Dilemma

Paradoxer Bürgergeld-Plan der Merz-Regierung: Milliarden-Investition – zum Sparen

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Eine Milliarde Euro pro Jahr für die Jobcenter: Durch diese Investition will die Merz-Regierung Bürgergeld-Empfänger in Arbeit bringen und sparen.

Berlin – Die Vorstellung des Haushalts der neuen Regierung unter Friedrich Merz und Vizekanzler sowie Finanzminister Lars Klingbeil hat für Aufsehen gesorgt. Trotz der ursprünglich im Wahlkampf verkündeten Sparpläne muss die Regierung fünf Milliarden Euro mehr für das Bürgergeld ausgeben. Das Budget erreicht mit knapp 52 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert.

Dabei hat die Regierung jedoch nicht freie Hand. Der Regelsatz (29,6 Milliarden Euro) und die Kosten der Unterkunft (13 Milliarden Euro) sind Pflichtausgaben. Wenn die Zahl der Bürgergeld-Empfänger steigt, was sie wegen Wirtschaftslage und schwierigem Arbeitsmarkt tut, steigen auch die Preise. Daher hat die Regierung diese Werte auf Basis der Frühjahrsprognose ermittelt.

Merz-Regierung gibt Rekordsumme für Bürgergeld aus – und investiert sogar

Worauf die Regierung von Merz, Klingbeil und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) Einfluss hat, sind die sogenannten Aktivleistungen. Das ist das Geld, das die Jobcenter für ihren Betrieb, also etwa das Gehalt der Arbeitsvermittler, und die Instrumente der Arbeitsvermittlung bekommen. 2025 steigt dieses Budget – um 150 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr.

Posten20252024
SGB II51,95 Mrd. Euro46,8 Mrd. Euro
Bürgergeld-Regelsatz29,6 Mrd. Euro26,5 Mrd. Euro
Kosten der Unterkunft13 Mrd. Euro11,1 Mrd. Euro
Eingliederung in Arbeit4,1 Mrd. Euro4,15 Mrd. Euro
Verwaltungskosten5,25 Mrd Euro5,05 Mrd. Euro

Mit Blick auf den ersten Haushaltsentwurf der Ampel-Koalition ist das jedoch ein Erfolg. Denn die hatte damals Kürzungen geplant. Klingbeils Plan sieht im Vergleich dazu 400 Millionen Euro mehr vor. Gleichzeitig könnte sich hier eine problematische Entwicklung fortsetzen. In den vergangenen Jahren waren Jobcenter wegen steigenden Kosten zu Umschichtungen gezwungen – und mussten mehr Geld in die Verwaltung stecken.

Mehr Geld soll den Effekt jedoch schmälern. Und es gibt weitere Mittel: Die Regierung ermöglicht, bis zu 700 Millionen Euro aus dem Budget des Regelsatzes und der Kosten der Unterkunft für die Teilhabe am Arbeitsmarkt von Langzeitarbeitslosen zu nutzen. Das Geld kann beispielsweise in geförderte Jobs fließen, bei welchen die Jobcenter zunächst einen Teil des Gehalts übernehmen. Dadurch sollen Bürgergeld-Empfänger mit einer langen Dauer der Arbeitslosigkeit an Jobs herangeführt werden.

Union und SPD wollen Jobcentern eine Milliarde Euro pro Jahr mehr für Bürgergeld-Empfänger geben

Weitere, deutliche Investitionen plant die Regierung für das kommende Jahr 2026 und darüber hinaus. Für Aktivleistungen soll es dann eine Aufstockung des Gesamtbudgets um eine Milliarde Euro jährlich geben. Insgesamt seien dann 9,95 Milliarden Euro vorgesehen, wie IPPEN.MEDIA aus Regierungskreisen erfahren hat. Damit solle der Vereinbarung im Koalitionsvertrag entsprochen werden, die eine ausreichende Mittelausstattung der Jobcenter vorsieht.

Merz muss beim Bürgergeld mit einem Dilemma klarkommen: Damit er sparen kann, muss die Regierung zunächst mehr Geld in die Jobcenter stecken. (Symbolfoto)

Eine bessere Förderung der Bürgergeld-Empfänger ist laut Fachleuten nötig. Das Netzwerk für Arbeit und Soziale Teilhabe hatte bereits von der Ampel eine Milliarde Euro mehr dafür gefordert. Die geplanten härteren Sanktionen allein sind laut Jobcentern und Arbeitsmarktforschern nicht ausreichend. Bei der Reform der Grundsicherung müsse man „alle Register ziehen“, hatte Ökonom Enzo Weber erklärt. „Die Qualifizierung ist bisher noch gar nicht gestiegen, auch nicht in Bürgergeldzeiten“, erklärte der Experte vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) den Bedarf.

Bessere Vermittlung soll Anzahl der Bürgergeld-Empfänger reduzieren – und Kosten sparen

Besonders dringend ist das auch angesichts der Lage am Arbeitsmarkt. Durch die schwache Wirtschaft gibt es dort weniger Stellenangebote. Wenn es welche gibt, richten sich diese laut Arbeitsministerium zu 80 Prozent an Fachkräfte mit Berufsausbildung. Daher fallen auch immer mehr Studienabsolventen aus dem Raster – und ins Bürgergeld. Für die aktuellen Bürgergeld-Empfänger, die derzeit zu zwei Dritteln gar keinen Berufsabschluss haben, sind die Chancen umso schlechter.

Die besten Arbeitgeber in Deutschland: Zu diesen Unternehmen wollen Fachkräfte 2025 gehen

Siemens AG - Hauptversammlung
Siemens hat es an die Spitze geschafft: In Deutschland würden viele Ingenieure am liebsten zu diesem Arbeitgeber gehen. Dort erhoffen sie sich neben guter Bezahlung und flexiblen Arbeitszeiten eine Firma, die für Innovation steht.  © Sven Hoppe/dpa
Die Vorstände des Technologie-Konzerns Bosch Christian Fischer (l-r), Markus Forschner, Stefan Grosch, Stefan Hartung (Vorsitzender), Tanja Rückert, Markus Heyn und Frank Meyer stehen bei der Bilanz-Pressekonferenz des Konzerns an einem Bosch Logo.
Bosch ist auf Platz 2 der führenden Arbeitgeber für junge Fachkräfte im Ingenieurswesen in Deutschland. Damit ist erstmals kein Automobilunternehmen ganz oben mit dabei - dafür aber ihre Zulieferer.  © Bernd Weißbrod/dpa
Porsche 911 Turbo 50 Jahre
Im Ranking der Beratungsfirma Universum hat es Porsche auf den dritten Platz geschafft. Beim letzten Ranking stand der Autokonzern noch an der Spitze, büßt bei Ingenieuren also zwei Plätze ein.  © Porsche AG
BMW-Stammwerk in München
Auch die BMW Group gehört zu den beliebtesten Arbeitgebern der deutschen Ingenieure. Wie viele Autokonzerne kämpft auch BMW mit harten Zeiten - doch beim Thema E-Mobilität hat dieses Unternehmen die Nase vorn.  © Sven Hoppe/dpa
Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen, l-r), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Markus Schäfer, Vorstandsmitglied der Mercedes-Benz Group, Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz Group, und Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, stehen während der Eröffnungsfeier des Mercedes-Benz-Campus ´zusammen
Bei Mercedes-Benz erhoffen sich Ingenieure ebenfalls eine gute Zukunft mit guter Bezahlung und fairen Arbeitsbedingungen. Noch dazu scheint das Unternehmen sich als besonders innovativ herausstellen zu können.  © Sebastian Gollnow/dpa
Ein Airbus von Qatar Airways landet auf dem Hamburger Flughafen
Einen Platz nach oben gerutscht ist im Universum-Ranking für Ingenieure auch Airbus. Der Flugzeughersteller konnte sich in den vergangenen Monaten gegenüber dem Konkurrenten Boeing positiv positionieren - letzterer ist geplagt von Skandalen und Negativschlagzeilen.  © Georg Wendt/dpa
Gernot Döllner, Vorstandsvorsitzender der Audi AG, bei der Vorstellung der Jahreszahlen 2023.
Auch Audi bleibt bei Ingenieuren als Arbeitgeber beliebt - muss aber zwei Plätze im Vergleich zum Vorjahr einbüßen. Die Ingolstädter leiden ebenfalls unter der Autokrise - gerade wird über die Schließung eines Werks in Brüssel intensiv diskutiert.  © Sven Hoppe/dpa
Google eröffnet Cloud-Rechenzentrum in Hanau
Google ist für Ingenieure ein beliebter Arbeitgeber in Deutschland, der Tech-Riese steigt sogar auf im Ranking. Bei der letzten Untersuchung konnte Google nur den 10. Platz für Ingenieure belegen. Dafür ist der Gigant aus den USA im Fachkräfte-Ranking bei der IT an der Spitze der beliebtesten Arbeitgeber.  © Arne Dedert/dpa
Deutsche Bahn fährt in Dresden
Kaum zu glauben, aber wahr: Die Deutsche Bahn gehört zu den beliebtesten Arbeitgebern für Ingenieure in Deutschland. Trotz seines schlechten Rufs als Verkehrsmittel scheint die Firma insbesondere Fachkräfte gut zu erreichen. Bei den Lokführern und Kontrolleuren hingegen hörte man zuletzt eigentlich nur Frust.  © Robert Michael/dpa
Björn Bernhard, Geschäftsführer der Rheinmetall Landsysteme GmbH, spricht bei der Übergabe vom Radpanzer für die Bundeswehr vom Typ Boxer als Schwerer Waffenträger Infanterie. Der Rüstungskonzern Rheinmetall ist mit der Lieferung der 123 Boxer-Fahrzeuge beauftragt worden.
Auf Platz 10 hat es zum ersten Mal ein Rüstungsunternehmen geschafft: Rheinmetall steigt im Ranking der Ingenieure um drei Plätze auf. Damit profitiert das Unternehmen von einer neuen Stellung und Wahrnehmung im Land.  © Philipp Schulze/dpa

Qualifizierung und Weiterbildung sind dabei wichtige Mittel, um die Arbeitsuchenden für Unternehmen attraktiver zu machen – und sie auch abseits von Helfertätigkeiten langfristig in Arbeit zu vermitteln. Empfänger, die nicht mitziehen, sollen dann sanktioniert werden.

Da der Regelsatz und die Übernahme von Miete und Heizkosten für Bürgergeld-Empfänger Pflichtleistungen sind, ist deren Vermittlung und damit Reduzierung auch eine der wenigen Möglichkeiten, wie die Regierung sozialpolitisch bei der Grundsicherung sparen kann. Indirekt könnten die massiven Investitionen helfen, wenn sie für Wirtschaftsaufschwung sorgen.

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/Sven Hoppe/dpa

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