische Vereinigung von 27 europäischen Ländern. Insgesamt leben etwa 450 Millionen Menschen im Gebiet der EU. Ursprünglich als Wirtschaftsverbund gegründet, hat sie sich zu einer Organisation entwickelt, die eine Vielzahl von Feldern abdeckt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist der europäische Binnenmarkt der größte gemeinsame Markt weltweit. Er ermöglicht die freie Bewegung der meisten Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen. © PantherMedia (Montage)
Römischen Verträge EU
Der Grundstein für die heutige EU wurde am 25. März 1957 gelegt. Die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg unterzeichneten damals die Römischen Verträge. Für Deutschland setzten Kanzler Konrad Adenauer (links) und Walter Hallstein, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, ihre Unterschriften unter das Dokument. Damit waren die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) besiegelt. © dpa
Margaret Thatcher und François Mitterrand
Am 1. Januar 1973 traten Dänemark, die Republik Irland und das Vereinigte Königreich der EG bei. Einfach war das Verhältnis zwischen Großbritannien und Europa nie. Auch Premierministerin Margaret Thatcher (links) war keine Freundin Europas. Mit der Forderung „We want our money back“ setzte die Eiserne Lady 1984 beim Gipfel in Fontainebleau einen Rabatt bei den Zahlungen Großbritanniens in die Gemeinschaftskasse durch. Verhandlungspartner wie der französische Präsident François Mitterrand (rechts) waren machtlos. © Daniel Janin, Gabriel Duval/afp
Militärjunta in Griechenland
Zum 1. Januar 1981 trat Griechenland der Europäischen Gemeinschaft bei. Die Aufnahme des Landes war heftig umstritten. Europa befürchtete, sich einen unangenehmen Partner ins Nest zu holen. So sorgte zum einen das konfliktreiche Verhältnis Griechenlands zur Türkei für Unbehagen. Noch schwerer wog die Diktatur der rechtsextremen Militärjunta, die erst im Juli 1974 zu Ende gegangen war. Ein interner Machtwechsel am 25. November 1973, als Panzer im Athener Zentrum auffuhren (im Bild), konnte den Wandel nicht mehr aufhalten. © Imago
Von wegen grenzenlos - Ärger in Schengen über Grenzkontrollen
1985 unterzeichneten Deutschland, Frankreich und die Benelux-Staaten das „Schengener Abkommen“ über den schrittweisen Abbau der Personenkontrollen an ihren gemeinsamen Grenzen. Die weitgehende Reisefreiheit erleichterte das Leben und Arbeiten in anderen europäischen Ländern erheblich. Alle Bürgerinnen und Bürger der EU haben das Recht und die Freiheit, selbst zu entscheiden, in welchem EU-Land sie arbeiten, studieren oder ihren Ruhestand verbringen möchten.  © Harald Tittel/dpa
Franco und Juan Ćarlos
1986 nahm die EG zwei neue Mitglieder auf: Portugal und Spanien. Damit konnten beide Staaten ihre Isolation auf dem Kontinent beenden. Vor allem für Spanien war der Beitritt in die EG ein markanter Wendepunkt, um die Folgen der jahrzehntelangen Diktatur unter Francisco Franco (rechts) zu überwinden. Juan Carlos (links), der zwei Tage nach Francos Tod am 20. November 1975 zum König proklamiert worden war, spielte eine entscheidende Rolle bei der Überwindung der Diktatur. Bei der Aufnahme des Bildes im Jahr 1971 hatte er noch im Schatten Francos gestanden. © afp
Silvester 1989 am Brandenburger Tor
Eine Erweiterung im eigentlichen Sinne war es nicht. Doch als am 3. Oktober 1990 die Länder der DDR der Bundesrepublik Deutschland beitraten, wurde die EG automatisch um ein gutes Stück größer. Mit der Wiedervereinigung erstreckte sich das gesamte Gemeinschaftsrecht nun auch auf das Beitrittsgebiet. Mit einer Bevölkerungszahl von mehr als 80 Millionen Menschen ist Deutschland seitdem der bevölkerungsreichste Mitgliedsstaat. © Wolfgang Kumm/dpa
Genscher und Waigel unterzeichnen Maastrichter Vertrag
Anfang der Neunziger war die Zeit reif für einen Wandel. Die Römischen Verträge hatten ausgedient. Am 7. Februar 1992 unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs der EU ein neues Vertragswerk. Für Deutschland unterzeichneten Außenminister Hans-Dietrich Genscher (links) und Finanzminister Theo Waigel (rechts) das Dokument. Der Vertrag von Maastricht zur Gründung der Europäischen Union trat am 1. November 1993 in Kraft. Mit dem EU-Vertrag entwickelte sich die europäische Gemeinschaft zu einer politischen Union. © dpa
Volksabstimmung zum EU-Beitritt in Norwegen 1994
1995 nahm die EU drei neue Länder auf. In Österreich, Schweden und Finnland hatten zuvor die Menschen in Volksentscheiden dem Beitritt zugestimmt. Auch Norwegen ließ das Volk in einem Referendum darüber abstimmen. Doch hier sah das Ergebnis anders aus. 52,2 Prozent der Wahlberechtigten in Norwegen votierten in einer Volksabstimmung gegen einen Beitritt.  © Berit Roald/Imago
Tschechien feiert EU-Beitritt
Neun Jahre später kam es zur ersten Osterweiterung. Am 1. Mai 2004 traten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und die Republik Zypern der EU bei. Die neuen EU-Länder feierten den Beitritt, in Prag (hier im Bild) und anderen Hauptstädten freuten sich die Menschen über eine Zukunft unter dem Dach der EU. Die Europäische Union setzte sich somit aus 25 Mitgliedstaaten zusammen. © Michal Svacek/afp
Rumänien - EU
Der zweite Teil der Osterweiterung ließ nicht lange auf sich warten. Am 25. April 2005 unterzeichneten Rumänien und Bulgarien den Beitrittsvertrag zur EU. Beide Länder wurden zum 1. Januar 2007 in die Europäische Union aufgenommen. Für die Menschen in Bukarest (hier im Bild) gab es also mehr als nur einen Grund, die Nacht zum Tage zu machen. Die Fläche der EU wuchs mit dieser Erweiterung auf etwas mehr als 4,3 Millionen Quadratkilometer.  © Robert Ghement/dpa
Kroatien wird EU-Mitglied
Schon im Juni 2004 war Kroatien der Status eines offiziellen Beitrittskandidaten verliehen worden. Doch die Verhandlungen verzögerten sich mehrmals, erst sieben Jahre später konnten sie erfolgreich abgeschlossen werden. Kurz danach stimmten 66,3 Prozent der Wahlberechtigten bei einem Referendum für den Beitritt in die EU. Am 1. Juli 2013 war schließlich der Zeitpunkt gekommen, um vor dem Europäischen Parlament in Straßburg die Flagge Kroatiens zu hissen. Die EU bestand damit aus 28 Mitgliedsstaaten. © Frederick Florin/afp
EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp
Banksy-Kunstwerk zu EU und Brexit
Seit dem 31. Januar 2020 besteht die EU nur noch aus 27 Staaten. Nach 47 Jahren verließ das Vereinigte Königreich als erstes Mitgliedsland die Europäische Union. Im Juni 2016 hatte eine knappe Mehrheit in einem Referendum für den Abschied aus der EU gestimmt. Der britische Street-Art-Künstler Banksy kommentierte den Brexit auf seine Art. In der Hafenstadt Dover malte er eine riesige EU-Flagge an eine Hauswand – zusammen mit einem Handwerker, der einen der Sterne entfernt. © Glyn Kirk/afp
Friedensnobelpreis für EU.
2012 wurde die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Herman Van Rompuy, José Manuel Barroso und Martin Schulz (von links nach rechts) nahmen den Preis bei der Verleihung im Osloer Rathaus am 10. Dezember 2012 in Empfang. © Cornelius Poppe/afp
Auch die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni äußerte Bedenken über die Folgen für die italienische Landwirtschaft, bevor sie dem Abkommen doch zustimmte.
Natürlich haben Meloni und die Italiener ein Interesse am Mercosur-Abkommen, weil sie vor allem Käse und Wein verkaufen wollen. Aber Meloni wollte sich innenpolitisch aufmuskeln und vermeintlich italienische Interessen nach außen und innen vertreten. Das war unnötig und peinlich.

EU-Handelsexperte hofft auf positive Effekte für Mercosur-Staaten

Wie froh sind Sie, dass genügend EU-Mitglieder dem Abkommen zugestimmt haben?
Ich bin total froh. Das Abkommen ist die richtige Antwort auf die aktuelle weltpolitische Lage. Obwohl ich auch meine Zweifel über reine Freihandelsabkommen hege, müssen wir diesen Schritt gehen.
Der EU-Abgeordnete Udo Bullmann (SPD) sitzt im Ausschuss für internationalen Handel.
Welche Zweifel haben Sie?
Mich treibt die Frage um, ob wir mit dem Abkommen tatsächlich mehr für eine nachhaltige und inklusive Welt tun. Werden EU-Unternehmen über Lateinamerika herfallen, oder hilft der Deal der Umwelt und den Menschen auch dort auf die Füße?
Was erhoffen Sie sich für die Mercosur-Staaten?
Dort leben viele junge Menschen, die keinen Job haben. Diese Länder benötigen Anschlüsse an den Weltmarkt. Ich hoffe, dass in Lateinamerika viele Wertschöpfungsketten entstehen, mit denen höherwertige Produkte vor Ort entwickelt werden. Nur daraus entsteht langfristiges Wirtschaftswachstum, zu beiderseitigem Nutzen. Davon würde nicht zuletzt das Weltklima enorm profitieren.

EU-Parlamentarier sieht Chancen für deutsche Unternehmen durch Mercosur

Welche Chancen sehen Sie für europäische und deutsche Unternehmen?
In Lateinamerika boomen besonders Dienstleistungssektoren, Maschinenbau, Pharmazie und Fertigungstechniken. Davon werden vor allem europäische Branchen profitieren. Und in diesen Bereichen haben wir viele gute deutsche Unternehmen. Wir hören von vielen Kontakten, dass lateinamerikanische Firmen Modernisierungspartnerschaften gewinnen möchten, damit sie sich unabhängiger von China machen können. Sie wollen speziell vom deutschen Know-how lernen, das dort einen ausgezeichneten Ruf hat.
Will sich Europa mit dem Mercosur-Abkommen auch unabhängiger von den USA als Handelspartner machen, angesichts der restriktiven Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump?
Auf jeden Fall. Wir wollen insgesamt unabhängiger werden. Mercosur bietet besondere Möglichkeiten, dass wir Partnerschaften mit Ländern eingehen, die über kritische Rohstoffe verfügen. In der Zukunft werden wir nur Branchenführer in modernen Technologien sein, wenn wir Zugang zu diesen Rohstoffen haben. Wir brauchen sie auch, um digital unabhängig zu werden. Wir wollen weniger abhängig von China werden und nicht mehr den bilateralen Diktaten von Herrn Trump unterliegen. Europa muss seine Unabhängigkeit verteidigen. Und wir wollen uns in unserer Außenpolitik von China und den USA unterscheiden.
Wie?
China und die USA wollen Länder ausbeuten. China macht Länder von sich abhängig und versucht in Lateinamerika Zugänge zu den dortigen Häfen zu gewinnen. Letztlich führen alle Wege der chinesischen Wirtschaftskooperationen nach China. Das Land baut sich ein Monopol auf kritische Rohstoffe. Fast alle kritischen Rohstoffe werden mittlerweile in China veredelt.

EU-Politiker Bullmann kritisiert Trumps USA und China

Und wie beschreiben Sie Trumps internationale Handelspolitik?
Er implementiert gerade ein neues Geschäftsmodell: den bilateralen Erpressungsversuch. Die USA isolieren sich nicht auf der Weltbühne, sie zerschlagen Organisationen der weltweiten Zusammenarbeit und bieten dann einzelnen Ländern Vorteile durch Kooperationen. Trump attackiert den globalen Multilateralismus mit privatwirtschaftlichen Interessen. Wenn Sie beispielsweise Präsident in einem afrikanischen Land sind, in dem Kinder in großer Zahl durch Krankheiten sterben und die USA ihnen das Impfmittel anbieten, sind Sie leichtes Futter. Diese Länder sind gezwungen, ihre Zukunft an China oder die USA zu verkaufen.
Und wie sollte Europas Politik aussehen?
Wir müssen eine Alternative dazu bieten und ein Modell echter Zusammenarbeit entwickeln. Europa muss die Interessen seiner Partner ernst nehmen. Unsere Kooperationen müssen für beide Seiten Vorteile bieten, die nachhaltig implementiert werden. Wie sollen wir künftig Partnerschaften gewinnen, wenn mögliche Partnerländer kaputt sind? Ich hoffe auch auf Wachstumsraten in einzelnen Sektoren, aber das Bild ist viel größer. Mit diesem Modell könnten wir gut gegen China und die USA konkurrieren, weil wir Partnern deutlich mehr Vorteile bieten.
Wie groß wäre der Imageschaden für die EU im Falle eines Scheiterns des Mercosur-Abkommens gewesen?
Extrem. In Lateinamerika wären wir über Jahrzehnte abgeschrieben gewesen und auch mit weiteren bedeutenden Akteuren wären die Aussichten auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit dramatisch geschrumpft. Ein Scheitern wäre beispielsweise für den indischen Premier Narendra Modi das Signal gewesen, dass er mit der EU über neue Partnerschaften nicht sprechen muss – sondern lieber mit China und Russland. Auch in Asien und Afrika hätten unsere künftigen Bemühungen unter schlechten Vorzeichen gestanden. Gut, dass wir das verhindern konnten. (Interview: Jan-Frederik Wendt)

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