Handelsdeal

„Es ist ein Gift-Abkommen“ – Massive Kritik am Mercosur-Abkommen

Agrarökonom Antonio Andrioli erklärt, was das Mercosur-Handelsabkommen für globale Ungerechtigkeit und Umweltschutz bedeutet

Nach fast 26 Jahren ist es so weit: Der Rat der Europäischen Union hat am Freitag dem Mercosur-Abkommen zugestimmt. Die Kritik an dem Freihandelsabkommen mit den lateinamerikanischen Mercosur-Staaten hält an: Neben Europas Landwirtschaft kritisieren auch Stimmen aus der Zivilgesellschaft und Wissenschaft das Abkommen. Sie befürchten massive Umweltschäden, Menschenrechtsverletzungen und eine Vertiefung des ungleichen Welthandels.

Fällt der industriellen Landwirtschaft zum Opfer: Der Amazonas-Regenwald.

Der brasilianische Agrarökonom Antonio Andrioli ist kein Freund des Abkommens. „Seit 25 Jahren nicht!“, sagt er im Video-Call mit der FR. Er ist Experte für nachhaltige Landwirtschaft, insbesondere Sojaanbau.

Folgen für Mensch und Umwelt – das Mercosur-Abkommen steht in der Kritik

Im Grunde gehe es bei dem Handelsabkommen darum, Agrarprodukte aus den Mercosur-Staaten und aus Europa industrialisierte Produkte zu exportieren, fasst Andrioli zusammen. „Es ist ja von vornherein klar, wem das etwas bringt.

Die EU exportiere besonders teure Autoteile und Chemikalien, wie Pestizide und Pharmaprodukte. Darunter litten die ohnehin von Europa abhängige Auto-, Chemie- und Pharmaindustrie in Lateinamerika, so Andrioli. „Das wird hier eine riesige Arbeitslosigkeit verursachen, weil sich die lokale Produktion nicht mehr lohnt“, befürchtet Andrioli.

Für den Mercosur bedeutet das eine noch stärkere Festlegung auf die Rolle als Rohstofflieferant für den globalen Norden: Schon 2023 exportierte der Mercosur zu etwa 80 Prozent landwirtschaftliche Produkte und Primärrohstoffe in die EU.

Davon profitieren besonders Großgrundbesitzer, so Antonio Andrioli. Viele haben ihre Ländereien noch aus dem Kolonialismus. Kleinbäuerliche Betriebe müssen hingegen oft ihre Ackerflächen verkaufen. Andere seien dem Landraub durch die Agrarindustrie ausgesetzt. Andrioli prognostiziert die Folgen: „Noch mehr Landlosigkeit, Landraub, Landkonzentration und dadurch mehr Armut und Hunger.“

Viele Pestizide für Monokulturen

Ein weiteres Problem: „Für Monokulturen braucht man viele Pestizide, die in Europa gar nicht erlaubt sind“, erklärt Andrioli. Deren giftige Rückstände importiere man dann in Form von Fleisch oder Soja wieder in die EU zurück. „Es ist ja nicht so, als hätten die Verbraucher in Europa damit nichts zu tun“, kritisiert der Agrarökonom. „Es ist ein Gift-Abkommen.“

Die NGO Power Shift hat es ausgerechnet. 17 der 27 Pestizide, die Bayer nach Brasilien exportiert, sind in der EU verboten: zu giftig, zu gesundheitsschädlich. Mit dem Mercosur-Abkommen fallen die Importzölle von derzeit noch 18 Prozent weg, weshalb in der Region mit einem weiteren Anstieg von Pestiziden zu rechnen sei.

Die französische Gewerkschaft der Kleinbauern kritisiert die Folgen des Mercosur-Abkommens auf beiden Seiten des Atlantiks.

Der Agrarökonom Andrioli weist auf einen weiteren Aspekt hin: den Ausbau von Agrar- oder Biodiesel, der als Nebenprodukt der Produktion von Futtermitteln aus Soja anfällt. „Das hat das Wort ‚bio‘ nicht verdient“, findet Andrioli. Er vermutet, dass der brasilianische Präsident Lula da Silva die Ausweitung des Handels mit Agrardiesel forcieren will. Lulas Argument: Die lateinamerikanischen Treibstoffe seien umweltfreundlicher, weil ihnen 15 Prozent Agrardiesel aus Soja beigemischt würden.

„Greenwashing“, lautet Andriolis Urteil. „Um Soja zu produzieren, braucht man so viel fossile Energie, dass es am Ende absurd ist, nur die Emissionen des Treibstoffs zu messen.“ Hinzu kommen Pestizide und Entwaldung im Amazonas.

„Was ist die Alternative?“ – Das große Dilemma beim Mercosur-Abkommen

Antonio Andrioli schüttelt den Kopf. „Es ist sehr schwierig, gegen das Mercosur-Abkommen zu sein“, sagt er. „Denn: Was ist die Alternative?“ Mit China zu handeln, sei sicherlich noch schlechter, so Andrioli. Und werde das Abkommen in der heutigen Form gestoppt, werde zwar nichts schlechter, aber auch nichts besser.

„Ich habe immer das Lieferkettengesetz als Alternative vorgeschlagen“, so Andrioli. Aber das hat die EU inzwischen entkernt, genau wie das Entwaldungsgesetz, das den Import von Soja verboten hat, wenn er mit Entwaldung zu tun hatte. Sklavenarbeit, Kinderarbeit: All das sei die Realität der brasilianischen Landwirtschaft und müsse durch ein Lieferkettengesetz unterbunden werden. „Und jetzt schafft man es ab.

Rubriklistenbild: © Mauro Pimentel/AFP

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