Top-Ökonom Südekum über die Haushaltskrise: „Deutschland könnte den Anschluss verlieren“
VonHannes Koch
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Der Ökonom Jens Südekum spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über den Bundeshaushalt, die Folgen ausbleibender Investitionen und eine Reform der Schuldenbremse.
Berlin – In wenigen Minuten wird Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) an diesem Dienstagmorgen (28. November) im Bundestag sprechen. Anruf bei Jens Südekum. Was in Berlin gerade los ist, weiß der Wirtschaftsforscher und Regierungsberater ziemlich gut. Kürzlich war er in den Haushaltsausschuss des Parlaments geladen. Ein Interview über das aktuelle Chaos nach dem Haushaltsurteil.
Es herrscht Krisenstimmung. Viele Leute machen sich große Sorgen über den Bundeshaushalt und das fehlende Geld. Ist die Lage wirklich so schwierig?
Wir erleben eine politische und juristische Krise. Das Bundesverfassungsgericht hat der Bundesregierung attestiert, die Schuldenbremse im Grundgesetz verletzt zu haben. Eine ökonomische Krise muss daraus aber nicht folgen.
Nach dem Urteil hat die Koalition bereits einen Nachtragshaushalt für dieses Jahr ausgearbeitet. An den Ausgaben ändert sich dadurch wenig. 2024 fehlen vielleicht 20 Milliarden Euro, 2025 etwas mehr. Das sind keine Beträge, die eine finanzpolitische Katastrophe darstellen.
Das kommt darauf an, wie die Bundesregierung darauf reagiert. Kanzler Olaf Scholz (SPD) hat in seiner Regierungserklärung noch nichts Genaues gesagt. Durch die Entscheidung des obersten Gerichts fehlen aber ab 2024 rund 60 Milliarden Euro. Wenn diese staatlichen Ausgaben einfach wegfallen, würde das Bruttoinlandsprodukt etwa um einen Prozentpunkt schrumpfen. Und die gesamten Investitionen der Wirtschaft könnten um ganze vier Prozentpunkte zurückgehen. Dann besteht die Gefahr, dass aus der momentanen Stagnation eine längere und tiefere Rezession wird.
Die 60 Milliarden Euro, die das Verfassungsgericht annullierte, hatte die Bundesregierung in ihrem Klima- und Transformationsfonds eingeplant. Was bedeutet es konkret, wenn dieses Geld nicht fließt?
Sollten die Mittel nicht zur Verfügung stehen, wären Arbeitsplätze in Gefahr?
Das auch, wobei unser Arbeitsmarkt ziemlich robust ist. Wegen des zunehmenden Fachkräftemangels halten viele Firmen ja an ihren Arbeitskräften fest. Eine große Arbeitslosenwelle befürchte ich deshalb kurzfristig nicht. Sorgen mache ich mir aber über die ausbleibenden Investitionen. Deutschland könnte den Anschluss verlieren.
Zur Person
Jens Südekum, 48, lehrt und forscht als Professor für internationale Wirtschaft an der Universität Düsseldorf. Er ist unter anderem Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz.
Als Berater von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) betonen Sie den Epochenwechsel zur Klimaneutralität. Aber ist es wirklich so relevant, ob ein Stahlproduzent oder ein Hersteller von Solarzellen die Förderung für die neue Fabrik 2024 oder erst ein Jahr später erhält?
Es ist keine gute Idee, auf Zeit zu spielen. Man muss die geopolitische Situation betrachten. Andere Länder kämpfen jetzt um die Ansiedlung der Technologien von morgen. Beispielsweise die USA verwirklichen ein großes Förder- und Investitionsprogramm, um neue Fabriken für Halbleiter, Batterien und grünen Wasserstoff zu errichten. Solche Investitionsentscheidungen sind schwer rückgängig zu machen. Deutschland und Europa müssen da mithalten. Sonst verabschieden sich die großen Projekte von hier.
Warum ist es jetzt so wichtig, dass der Staat agiert, warum schaffen das die Unternehmen nicht alleine?
Die Investitionen etwa in die Stahlproduktion mit grünem Wasserstoff rechnen sich für die privaten Unternehmen jetzt noch nicht. Das wird sich in Zukunft absehbar ändern. Aber heute muss der Staat eine Anschubfinanzierung bereitstellen, vor der die Geschäftsbanken zurückschrecken. Das ist eine außergewöhnliche Situation. Eine Transformation in dieser Größenordnung gab es in der Geschichte des Kapitalismus noch nicht.
Auch wenn die Bundesregierung nun die 60 Milliarden Euro nicht mit Schulden finanzieren kann, sind ihr nicht die Hände gebunden. Zum Beispiel bleiben im Bundeshaushalt jedes Jahr Milliardenbeträge übrig, weil sie nicht ausgegeben werden können. Lässt sich das fehlende Geld 2024 und 2025 durch Umschichtungen erwirtschaften?
Das kann man versuchen. Allerdings halte ich einige Vorschläge in dieser Richtung für pure Ablenkungsmanöver. Mit Kürzungen bei der geplanten Kindergrundsicherung oder dem Bürgergeld lassen sich vielleicht zwei Milliarden Euro einsparen. Das reicht auf keinen Fall.
Leichte Kürzungen hier und da, Abschmelzen von Steuerprivilegien wie der Begünstigung von Dienstwagen, Verschiebung von einigen Investitionsprojekten auf 2026 oder 2027 – warum soll so ein Potpourri nicht möglich sein?
Auf diese Art werden die Ampel-Parteien SPD, Grüne und FDP wohl versuchen, Kompromisse zu finden. Aber die großen Investitionsprogramme müssen dabei unbedingt erhalten bleiben. Deswegen rate ich dazu, eine Verständigung mit der Union anzustreben. Wir brauchen grundsätzliche Reformoptionen. Eine bestünde darin, im Grundgesetz ein weiteres Sondervermögen zur Finanzierung von Investitionen in die Klimaneutralität einzurichten – analog dem Sondervermögen für die Bundeswehr. Besser wäre es jedoch, die Schuldenbremse grundsätzlich so zu reformieren, dass regelmäßig höhere Investitionen aus Bundesmitteln erlaubt wären.
Warum sollte die Union der angeschlagenen Ampelkoalition in dieser Weise aus der Patsche helfen?