100 Milliarden Euro für die Verteidigung

Deutsche Aufrüstung kommt „nur langsam“ voran – abschreckungsfähig in 100 Jahren?

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Deutschland will mehr Geld für Verteidigung ausgeben. Trotzdem geht die Aufrüstung zu langsam. Das zeigt eine neue Studie.

Kiel – Trotz über einem Dutzend Sanktionspaketen, die die westlichen Industrieländer Russland auferlegt haben, gelangt der russische Präsident Wladimir Putin in hohem Tempo an neue Waffen. In Deutschland soll die von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius eingeleitete „Zeitenwende“ dafür sorgen, dass Deutschland seine Nato-Verpflichtungen erfüllt. Reicht das aus?

Deutschland fehlen die Panzer – ist Russlands Kriegswirtschaft dem Westen überlegen?

Deutschland könnte in seinen militärischen Kapazitäten langfristig hinter Russland zurückbleiben. Zu diesem Schluss kam eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Die Studie „Kriegstüchtig in Jahrzehnten“ zeigte auf, welche Anstrengungen Deutschland unternehmen müsste, um allein den Stand von 2004 wieder zu erreichen. „Russland erwächst zu einer immer größeren Sicherheitsbedrohung für die Nato“, zitierte der Spiegel die Experten im Rahmen der Studie. „Gleichzeitig kommen wir mit der für die Abschreckung nötigen Aufrüstung nur sehr langsam voran.“

Bildmontage aus einem Leopard-Panzer 2 A4 und Boris Pistorius (Symbolfoto). Deutschland will mehr Geld für Verteidigung ausgeben. Trotzdem geht die Aufrüstung zu langsam. Das zeigt eine neue Studie.

Mit „für die Abschreckung nötige Ausrüstung“ meinen die Forscher den Umfang der Ausrüstung, die Deutschland im Jahr 2004 zur Verfügung stand. Je nachdem, um welche Art der militärischen Ausrüstung es geht, würde Deutschland – angenommen, man nehme die heutigen Geschwindigkeiten in der Beschaffung – bis zu 100 Jahre benötigen, um wieder auf dem damaligen Niveau angekommen zu sein. Die Experten raten zu einer Entbürokratisierung und zu einer europäischen Ausrichtung, was die Waffenkäufe angeht.

Abrüstung nach dem Kalten Krieg – Deutschland missachtet Verteidigungsindustrie

Der Grund für den schieren Mangel an Material ist eine umfangreiche Abrüstung, die verschiedene Bundesregierungen seit dem Ende des Kalten Kriegs vorangetrieben hatten. Sei es die Schließung von Marinefliegergeschwadern, der Verkauf von Panzern oder die Missachtung des Zwei-Prozent-Ziels der Nato – Deutschland hatte jahrelang seine Verteidigungsfähigkeiten reduziert, auf einen anhaltenden Frieden hoffend.

Ein paar Beispiele: Im Jahr 2004 standen Deutschland über 3.600 bewaffnete Fahrzeuge und fast 2.400 Kampfpanzer zur Verfügung. 2021 waren es noch knapp über 2.000 bewaffnete Fahrzeuge und etwa 340 Kampfpanzer. Artillerie-Haubitzen hatte die Bundeswehr noch 121 (von 987 im Jahr 2004), und etwas mehr als halb so viele Kampfflugzeuge. Bei der Artillerie würde Deutschland mit der heutigen Produktion 100 Jahre brauchen, um auf den alten Stand zu kommen.

20042021
Bewaffnete Fahrzeuge, sonstige3.6462.067
Kampfpanzer2.398339
Infanterie-Kampffahrzeuge2.122674
Kampfflugzeuge423226
Artillerie-Haubitzen978121

Quelle: IfW Kiel

Dabei gilt es allerdings einige Feinheiten zu beachten. Sobald Deutschland in die Situation kommt, direkt gegen Russland zu kämpfen, wären auch die USA involviert. Außerdem ist fraglich, ob westliche Industrieländer sich auf einen Grabenkampf nach Weltkriegsvorbild einlassen würden, wie er derzeit in der Ukraine herrscht. Artilleriegeschütze und -munition sind im Ukraine-Krieg wesentlich gefragter, als Militärexperten es zuvor vorausgesehen hatten.

Putin rüstet auf – Russlands Wirtschaft ist zunehmend vom Krieg abhängig

Russland hatte dagegen schon lange vor dem Krieg die Rolle eines Waffen-Magnaten inne. Nach den USA galt das Land als größter Waffenhändler der Welt (Congressional Research Service, 2021). Trotz mehrerer Sanktionspakete des Westens hatte Moskau es fertiggebracht, erstens seine Wirtschaft umfangreich auf Kriegswirtschaft umzustellen, und zweitens beschafft es jede Menge Material aus willigen Ländern wie Nordkorea oder dem Iran. Sowohl bei Artilleriemunition und Langstreckenraketen, als auch bei ballistischen Raketen und Drohnen hatte Russland die Produktion deutlich verschärft. Das berichteten die US-amerikanischen NBC News unter Berufung auf das Royal United Services Institute.

Ähnlich soll es bei den Panzern aussehen. Im April 2024 hatte der damalige russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu angegeben, das Land würde die Produktion von Panzern und schweren Flammenwerfern deutlich anziehen, aber es sei mehr Arbeit notwendig, um Ausrüstung zum Schutz dieser Panzer herzustellen. Das hatte die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.

Allerdings hat das nicht nur Vorteile. Militärexperten und Ökonomen hatten wiederholt darauf hingewiesen, dass Russland sich mit der Umstellung auf Kriegswirtschaft vom Krieg abhängig mache – und dafür buchstäblich seine Zukunft im Donbass verschießt.

Laut Moritz Schularick, Präsident des IfW, müsse Deutschland das Verteidigungsbudget auf mindestens 100 Milliarden Euro pro Jahr anheben.

Rubriklistenbild: © IMAGO / HMB-Media Julien Becker / & / IMAGO / photothek Florian Gärtner

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