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Russlands Mega-Pipeline nach China im Wert von 50 Milliarden droht US-LNG-Exporte zu verdrängen - Experten sehen Power of Siberia 2 kritisch.
Moskua/Peking – Nach jahrelangen Verhandlungen haben Russland und China offenbar einen Durchbruch bei der geplanten Gaspipeline „Power of Siberia 2“ erzielt. Laut Bloomberg unterzeichnete der russische Energiekonzern Gazprom ein rechtlich bindendes Memorandum mit der China National Petroleum Corp. Das Projekt soll bis zu 50 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich von der russischen Arktis-Halbinsel Yamal nach Nordostchina transportieren.
Gazprom-Chef Alexej Miller bezeichnete das Vorhaben als das derzeit „größte“ Gasprojekt der Welt. Die Pipeline würde sich über 6.700 Kilometer erstrecken und etwa vier bis fünf Jahre Bauzeit benötigen. Für Russland ist das Projekt von enormer Bedeutung, da es helfen könnte, die verlorenen Gasexporte nach Europa zu kompensieren, nachdem die Region nach der Invasion der Ukraine auf andere Quellen umgestiegen ist.
Russlands ehrgeiziger „Power of Siberia 2“-Plan: Zweifel an der Umsetzung des Milliardenprojekts
Trotz der Erfolgsmeldungen bleiben erhebliche Zweifel bestehen. China hat die Vereinbarung bislang nicht bestätigt, und wichtige Details wie Finanzierung, Preisgestaltung und Gasvolumen sind noch ungeklärt. Energieexperte Joe Webster vom Atlantic Council vermutet, dass „Power of Siberia 2“ möglicherweise nie gebaut wird, da die Kosten extrem hoch seien. Das Carnegie Russia Eurasia Center kalkuliert die Baukosten auf 36 Milliarden Dollar für die Abschnitte durch Russland und die Mongolei.
Ein weiterer kritischer Punkt ist Chinas Zurückhaltung. Wie berichtet, war die Pipeline kein Thema, als Staatschef Xi Jinping am Wochenende vor dem „China-Russland-Freundschaftskomitee“ sprach. Webster mutmaßt, dass Peking das Projekt scheitern lassen könnte, um den Westen nicht zu verärgern: „Peking ist sich bewusst, dass die Unterzeichnung eines Megaprojekts mit dem Kreml eine äußerst provokative Handlung wäre.“
Trumps Zollkrieg und Europas Energiekrise befeuern Russlands China-Strategie
Verstärkt wird diese Zurückhaltung durch den wachsenden Sanktionsdruck der USA auf Russland. Wie berichtet, reagierte Putin Mitte August unmittelbar auf Trumps Ankündigung von 50-Prozent-Zöllen auf russisches Öl mit Gesprächsangeboten. Während Trump Indien mit zusätzlichen Zöllen wegen russischer Ölkäufe bestraft, bleibt China vorerst verschont. Diese Sonderbehandlung unterstreicht Pekings Verhandlungsmacht auch bei „Power of Siberia 2“ und erklärt, warum China die Pipeline-Konditionen diktieren kann. Für Moskau wird die Diversifizierung seiner Energieexporte zu einem „sanktionssicheren“ Partner wie China zur Überlebensfrage.
Die Bedeutung sicherer Energierouten wird durch aktuelle Entwicklungen in Europa unterstrichen. Während ukrainische Drohnenangriffe auf die russische Druschba-Pipeline im August 2025 Öllieferungen nach Ungarn und in die Slowakei unterbrachen, lehnt Deutschland trotz möglicher Einsparungen von 24 Milliarden Euro jährlich eine Reaktivierung von Nord Stream 2 ab. Diese Beispiele verdeutlichen die Vulnerabilität europäischer Pipeline-Infrastruktur und erklären, warum China bei „Power of Siberia 2“ auf maximale Sicherheitsgarantien pocht. Für Russland wird eine „bombensichere“ Route nach China umso wichtiger, da selbst EU-Staaten wie Ungarn, die weiterhin russisches Pipeline-Öl beziehen, unter zunehmendem politischen Druck stehen.
Auswirkungen auf den globalen LNG-Markt: Geopolitische Machtverschiebung im Energiesektor
Die Pipeline könnte den weltweiten Flüssiggashandel erheblich beeinflussen. Bloomberg berichtet, dass China als weltgrößter LNG-Importeur durch die Pipeline weniger Bedarf an Seetransporten hätte. Die Gaslieferungen über Power of Siberia 2 könnten Chinas Nachfrage nach mehr als 40 Millionen Tonnen LNG pro Jahr ersetzen – das entspricht mehr als der Hälfte der chinesischen Importe des Vorjahres. Besonders die USA wären betroffen, da sie bisher Flüssiggas an China verkaufen, das deutlich teurer ist als Pipeline-Gas. Laut Bloomberg ist russisches Pipeline-Gas etwa ein Drittel günstiger als Chinas vertraglich vereinbarte LNG-Mengen. Weniger chinesische LNG-Nachfrage könnte US-Präsident Donald Trumps Bemühungen untergraben, die US-Energieexporte zu steigern.
Das Projekt würde die bereits engen Beziehungen zwischen Russland und China weiter vertiefen. Während China wirtschaftlich vom Ukraine-Krieg profitiert, sehen viele Beobachter Russland als Juniorpartner in der Beziehung. „Power of Siberia 2“ könnte Russland „noch abhängiger“ von seinem wichtigsten Handelspartner China machen. Für China bietet die Pipeline eine Absicherung gegen Versorgungsrisiken und stärkt die Energiesicherheit gegenüber möglichen Spannungen mit den USA. Bloomberg berichtet, dass der scheinbare Durchbruch vor dem Hintergrund von Trumps erneutem Handelskrieg mit China zustande kam, wobei China Zölle auf US-LNG einführte. Die Realisierung von „Power of Siberia 2“ bleibt jedoch ungewiss. Sollte das Projekt tatsächlich bis Anfang der 2030er Jahre operativ werden, könnte es das Überangebot auf dem globalen LNG-Markt verlängern und die Preise belasten – mit weitreichenden Folgen für den weltweiten Energiehandel. (ls)
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