- VonBettina Menzelschließen
Trotz starker Sanktionen findet Russland immer wieder Wege, seine Energieexporte fortzusetzen. Die Spur führt zu einer Schattenflotte.
Moskau – Der Ukraine-Krieg hat Russland zum weltweit am stärksten sanktionierten Land gemacht. Die Europäische Union hat erst kürzlich, am 24. Juni, ihre Wirtschaftssanktionen gegen Russland verschärft und erstmals auch den Handel mit russischem Flüssiggas (LNG) eingeschränkt. Da die Energieexporte einen erheblichen Anteil an den Staatseinnahmen Russlands ausmachen und für die Finanzierung von Putins Kriegsapparat unerlässlich sind, sucht Moskau ständig nach Wegen, die Sanktionen zu umgehen.
Öl, LNG, Diamanten: Russland umgeht Sanktionen auf vielen Wegen
Halbleiter, Diamanten, Öl und nun LNG: Russland hat immer wieder Wege gefunden, die westlichen Sanktionen zu umgehen. So hat Russland beispielsweise im Jahr 2022 begonnen, auffällig viele Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen aus befreundeten Ländern zu importieren. Die darin enthaltenen Halbleiter wurden dann von Putin für die Waffenproduktion verwendet, um das Embargo zu umgehen, wie die EU-Kommission zugab. Auch für den Export von Diamanten und Öl hat Moskau bereits neue Handelswege gefunden - und nun wohl auch für Flüssiggas. Laut einem Bericht von Bloomberg am Donnerstag (27. Juni) könnte Russland derzeit dabei sein, eine Schattenflotte für den LNG-Export aufzubauen.
Die Schiffsdatenbank Equasis zeigt, dass in den letzten drei Monaten acht Schiffe an kaum bekannte Unternehmen in Dubai übertragen wurden. Vier davon sind Eisschiffe und haben bereits die Erlaubnis Russlands erhalten, seine arktischen Gewässer zu durchqueren, so der Bericht. Dies könnte von Bedeutung sein, da Umladungen oft „auf dem Ankerplatz Kildin nördlich von Murmansk“ stattfinden, wie Malte Humpert vom Arctic Institute in den USA dem Nachrichtenportal bestätigte.
Eine direkte Verbindung zu russischen Unternehmen konnte zunächst nicht hergestellt werden, aber das Vorgehen erinnert laut Bloomberg an die Schattenflotten für Öltransporte, die Russland bereits unterhält. Putin hat laut Schätzungen der Financial Times wahrscheinlich etwa hundert Tankschiffe zur Verfügung, die nicht unter russischer Flagge fahren, aber für Moskau arbeiten.
Russlands Schattenflotte: Aufbau für LNG nicht so einfach wie beim Öl
Es gibt mehrere Anzeichen dafür, dass Moskau eine Schattenflotte aufbaut: Dass Unbekannte mehrere Millionen teure Spezialfrachter kaufen, ist auf dem im Vergleich zum Ölmarkt kleinen LNG-Markt eher unwahrscheinlich. Darüber hinaus sind die Versicherer von mindestens drei der Schiffe in der Datenbank der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation als „unbekannt“ gelistet. Diese Anzeichen sieht auch der Experte Humpert vom Arctic Institute in den USA als Teile eines Puzzles für eine solche geheime Flotte. Der Trick mit Schattenflotten ist nicht neu und funktioniert auch gut für andere Paria-Staaten. So hat der Iran kürzlich mit Öl-Schattenflotten Rekordeinnahmen erzielt.
Im Vergleich zu Öl gibt es bei Flüssiggas jedoch größere technische Herausforderungen für die Schiffe, insbesondere bei der Kühlung. Gleichzeitig haben Russlands Gegner bessere Überwachungsmöglichkeiten, da nur ein kleiner Teil der Tanker auf den Weltmeeren LNG-Transporter sind. Im Vergleich zu 7.500 Öltransportern sind weniger als ein Zehntel davon LNG-Tanker. Darüber hinaus lässt sich die Herkunft von Öl besser verschleiern, da ein „Umfüllen“ auch auf hoher See möglich ist. Bei Flüssiggas ist dies laut dem Bericht „bedauerlicherweise schwächer“. Bisher wurden dafür europäische Häfen angesteuert. Genau hier setzen die neuen EU-Sanktionen an: In Zukunft soll das Umladen von russischem LNG in europäischen Häfen verboten sein.
Sanktionen gegen Russlands Wirtschaft schwächer als erhofft – wegen Deutschland
Das neue Sanktionspaket verbietet auch EU-Investitionen in LNG-Projekte in Russland, einen Importstopp nach Europa gibt es jedoch nicht. Diesen Schritt hatte zuvor das Europäische Parlament gefordert. Unabhängig von der Schattenflotte könnten die neuen EU-Sanktionen aus einem anderen Grund scheitern: Deutschland hat am vergangenen Montag aus Angst vor den Auswirkungen auf deutsche Exporteure strengere EU-Regeln gegen das Umgehen von Sanktionen über Drittländer verhindert, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtete. Die baltischen Staaten kritisierten Berlin dafür scharf. Die Sanktionen seien „bedauerlicherweise schwächer“ als geplant, kommentierte beispielsweise der litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis das Ergebnis.
Russische Analysten bezeichneten die Sanktionen laut dpa als Schlag gegen LNG-Produzenten, stuften sie jedoch als relativ mild ein. Der Umladestopp für russisches Flüssiggas tritt erst nach neun Monaten in Kraft. Während dieser Übergangszeit könnten russische Unternehmen neue Kunden und alternative Routen finden. Das ist Moskau bereits beim Öl gelungen. China, Indien und der asiatische Raum profitieren von den relativ niedrigen Preisen. Allerdings hatte Russland laut Reuters das Ziel, zwischen 2030 und 2035 ein Fünftel des globalen LNG-Marktes zu besetzen. Dies könnte laut einer Einschätzung der Nachrichtenagentur nun schwierig werden. Derzeit beträgt der russische Anteil acht Prozent.