Sanktionsbruch als Studium

Moskaus Eliteuniversität schult Fachleute für die Schattenwirtschaft

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Russlands Elite-Uni HSE konzipiert ein Masterprogramm, das Studenten auf das Umgehen von Sanktionen vorbereitet.

Moskau – Bis zum Beginn des Ukraine-Kriegs galt der Iran als das am stärksten sanktionierte Land der Welt. Heute ist es Russland – doch dem Kreml gelingt es immer wieder, die Wirtschaftsbeschränkungen zu umgehen. Nun bildet die Moskauer Elite-Uni Moscow Higher School of Economics (HSE) in einem Master-Studiengang Fachkräfte aus, um westliche Sanktionen systematisch auszuhebeln.

Ob Teheran dem russischen Präsidenten Wladimir Putin Tipps zur Umgehung von Sanktionen gab, ist nicht bekannt. So oder so hat Moskau aber Mittel und Wege gefunden. Zahlungen gehen über chinesische Banken, der Export von Öl und Flüssiggas läuft über eine Schattenflotte und für die Kriegsindustrie wichtige Halbleiter gelangen über Importe von Waschmaschinen und anderen technischen Geräten über verbündete Nachbarländer ins Land. Mittlerweile existiert eine Parallelwirtschaft.

Know-How aus der Grauzone: Moskau investiert in die Ausbildung für seine Schattenwirtschaft

Eine der renommiertesten Universitäten des Landes bietet einen Masterstudiengang, der den Studierenden das Umgehen und Abschwächen von Wirtschaftsbeschränkungen lehrt.

Studenten vor dem Gebäude der Universität Moscow Higher School of Economics (HSE).

Kein Einzelfall: Auch an anderen russischen Universitäten, etwa der Moskauer Witte Universität und der Lomonossow-Universität gibt es entsprechende Kurse und Programme. Damit will Russland offenbar die nötigen Fachleute für die Zukunft aufbauen. Doch nicht immer sind gleich zwei Jahre Masterstudium nötig: Die HSE hat auch Schulungen über die Dauer von 10 Tagen im Programm. Die richten sich laut Beschreibung unter anderem an „Direktoren und Topmanager russischer Unternehmen, Eigentümer kleiner und mittlerer Unternehmen, die mit ausländischen Auftragnehmern zusammenarbeiten“. Das russische Exil-Medium T-Invariant berichtete zuerst darüber.

Wie im Iran? Warum sich Russland laut Experten auf Jahrzehnte der Isolation vorbereitet

In der Kursbeschreibung der HSE heißt es, Student:innen hätten „die Möglichkeit, direkt mit Top-Experten und Praktikern des russischen Finanzministeriums, [...]“ sowie des „Russischen Rates für internationale Angelegenheiten [...] zu interagieren.“ Man erhalte aktuellste Informationen und praktische Lösungen. Kostenpunkt: 115.000 russische Rubel, umgerechnet etwa 1.270 Euro. Der Masterstudiengang schlägt mit umgerechnet 5.700 Euro zu Buche.

Die Maßnahme sei Teil eines Plans der russischen Regierung, die Folgen der internationalen Isolation besser zu bewältigen, meint Igor Lipsits, ein ehemaliger HSE-Professor und Mitbegründer der Universität. „Jeder sieht, wie der Iran seit 40 Jahren unter Sanktionen lebt. Wir werden möglicherweise noch lange in einem so feindseligen Umfeld leben müssen, mit allen möglichen Einschränkungen und zunehmenden Regulierungen für Russlands Geschäftstätigkeit im Ausland“, so Lipsits zu T-Invariant. „Die russische Wirtschaft passt sich an ein Leben unter Sanktionen an – für eine ganze Generation.“

Studiengänge zum Umgang mit Russland-Sanktionen – Experte warnt vor Zusammenbruch

Andrey Yakovlev, ehemaliger Prorektor der HSE und heute Ökonom am Davis Center der Harvard University, warnt hingegen davor, kurzfristige Trends an Hochschulen als langfristigen Wandel zu deuten. „Universitäten reagieren auf kurzfristige Nachfrage“, sagte Yakovlev gegenüber T-Invariant. „Das bedeutet aber nicht, dass dies ein stabiler, langfristiger Trend ist. In den 1990er Jahren hat jeder Broker ausgebildet – bis der Markt zusammenbrach. Das hier könnte sich ähnlich entwickeln.“

Aktuelle Stellenanzeigen in Russland zeigen jedoch: Der Markt sucht nach Fachleuten, die sich mit Sanktionen auskennen. An Arbeit wird es wohl nicht mangeln. Während der Kreml nach Wegen sucht, Strafmaßnahmen zu umgehen, zimmert die Europäische Union bereits das 18. Sanktionspaket.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Artyom Geodakyan / ZUMA Press

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