Russland-Sanktionen und ihre Wirkung: Welche westlichen Unternehmen massiv profitieren
VonPatrick Freiwah
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Wie ist die Wirkung der Sanktionen gegen Russland? Zahlreiche Konzerne des Westens verdienen offenbar aufgrund des Krieges - und tun sich schwer, von dort abzuziehen.
Moskau/München - Seit Anfang 2022 dominiert der Ukraine-Krieg das geopolitische Geschehen. Dabei zeigt sich, dass die verhängten Sanktionen des Westens gegen Russland nicht so umgesetzt werden, wie es ursprünglich gedacht war. Nach wie vor gibt es zahlreiche Unternehmen, die im größten Land der Erde prächtige Gewinne einfahren. Neben Energieriesen und einer österreichischen Großbank profitieren auch Lebensmittelkonzerne aus den USA.
Aus Russland zurückziehen und die dortige Wirtschaft schwächen? Die geplante Isolation anhand von Sanktionen hat sich als zweischneidiges Schwert erwiesen: Von Unternehmen zu erwarten, das dortige Business aufzugeben ist eine Sache. Dass es jedoch zu Problemen kommt und sich die Verbindungen nicht so einfach lösen lassen, die andere. Aus dem Westen haben längst nicht alle Firmen ihre Geschäfte in Russland beendet. Und dort scheint weiter eine Menge Geld vorhanden zu sein.
Russlands Wirtschaft: Eine Menge westlicher Unternehmen umgehen Sanktionen
Zahlreiche große Firmen verdienten 2022 prächtig in dem Land, das militärisch gegen den Nachbarstaat vorgeht und sich damit den Zorn der westlichen Nationen zuzog. Laut Untersuchungen sind auch Tabakriesen und große Namen der Lebensmittelbranche weiter auf dem russischen Markt zugange und streichen satte Rendite ein.
Die Kyiv School of Economics errechnete, dass von 3293 westlichen Unternehmen in Russland 1181 ihre Zelte abbrechen wollten. Davon seien angeblich erst 241 abgezogen, während 505 noch warten und 1366 von vornherein bleiben möchten. Im Zuge dessen ist die Frage interessant, inwiefern Personen und Unternehmen überhaupt an die Sanktionen gegen Russland gebunden sind? 2022 hat die EU einen Strafenkatalog initiiert, um teils „empfindliche“ Strafen aufzuerlegen. Doch da scheint es Uneinigkeit und Lücken zu geben.
So gehören mitunter Konzerne aus den USA und Großbritannien, ein Ölmulti aus Frankreich sowie eine Großbank aus Österreich zu den Profiteuren, welche wohl auch deswegen ihre Gewinne in Russland steigern konnten, weil sich ein Großteil der Konkurrenz im Zuge der Wirtschaftssanktionen verabschiedete. Das russische Exil-Medium Novaja Gazeta Evropa listet große Unternehmen auf, die im Jahr 2022 satte Margen einfuhren - inklusive Steuerabgaben an den russischen Staat. Für die Auswertung wurden angeblich nur Unternehmen aus von Russland „unfreundlich“ eingestuften Ländern aufgelistet.
Sanktionen gegen Russland: Große Unternehmen des Westens profitieren
Energiekonzerne: TotalEnergies (Frankreich) hat demnach den größten Überschuss verbucht, 269 Milliarden Rubel bedeuteten im abgelaufenen Jahr eine Steigerung von 106 Prozent. Der weitgehende Wegfall russischer Gaslieferungen durch Gazprom nach Europa konnte durch die enorm gestiegene Nachfrage nach Flüssiggas (LNG) offenbar überkompensiert werden. Zwischenzeitlich sei der Konzern von der EU sogar gebeten worden, die Gaslieferungen aus Russland aufrechtzuerhalten. Zwar habe der Öl- und Gaskonzern einen Teil am Russland-Geschäft abgestoßen, bleibe jedoch mit 19,4 Prozent am zweitgrößten Gasproduzent Novatek beteiligt.
Auch BP aus Großbritannien konnte seinen Gewinn in Russland steigern, um 35 Prozent auf 150 Millionen Rubel. Das entspricht umgerechnet etwa 1,7 Milliarden US-Dollar, wobei der Ölmulti 2022 einen Rekordgewinn von fast 26 Mrd. Euro eingefahren hat - hauptsächlich aufgrund der gestiegenen Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt. Inzwischen habe das Unternehmen den Wert seiner Russland-Beteiligung mit 24 Mrd. Dollar abgeschrieben führt Welt.de aus.
Banken: Zuletzt appellierte die Europäische Zentralbank (EZB) an westliche Großbanken, ihre Verbindungen nach Russland schnell zu verringern oder ganz zu beenden. Eine westliche Bank, für die jenes Geschäft im Jahr 2022 mehr als die Hälfte der Erlöse einbrachte, ist die Raiffeisen Bank International aus Österreich. Der Gewinn habe sich mit knapp 141 Milliarden russische Rubel gegenüber dem Jahr zuvor vervierfacht. In der Liste westlicher Großverdiener belege die Raiffeisen-Bank dort den dritten Platz, hinter den benannten Ölkonzernen. Angeblich profitierte die RBI davon, dass ein Großteil der russischen Konkurrenz vom globalen Finanzkommunikationssystem SWIFT verbannt wurde.
Nahrungsmittel: Stark wachsen konnten in Russland demnach auch zwei US-Konzerne. PepsiCo. - bekannt durch zuckerhaltige Getränke - hat mit Marken wie Pepsi, 7 Up oder Rockstar den Gewinn auf 45 Mrd. Rubel (rund 534 Mio. US-Dollar) vervierfacht, dem Süßwarenhersteller Mondelez (u. a. Milka, Jacobs, Toblerone, Oreo) blieb ein Überschuss von 27 Mrd. Rubel (321 Mio.). Bereits Anfang des vergangenen Jahres zogen sich einige Konzerne zurück, während andere das Angebot in Russland lediglich reduzierten.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten
Ein Profiteur der Russland-Sanktionen ist übrigens auch die Schweizer Reederei Fractal Shipping, die russisches Öl über die Weltmeere schifft (siehe Video).
Sanktionen gegen Russland: Viel zu häufig profitiert die falsche Seite
Die Ablösung von Russland hapert bei zahlreichen Unternehmen angeblich auch deshalb, weil im Reich des Moskauer Kremls die Vorgänge erschwert würden und teils hohe Ablösezahlungen an den Staat fällig seien. „Viel zu häufig profitiert letztlich die Seite, der eigentlich geschadet werden soll“, wird Sanktionsexperte Viktor Winkler von der Welt zitiert. Massiv gestärkt wurde ihm zufolge hingegen das Land von Wladimir Putin, „während die Verkäufer große Verluste erlitten.“
Zur Wirkung der westlichen Sanktionen aufgrund des Krieges hatte Putin jüngst folgendes Fazit der Wirtschaftsentwicklung gezogen: „Die Strategie, die Staat und Business gewählt haben, hat funktioniert“, so der Kremlchef auf dem Petersburger Wirtschaftsforum - wenngleich das zweite Quartal 2022 aufgrund von Umstellungen besonders schwer gewesen sei. Einer russischen Prognose nach beläuft sich das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr auf 1,5 bis 2 Prozent, während die Inflation niedriger als in der Eurozone sei. (PF mit dpa-Material)