- VonNicola de Paolischließen
Die Union wollte ursprünglich die Rückkehr Deutschlands zur Atomenergie prüfen lassen. Davon ist nun im Koalitionsvertrag keine Rede mehr. Waren die Pläne zur Atomkraft überhaupt realistisch?
München – Die schwarz-rote Koalition plant nach dem aktuellen Koalitionsvertrag keine Rückkehr zur Atomkraft in Deutschland. Auch die vorher angekündigte Überprüfung und Bestandsaufnahme der zuletzt abgeschalteten Kernkraftwerke ist offenbar vom Tisch. Stattdessen wird der Ausbau der erneuerbaren Energien weiter forciert.
Experte: Atompläne der Union sind „populistische Luftnummer“
Hauke Doerk, Referent für Energiepolitik am Umweltinstitut München, nannte die Atompläne der Union eine „populistische Luftnummer“. Ein Wiedereinstieg in die Nutzung der Atomkraft sei von Anfang an nicht realistisch gewesen: „Denn in der Sache wäre ein Wiedereinstieg weder klima- noch energiepolitisch sinnvoll – das dürfte Friedrich Merz ebenso klar sein wie Markus Söder“, sagte Doerk.
Kein Wort im Koalitionsvertrag zum Thema Atomenergie
Im Wahlkampf hatte die Union die Ampel-Regierung massiv für die Stilllegung der letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland kritisiert und eine Rückkehr zur Kernenergie angekündigt. Nach der Wahl stehe im Koalitionsvertrag nunmehr allerdings kein einziges Wort mehr zum Thema Atomenergie, sagte Energieexperte Doerk: „Weder von neuen Meilern, noch vom Wiederanfahren der abgeschalteten AKW. Auch auf den begleitenden Pressekonferenzen: Kein Wort mehr zu diesem Thema.“ Stattdessen rückt die weit in der Zukunft liegende Nutzung der Kernfusion in den Fokus.
Gründe für die Abkehr von der Atomkraft sind vielfältig
Bis Ende 2021 wurden von den ursprünglich 17 in Deutschland betriebenen Atomkraftwerken insgesamt 14 unter der Beteiligung von CDU/CSU-geführten Bundesregierungen stillgelegt. Besonders die Schließung der letzten drei Reaktoren durch die Ampelkoalition stieß regelmäßig auf Kritik.
Die Koalitionsparteien haben bisher keine Erklärung für den Ausschluss der Atomenergie gegeben. Die Gründe dafür könnten vielfältig sein, waren jedoch bereits vor den Wahlen bekannt. Dazu zählten das fortgeschrittene Alter der Anlagen und die hohen Kosten einer möglichen Wiederinbetriebnahme der alten Atomkraftwerke. Die zuletzt stillgelegten Reaktoren Emsland (1985), Isar II (1988) und Neckarwestheim 2 (1989) hatten bereits 35 Jahre Betriebszeit hinter sich und ihre Laufzeit überschritten. Zudem ist der Rückbau der alten Kernkraftwerke bereits im Gange, das Atomgesetz müsste wieder angefasst und der dann zusätzlich anfallende Atommüll neu geregelt werden.
Experte: Atomausstieg endet nicht mit dem Abschalten der letzten Reaktoren
Der Atomausstieg ende aber nicht mit dem Abschalten der letzten Reaktoren, sagte Energieexperte Doerk: „Er muss auch das Ende von Urananreicherung und Brennelementproduktion in Deutschland umfassen.“ In früheren Entwürfen der Arbeitsgruppen habe es zudem noch Passagen zur Atommülllagerung gegeben. „Auch diese fehlen im finalen Koalitionsvertrag. Die Regierung muss der Sicherheit der bestehenden Lagerstätten trotzdem eine hohe Priorität einräumen.“
Auch die Energiewirtschaft will keine neuen Atomkraftwerke
Auch die Energiewirtschaft steht als Betreiber der alten und zu reaktivierenden Atomkraftwerke nicht zur Verfügung. So hatte der RWE-Chef Markus Krebber wiederholt die Rückkehr zur Atomkraft abgelehnt. Auch der Energieversorger EnBW hatte die Wiederinbetriebnahme seiner stillgelegten Atomkraftwerke ausgeschlossen und den Bau neuer Reaktoren als unrealistisch eingestuft. Eon-Chef Leonhard Birnbaum wiederum meint in einem Interview mit dem Handelsblatt, dass es in Deutschland kein privates Unternehmen gibt, das Geld in neue Kernkraftwerke investieren würde.
Atomkraft: Das Preisargument zieht nicht
Auch ein Preissenkungseffekt ist mit dem Ausbau der Kernenergie nicht zu erwarten. In der Öffentlichkeit herrscht oft die Einschätzung vor, dass allein ein höheres Strom-Mengenangebot zu niedrigen Strompreisen führt. Das ist wohl ein Grund dafür, dass sich die Mehrheit der Deutschen laut einer Umfrage für die Rückkehr zur Atomkraft ausspricht. 55 Prozent befürworteten in einer Erhebung für das Verbraucherportal Verivox den Wiedereinstieg in die Kernenergie. 36 Prozent lehnten das ab, neun Prozent waren unentschieden. Tatsächlich funktioniert die Bildung der Strompreise an der Börse auf der Grundlage komplizierter Kostenmodelle.
Kernfusion statt Atomkraft: Technisch äußerst herausfordernd
Die Koalition plant, gemäß ihrem Koalitionsvertrag, verstärkt auf die Kernfusion zu setzen. Diese bisher wenig genutzte Energiequelle soll eine zentrale Rolle beim Übergang zu einer klimaneutralen Energieerzeugung einnehmen .Die technische Umsetzung der Kernfusion stellt eine große Herausforderung dar, da sie den Prozess imitiert, der im Inneren der Sonne stattfindet. Dort verschmelzen zwei Wasserstoffatome unter extremem Druck und bei hohen Temperaturen zu Helium. Dieser Fusionsprozess setzt eine enorme Energiemenge frei, die das Leuchten der Sonne ermöglicht. Der Koalitionsvertrag sieht vor, dass ein erster Fusionsreaktor in Deutschland errichtet werden soll. Die Regulierung soll dabei außerhalb des Atomrechts erfolgen.
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