Mit Besorgnis blickt Ryanair auf die Trends im deutschen Luftfahrtsektor. Daher hält Firmen-Chef Michael O'Leary wenig von der Ampel-Koalition.
Dublin – Beim Gedanken an die deutsche Politik könnte Michael O‘Leary vor Wut in die Luft gehen. So lassen sich jedenfalls einige Aussagen des Ryanair-Chefs interpretieren, die er laut der Berliner Zeitung bei einem Vortrag in der Hauptzentrale der irischen Fluggesellschaft vom Stapel ließ. Letztlich mutierte das Ganze auch zu einer Abrechnung. Die Ampel-Koalition – ob nun die noch regierenden Reste oder das gesamte Dreierbündnis – beschimpfte er als „Regierung voller Idioten“.
Dabei verhehlte er nicht, welche der Parteien ihm besonders zu schaffen macht. Denn den Grünen warf der stets meinungsstarke 63-Jährige vor, nur „Bullshit-Lösungen“ zu liefern. Zugleich betonte O’Leary: „Wir verschwenden keine Zeit mit ihnen.“
Ryanair-Chef über deutsche Politik: „Nächste Bundesregierung wird nicht besser“
Dass er dem wohl im Frühjahr anstehenden Regierungswechsel mit Vorfreude entgegenblicken würde, wäre aber die falsche Schlussfolgerung, denn: „Ich glaube nicht, dass die nächste Bundesregierung besser sein wird.“ Und um es ganz deutlich zu machen: „Deutschland ist für die nächsten paar Jahre verloren.“ Wobei das die jugendfreie Übersetzung von O’Learys Original-Zitat ist, das mit dem bekannten F-Wort aufwartet.
Mutmaßlich würde der Ire die Ryanair-Maschinen künftig gerne einen großen Bogen um Deutschland fliegen lassen. Allerdings hielt er während des Termins nahe Dublin auch fest: „Wir lieben Deutschland.“ Aber vor allem wegen der Fußball-Nationalmannschaft, wenn diese gegen britische Teams gewinnt. Oder wegen des Bieres.
Weniger wegen der Wirtschaft des Landes. So attestierte O’Leary Deutschland, über „den beschissensten Luftverkehrsmarkt“ in Europa zu verfügen. Konkret wetterte er unter der Gürtellinie über die Flugsicherung und über zu hohe Steuern auf Flüge. Die hohen Abgaben sind für ihn einer der Gründe, warum sich der deutsche Luftverkehrsmarkt nach der Corona-Pandemie noch nicht erholt habe.
Hat genug von „Bullshit-Lösungen“: Ryanair-Chef Michael O‘Leary (r.) hält nichts von der Politik der Grünen um Wirtschaftsminister Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock.
Deutschland und der Luftverkehr: Im Nach-Corona-Vergleich europaweit abgehängt
Diese Aussagen werden von den jüngsten Zahlen untermauert. Denn im August stellte der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) fest: „Auch im ersten Halbjahr 2024 hängt die Erholung des Luftverkehrs in Deutschland nach der Corona-Pandemie deutlich hinter der Entwicklung im restlichen Europa zurück.“
In der Statistik setzt sich Europa aus den EU-Staaten, der Schweiz, Island, Norwegen und dem Vereinigten Königreich zusammen. Im Durchschnitt erreichen diese Länder schon wieder 99 Prozent des Niveaus vom Jahr 2019. Deutschland hingegen liegt bei 83 Prozent, was immerhin einen Anstieg von zehn Prozent zum Vorjahreszeitraum bedeutet. Nur Finnland (77 Prozent), Schweden (75 Prozent) und Slowenien (66 Prozent) landen beim Vergleich der sogenannten Recovery Rate noch hinter der Bundesrepublik.
Auch hinsichtlich des Sitzplatzangebots bei Punkt-zu-Punkt-Airlines, die also ihr Ziel ohne Zwischenstopp anfliegen, hinkt Deutschland deutlich hinterher. Lediglich 71 Prozent des Wertes vom ersten Halbjahr 2019 wurden fünf Jahre später erreicht. Für Europa werden 112 Prozent ausgewiesen, im Durchschnitt liegt der Wert also höher als vor der Corona-Pandemie.
Der BDL betont dazu: In den Ländern mit deutlich besseren Werten „finden die Fluggesellschaften zumeist deutlich günstigere staatliche Standortkosten (Luftverkehrsteuer, Luftsicherheitsgebühr und Flugsicherungsgebühr für An- und Abflug) vor als in Deutschland. Daher bauen die Airlines ihr Angebot vor allem in diesen Märkten aus – mit negativen Folgen für die Konnektivität der deutschen Flughäfen.“
Wahr oder falsch? Die zehn größten Mythen rund ums Fliegen
Ryanair-Führung kritisiert BER: „Als Zugangspunkt zu Berlin dysfunktional“
Derweil bekamen auch einzelne deutsche Flughäfen von der Ryanair-Führungsriege schlechte Zeugnisse ausgestellt. Co-CEO Eddie Wilson schimpfte: „Als Zugangspunkt zur Hauptstadt der größten Wirtschaftsnation ist der BER dysfunktional.“
O‘Leary bezeichnete das Prestigeprojekt, das lange auf sich warten ließ und am Ende weit mehr Geld verschlang als einst veranschlagt war, abwertend als Regionalflughafen. Der BER sei vergleichbar mit Köln/Bonn und Hamburg. Und eben nicht mit den großen Airports in Frankfurt und bei München, wobei letzterer jüngst offenbar auch von Lufthansa-Chef Carsten Spohr intern in den Senkel gestellt wurde.
Ryanair und das Deutschland-Geschäft: Deutliche Kürzungen auch am BER und in Hamburg angekündigt
Derweil deuteten O‘Leary & Co. an, dass sich Ryanair künftig eher auf andere Luftverkehrsmärkte konzentrieren werde. In den nächsten Jahren soll die Flotte um 300 Flugzeuge wachsen. Noch offen ist, wo sie eingesetzt werden. Dies hänge davon ab, welche Erträge zu erwarten seien.
Der Airline-Chef stellte klar, dass Deutschland weiter angeflogen werde, auch wenn die Politik „dumme Entscheidungen“ treffen würde: „Wir machen hier noch Geschäfte.“ Doch eben nicht mehr in dem Ausmaß wie aktuell. Ende März 2025 will sich Ryanair von den Flughäfen Dortmund, Dresden und Halle/Leipzig zurückziehen, in Hamburg soll die Kapazität um 60 Prozent gesenkt werden, am BER um 20 Prozent und in Köln/Bonn um ein Zehntel.
Zudem kündigte O‘Leary für den BER nach dem Sommerflugplan 2025 weitere Kürzungen an. Der Fokus richtet sich stattdessen auf kostengünstigere Standorte. Und die finden sich derzeit rund um Deutschland herum. Damit befinden sich die Iren in guter Gesellschaft. Auch Condor und Eurowings machten bereits öffentlich, dass sie ihr Angebot hierzulande zusammenstreichen werden.
Ryanair und der Wachstumsplan: Antwort der Bundesregierung steht bis heute aus
Dass Ryanair Deutschland aber keineswegs aufgibt, machten weitere Aussagen deutlich. So hat der Konzern, der auch seine Check-in-Schalter abschaffen will, nach eigenen Angaben einen Wachstumsplan erstellt und diesen im Januar 2024 der Bundesregierung überreicht.
Darin wurde aufgezeigt, dass die Airline bis 2030 weitere 30 Flugzeuge im Land stationieren, die Fluggastzahl im Jahr auf 34 Millionen mehr als verdoppeln und rund 1000 weitere Arbeitsplätze schaffen könnte. Voraussetzungen dafür seien jedoch, dass die Luftfahrsteuer zunächst gesenkt und schließlich abgeschafft sowie die Sicherheits- und Flughafengebühren gedeckelt werden.
Wie die Ampel-Koalition darüber denkt? Das wüsste O‘Leary wohl auch gern, der verriet: „Bis heute haben wir nicht einmal eine Antwort bekommen.“ Was wohl auch ein Grund ist, warum er so gerne über die deutsche Politik vom Leder zieht. (mg)