Bürgergeld-Sanktionen im Realitätscheck

Merz will beim Bürgergeld sparen – Entwicklung gefährdet Einsparpläne massiv

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Beim Bürgergeld sparen? Die Merz-Regierung favorisiert Sanktionen – doch die Arbeitsmarktrealität blockiert diese Strategie.

Berlin – Die Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz plant massive Einsparungen beim Bürgergeld. Insgesamt 4,5 Milliarden Euro sollen bis 2027 eingespart werden – ein ambitioniertes Vorhaben, das schon im kommenden Jahr mit einem Sparziel von 1,5 Milliarden Euro starten soll.

Um dies zu erreichen, müssten laut Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, rund 100.000 Menschen vollständig aus dem Leistungsbezug ausscheiden – und zwar dauerhaft. Doch das sei „eine schwierige Aufgabe“, wie Nahles selbst einräumt.

CDU will beim Bürgergeld sparen – die Zahlen sprechen dagegen

Ein Teil der Strategie der Merz-Regierung ist die Verschärfung von Sanktionen gegen Bürgergeld-Empfänger, die sich nicht kooperativ verhalten. Doch die Hoffnung, auf diese Weise einen nennenswerten Betrag einzusparen, scheint unbegründet: „2024 wurden rund 20 Millionen Euro über Sanktionen eingespielt“, erklärt Nahles. Selbst bei einer Verdreifachung dieser Summe wäre das Sparziel in weiter Ferne.

Ein entscheidendes Hindernis für die Sparpläne ist der angeschlagene Arbeitsmarkt. Die Bundesagentur für Arbeit meldet in ihrem aktuellen Monatsbericht, dass im Juni 2025 die Arbeitslosigkeit auf über 2,9 Millionen gestiegen ist – ein Anstieg um 188.000 Personen im Vergleich zum Vorjahr. Besonders alarmierend: Die Zahl arbeitsloser Spezialisten und Experten stieg um 17 Prozent, also um 60.000 Personen. Das zeigt, dass die Probleme nicht nur Geringqualifizierte betreffen, sondern tiefgreifend und strukturell sind.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Bürgergeld-Beziehende mit schlechten Karten am Arbeitsmarkt – Weiterbildung nötig

Etwa zwei Drittel der Bürgergeld-Empfänger haben keinen Berufsabschluss. Gleichzeitig verlangt der Arbeitsmarkt zunehmend nach qualifizierten Fachkräften. Dieses „Mismatch“ führt dazu, dass viele Empfänger kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. Das Bundesarbeitsministerium selbst sprach von einem „historischen Tiefstand“ bei den Vermittlungschancen – ein alarmierendes Signal für alle Reformbefürworter. Die bittere Ironie: Um langfristig beim Bürgergeld zu sparen, müsste der Staat zunächst investieren – insbesondere in Weiterbildung. Laut einer Erhebung des Vereins Sanktionsfrei glauben viele Betroffene nicht, individuell durch das Jobcenter gefördert zu werden. Dabei äußern sie klar den Wunsch nach Qualifizierung, um aus dem Leistungsbezug herauszukommen.

Ein Problem: Die Jobcenter müssen immer mehr ihrer Gelder für Verwaltung ausgeben. Für das Jahr 2025 sind laut Haushaltsentwurf 5,25 Milliarden Euro dafür vorgesehen – 200 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Für die Eingliederung in Arbeit hingegen sind 4,1 Milliarden Euro angesetzt – sogar 50 Millionen Euro weniger als 2024. Ein weiterer Hemmschuh für die Sparpläne ist der Einbruch des Stellenmarkts.

Stellenmarkt bricht ein – Entwicklung gefährdet Vermittlung von Bürgergeld-Empfängern in Jobs

Laut einer Analyse des Berliner Forschungsinstituts Index Research sank die Zahl ausgeschriebener Jobs im ersten Halbjahr 2025 um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders betroffen sind technische Berufe, Vertrieb und das Handwerk. Index-CEO Jürgen Grenz sieht als Hauptursache „die schwache Konjunktur“, viele Unternehmen würden „zögern, neue Stellen zu besetzen“. Nordrhein-Westfalen und Berlin verzeichneten zwar noch die meisten Ausschreibungen, doch der generelle Rückgang verschärft die Lage für Arbeitsuchende – und damit auch für die Jobcenter.

Die Sparpläne der Merz-Regierung stehen auf wackligem Fundament. Eine strukturelle Wirtschaftskrise, ein stagnierender Arbeitsmarkt und unzureichend qualifizierte Arbeitskräfte machen es nahezu unmöglich.

Zwischen Sozialabbau und Realitätsverweigerung: Fachkräfte fehlen – Stellen bleiben unbesetzt

Trotz steigender Arbeitslosigkeit bleiben viele Stellen unbesetzt – laut Bundesagentur waren im Juni 2025 rund 50 Prozent aller abgemeldeten Stellen länger als drei Monate vakant. Die durchschnittliche Vakanzzeit liegt laut Bundesagentur für Arbeit inzwischen bei 173 Tagen. Besonders gefragt: Pflegekräfte, IT-Fachleute, Handwerker und Erzieher – Berufsgruppen, für die viele Bürgergeld-Empfänger nicht qualifiziert sind.

Die Bundesregierung will sparen, hat aber gleichzeitig steigende Sozialausgaben: 2025 rechnet das Finanzministerium in der Summe mit rund 42,6 Milliarden Euro allein für Regelsätze und Unterkunftskosten – Pflichtausgaben, die kaum beeinflusst werden können. Parallel steigen die Ausgaben für Verwaltung, während die Mittel für Qualifizierungsmaßnahmen schrumpfen. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf betonte im ARD-„Morgenmagazin“, dass „für das kommende Jahr eine Milliarde da auch schon an Einsparungen eingeplant“ sei. Für 2027 sollen es „nochmal 3,5 Milliarden“ sein. Doch ohne Investitionen in den Arbeitsmarkt sind diese Zahlen reine Makulatur.

Ein Hoffnungsschimmer in der Haushaltsplanung ist für die Bundesagentur für Arbeit der geplante Rechtskreiswechsel von ukrainischen Geflüchteten. Durch deren Wechsel vom Bürgergeldsystem (SGB II) in das Asylbewerberleistungsgesetz verspricht sich Nahles eine Ersparnis von 900 Millionen Euro. Doch diese Rechnung geht nur vordergründig auf – die Kosten werden auf die Kommunen verlagert, die dafür wiederum Ausgleichszahlungen vom Bund erhalten sollen. (ls/dpa)

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