VonPatrick Freiwahschließen
Die EU leitet Wettbewerbsuntersuchungen gegen China ein und nimmt den Autosektor ins Visier. Die Reaktionen auch aus Asien zeugen vom Ernst der Lage.
Straßburg/München - Die EU-Kommission hat angekündigt, eine Anti-Dumping-Untersuchung gegen chinesische Autobauer einzuleiten. Die Bekanntgabe durch Präsidentin Ursula von der Leyen löst ein riesiges Echo aus. In Zeiten zunehmender, geopolitischer Spannungen erhitzen die Äußerungen aus Straßburg das Klima zwischen Europa und China.
Während Politik und Verbraucher bezahlbare E-Autos herbeiwünschen, werden auf EU-Ebene Ermittlungen gegen das Reich der Mitte eingeleitet, weil Fahrzeuge günstiger als bei der Konkurrenz angeboten werden. Speziell für die deutsche Industrie könnten Sanktionen gegen China massive Auswirkungen haben. Die Verknüpfungspunkte sind enorm, hiesige Konzerne profitieren von Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen. Dazu ist der dortige Automarkt nach wie vor eine wichtige Absatzquelle auch für Konzerne wie VW, BMW und Mercedes.
EU und China: Zollstreit wegen E-Autos? Peking reagiert deutlich
Peking reagiert mit deutlicher Kritik auf die angekündigte Untersuchung der EU aufgrund von E-Auto-Subventionen. China sei „besorgt und unzufrieden“, erklärte ein Sprecher des Handelsministeriums. Man gehe davon aus, dass diese dem Schutz der europäischen Industrie dient. Dies stelle ein „unverhohlenes protektionistisches Verhalten“ dar, das die Lieferketten der globalen Autoindustrie ernsthaft stören werde. Eine negative Auswirkung auf die chinesisch-europäischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen seien die unweigerliche Folge.
Das Land macht keinen Hehl daraus, dass sich das Verhalten als Bumerang erweisen könne. Schon länger prangert die Volksrepublik wachsenden Protektionismus von Handelspartnern wie Deutschland an: Entsprechende Gegenmaßnahmen der Chinesen würden schließlich unweigerlich auch hiesige Konzerne treffen. Dabei ächzen deutsche Hersteller bereits unter schwindenden Marktanteilen auf dem lukrativen Absatzmarkt.
Von der Leyen wiederum ließ wissen, Europa sei zwar offen für Wettbewerb, aber nicht für einen ungleichen Unterbietungswettlauf. Man müsse sich „gegen unfaire Praktiken wehren“. Zugleich betonte die Unionspolitikerin, es sei unabdingbar, mit China im Dialog zu bleiben. Wie die 64-Jährige im Europaparlament ausführte, werde der Preis dieser Autos durch „riesige staatliche Subventionen künstlich gedrückt“ - und das würde den Markt verzerren. Weltmärkte würden von billigeren chinesischen Elektroautos „überschwemmt“.
EU-Untersuchung gegen China: Strafzölle als mögliches Szenario
Dass dies jedoch besser für die Verbraucher ist, für die sich das Angebot an bezahlbaren Fahrzeugen erhöht, blieb von der Vorsitzenden der EU-Kommission unerwähnt. Konkrete Beispiele, inwiefern China aus Sicht der Kommission den Wettbewerb verzerrt, wurden nicht genannt. „Solange wir nicht den vollen Überblick haben, können wir uns nicht mit Beispielen äußern“, führte eine Sprecherin der Kommission aus. Angeblich habe die Kommission zunächst Datenbanken und auch Marktstudien untersucht. Ein mögliches Szenario ist nun die Erhebung von Strafzöllen für Unternehmen aus dem Reich der Mitte. Laut EU-Kommission werde vorher Kontakt mit chinesischen Behörden und betroffenen Firmen aufgenommen.
Zwischen den Fronten steht die Europäische Handelskammer in China: Die Interessenvertretung hiesiger Unternehmen plädiert für einen fairen Wettbewerb. Freie und offene Märkte hingen von regelbasierten Handelspraktiken ab: „Die Kammer erwartet eine faktenbasierte Untersuchung mit Blick darauf, solche Prinzipien für alle Marktteilnehmer zu gewährleisten“, erklärte Präsident Jens Eskelund.
Während die Europäische Kommission Antisubventionsuntersuchungen gegen China einleitet, erinnert das dortige Handelsministerium an den Gedanken des freien Wettbewerbs und betont die langjährigen Beziehungen zwischen Europa und China – gerade im Automobilbereich: Die Autoindustrie in Fernost habe sich schnell entwickelt, sei wettbewerbsfähiger geworden.
China-Autobauer in Europa: Sanktionen würden auch Tesla treffen
Was im Zusammenhang mit den EU-Ermittlungen gegen China-Autobauer noch interessant ist: Die meisten Elektroautos exportieren nicht etwa heimische Hersteller wie BYD aus der Volksrepublik, stattdessen belegt Tesla die Spitzenposition, wie die FAZ schildert. Alleine im Jahr 2023 hat der US-Autobauer bislang offenbar mehr als 230.000 Fahrzeuge ins Ausland verfrachtet, unter anderem auch nach Deutschland. Somit würden mögliche Strafzölle der EU auf in China hergestellte Elektroautos auch Tesla treffen und nicht nur in China beheimatete Autobauer.
Nach Angaben des chinesischen Ministeriums ist das die Folge von ständiger, technologischer Innovation und der Errichtung kompletter, industrieller Lieferketten. Autofirmen aus dem EU-Raum hätten in China lange investiert und der chinesische Markt sei der größte für jene Unternehmen geworden. China halte an einer offenen Haltung fest und heiße EU-Firmen aus dem Automotiv-Bereich willkommen, dort weiter zu investieren.
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Günstige E-Autos aus China: Nur möglich aufgrund von Staatshilfe?
Experten bezweifeln, dass chinesische Autobauer nur aufgrund von Subventionen Elektroautos deutlich günstiger anbieten. Jahrzehntelang profitierten Hersteller wie Volkswagen und Co. vom rasanten Wachstum in China und freuten sich über enorme Absatzzahlen von Verbrennermodellen. Bei der Entwicklung von E-Autos wurde jedoch zu lange gezögert.
Harald Proff, Automotive-Leiter der Unternehmensberatung Deloitte, erklärt gegenüber der Frankfurter Allgemeinen: „China hat schon vor Jahren günstige Bedingungen und einen Markt für Elektroautos geschaffen. Damit konnten die Hersteller früh ihre Produktion skalieren und die Kosten senken.“ In den Bereichen Elektro- und Batterietechnologie seien Unternehmen aus dem Reich der Mitte mittlerweile führend: Proff geht davon aus, dass China-Hersteller auch in Europa E-Autos ohne Staatshilfen aus der Heimat günstiger anbieten können.
Einer Auswertung der Analysten von UBS zufolge seien die Produktionskosten eines VW ID.3 um etwa 35 Prozent höher, als jene der Elektrolimousine BYD Seal. Das alleine würde bereits erklären, warum das letztgenannte Modell eine weitaus bessere Rendite verspricht, als die elektrische VW-Kompaktklasse.
EU-Maßnahmen gegen China: Frankreich als möglicher Antreiber
Derweil kursieren Vermutungen, dass es besonders der Initiative Frankreichs geschuldet ist, dass die EU-Wettbewerbshüter chinesische Anbieter genauer unter die Lupe nehmen: Frankreich drängt schon länger auf mehr Autonomie Europas und auf eine Stärkung des europäischen Gedankens auch auf Handelsebene. Für die Regierung von Präsident Emmanuel Macron steht der Schutz europäischer Unternehmen im Vordergrund, dazu macht sich das Land stark für mehr Souveränität, sowohl im Hinblick auf US-Außenpolitik, als auch Protektionismus durch China.
Welche Position nimmt der Verband der Deutschen Automobil-Industrie im Zuge der Ankündigung durch von der Leyen ein? Die Interessenvertretung erklärte, die Untersuchung alleine werde bestehende Herausforderungen nicht lösen. Dazu brauche es vielmehr langfristige Strategien, denn der deutsche und europäische Standort leide unter hohen Energiekosten, Steuern, Abgaben, Umlagen und zu viel Bürokratie, zitiert die Deutsche Presse-Agentur (dpa) einen Sprecher auf Anfrage.
Deutsche Wirtschaft in China: Investitionen wachsen trotz rauem Klima - „noch ein langer Weg“. (PF mit Material der dpa)
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