VonStefan Schollschließen
Die russische Währung verliert an Wert. Der Staatshaushalt profitiert, die Menschen aber müssen zahlen.
Die Wechselkasse in der Bank „Oktrytije“ in Tscheboksary an der Wolga zahlte am Freitagmorgen für einen Euro 96,30 Rubel und verkaufte ihn für 102 Rubel. Ein günstiges Angebot. Aber Kundschaft war nicht zu sehen. Wie Igor, ein örtlicher Autoreifenhändler, erklärt, ist der wachsende Euro-Kurs kaum mit großer Nachfrage der Bevölkerung zu erklären: „Wer kann noch etwas mit Hartwährung anfangen? Ich weiß gar nicht mehr, wie ein Euroschein aussieht.“
Am Vortag war der Euro an der Moskauer Börse bei 102 Rubel gehandelt worden. Damit kletterte die EU-Währung zum ersten Mal seit dem 29. Februar 2022 auf über 100 Rubel. Am Freitag fiel der Euro, wurde am Nachmittag bei 99,6 Rubel gehandelt. Der US-Dollar ist ihm auf den Fersen, erreichte am Donnerstag einen Wert von 93 Rubel, am Freitag lag er bei 91,3 Rubel. „Panik hat den Markt erfasst“, kommentierte Michail Selzer vom Börsenportal BKS Ekspress die Schwankungen. Am Donnerstag habe es ausgesehen, als täten sich Abgründe unter dem Rubel auf.
Schon nach dem Ausbruch der „Kriegsspezialoperation“ Putins im Februar 2022 gegen die Ukraine trieb Panik den Euro-Preis auf über 100 Rubel. Dann aber erholte sich die russische Währung mit enormem Tempo, bis vergangenen Mai sank der Euro auf 57 Rubel. Vor allem, weil vergangenes Frühjahr Russlands Importe wegen der westlichen Sanktionen einbrachen, während Europa weiter russische Rohstoffe zu hohen Krisenpreisen kaufte.
Aber inzwischen richten sich die Sanktionen vor allem gegen die Exporte. Europa konsumiert kaum noch russisches Gas, der Ölpreis wurde gedeckelt, Russland muss seine Brennstoffe oft halblegal und mit großen Preisnachlässen verkaufen.
Nach Angaben des Finanzministeriums sanken die Steuereinnahmen durch Öl— und Gasexporte im ersten Halbjahr 2023 gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum um fast die Hälfte auf 3,38 Billionen Rubel (also 33,8 Milliarden Euro). Auch weil die Exporteure aufgrund der vom Kreml ausgerufenen „Dedollarisierung“ jetzt statt Dollar nur Rubel bekommen…
Umgekehrt erhöhen wachsende, wenn auch oft graue Importe den Bedarf an Dollar und Euro. „Wenn wir die Zeit zwischen Januar und Mai dieses und vergangenes Jahr vergleichen, ist der Export um ungefähr 40 Prozent gefallen, der Import um circa 15 Prozent gestiegen“, sagte Zentralbankchefin Elvira Nabiullina und erklärte den Rubelsturz am Donnerstag mit „objektiven Wirtschaftsfaktoren“. Alle Vermutungen, der Staat drücke absichtlich auf den Rubel, seien Verschwörungstheorien.
„Man glaubt es mit Mühe“, schreibt das Massenblatt Komsomolskaja Prawda. Das Finanzministerium habe erst am Mittwoch verkündet, es werde den Verkauf von Hartwährungen halbieren, was die Nachfrage nach Euro und Dollar künstlich noch erhöhe.
Wirklich profitiert der Fiskus zumindest kurzfristig von steigenden Hartwährungskursen. Seine Rubeleinnahmen aus jedem Öldollar stiegen seit Jahresbeginn um 30 Prozent. Laut einer Verlautbarung des Finanzministeriums von Freitag ist das Loch im Jahreshaushalt, das im Mai bei 34 Milliarden Euro lag, wieder auf 29 Milliarden Euro gesunken. Stimmt das, so wohl vor allem Dank des schwachen Rubels.
Autos werden teurer
Aber die Rubel, die der Staat Rentner:innen oder Rüstungsarbeitern zahlt, verlieren auch im Inland an Wert. Die offizielle Jahresinflationsrate von 3,43 Prozent wirkt immer fragwürdiger.
Nur noch wenige Menschen machen Urlaub oder shoppen gar im Ausland, vor allem Provinzrussen sehen Dollar oder Euro als unnützen Luxus. Aber für ihre Verteuerung bezahlen vor allem sie.
Schon im April waren die Auto-Preise um rund zehn Prozent gestiegen. Jetzt sagten mehrere Autodealer der Rossijskaja Gaseta weitere Erhöhungen von zehn Prozent bis 20 Prozent voraus. Und laut der Zeitung Kommersant kündigten russische Großhändler mehreren Haushalts- und Elektronikketten schriftlich schon zehnprozentige Preiserhöhungen zum vierten August an.
Igor, der Reifenhändler, sagt, er verkaufe fast nur noch vaterländisches, chinesisches oder koreanisches „Gummi“. Aber auch er argwöhnt, seine Zulieferer könnten die Preise erhöhen. „Der steigende Dollar ist immer ein glänzender Vorwand.“
