Putin pocht auf Wachstum: Russlands Kriegswirtschaft auf Talfahrt
VonNils Thomas Hinsberger
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Russlands Kriegswirtschaft: Manipuliert Putin die Zahlen? Experten glauben, der Kreml-Chef will sich dadurch Vorteile bei künftigen Verhandlungen verschaffen.
Moskau – Sanktionen, ein zermürbender Ukraine-Krieg, hohe Zinsen und Probleme mit den wichtigsten Handelspartnern. Russlands Wirtschaft steht unter massivem Druck. Trotz mannigfaltiger Krisen, etwa dass die zivile Industrie im Schatten der Rüstungsunternehmen verschwinden und sich viele wegen der hohen Inflation ihre Lebenshaltungskosten nicht mehr leisten können, pocht Wladimir Putin auf eine schnelle Besserung. „Das Wachstum der russischen Wirtschaft hat in diesem Jahr die erwartete Phase der Verlangsamung hinter sich gelassen“, sagte der russische Präsident laut der unabhängigen Moscow Times am Montag (8. Dezember) auf der jährlichen Sitzung des Rates für Strategische Entwicklung und Nationale Projekte.
Putin will Russlands Wirtschaft auf globalen Durchschnitt bringen
Konkret soll das russische Wirtschaftswachstum auf den globalen Mittelwert von rund 3,2 Prozent gebracht werden, schreibt die Moscow Times. In diesem Jahr erwartet das Land ein Wachstum von lediglich einem Prozent. Putin sieht seinen Staat durchaus in der Position, sein Wachstum zu verdreifachen. Denn wie der Präsident am Montag laut dem Institute for the Study of War (ISW) mitgeteilt hatte, werde die Inflation bis Jahresende auf unter sechs Prozent sinken. Die russische Zentralbank sagte derweil eine Inflation von vier bis fünf Prozent für 2026 voraus.
Putin sehe daher „die Bedingungen und Möglichkeiten geschaffen, die wirtschaftliche Dynamik schrittweise wieder anzukurbeln“. Die Wirtschaft müsse „umfassend“ auf Fordermann gebracht werden.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Die Analysten des ISW gehen allerdings davon aus, dass Putins Kriegswirtschaft im Ukraine-Krieg deutlich schlechter dasteht, als es der Kreml-Chef zugeben will. Vielmehr könnte Russland seine Wirtschaft überbewerten, um in Friedensverhandlungen eine Position der Stärke einnehmen zu können. Wenn Putin also behauptet, die russische Wirtschaft stehe trotz jahrelangem Krieg stabil, heißt das, dass das Land den Krieg ohne größere Probleme weiterführen könnte. Zudem könnte er so implizieren, dass die westlichen Sanktionen nicht den gewünschten Effekt haben.
Um Druck auf den Westen auszuüben? Putin behauptet Stabilität in russischer Kriegswirtschaft
Das ISW weist außerdem darauf hin, dass Putin bei seiner Rede am Montag den Ukraine-Krieg im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage nicht erwähnt hatte. Damit könne er versuchen, einen Zusammenhang zwischen militärische Verlusten und der wirtschaftlichen Schieflage zu verschleiern. Auch diese Erzählung solle den Westen in seinen Sanktionsverordnungen verunsichern.
Allerdings warnen die Analysten vor diesem Trugschluss. Vielmehr sei zu erwarten, dass die USA und die EU durch anhaltenden Sanktionsdruck Russland zu echten Zugeständnissen in Friedensverhandlungen drängen könnten. Ein russischer Sieg sei nicht unausweichlich.
Putin will Familien für die russische Wirtschaft fördern – den Ukraine-Krieg erwähnt er dabei nicht
In seiner Rede, die auf der Webseite des Kreml einsehbar ist, legte Putin besonderen Wert darauf, sich für eine Förderung von Familien einzusetzen. Vor allem aus dem Grund, dass dadurch die demografischen Probleme Russlands im Sinne des Wirtschaftswachstums angegangen werden sollen. Dazu plant Putin eine große Zahl unterstützende Maßnahmen, wie etwa Steuererleichterungen, die die Geburtenraten nach oben treiben sollen.
Als Grund für die demografischen Herausforderungen nannte der Kreml-Chef „demografische Wellen aus der Mitte und dem Ende des 20. Jahrhunderts“, sowie unspezifische „externe Herausforderungen“. Den Überfall auf die Ukraine nannte er damit wenn dann nur indirekt als Treiber des demografischen Wandels in Russland.
Dabei geht eine Analyse des Guardian davon aus, dass sich die Opferzahlen Russlands im Ukraine-Krieg auf mehr als eine Million beziffern lassen. Die hohen Zahlen an Gefallenen haben laut einem Bericht von Forbes erhebliche Auswirkungen auf die Demografie des Landes. Und die massive Zahl an Personen, die in die Armee eingezogen wurden, fehlten in der russischen Industrie. „Das übt langfristig einen erheblichen Abwärtsdruck auf die russische Wirtschaft aus“, sagte Andrew D’Anieri, stellvertretender Direktor des Eurasien-Zentrums des Atlantic Council, im Forbes-Interview. „Diese Probleme werden sich voraussichtlich nicht lösen lassen, wenn der Krieg andauert.“ (Quellen: Moscow Times, ISW, Guardian, Forbes) (nhi)