Debatte entbrannt

Abschaffung des Acht-Stunden-Tags: BDA-Chef räumt mit Vorurteil um Merz-Plan auf – „Unsinn“

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Merz will den Acht-Stunden-Tag abschaffen: Wie die vorgesehene Reform des Arbeitszeitgesetzes die beruflichen Tätigkeitsfelder in Deutschland verändern könnte.

Berlin/München – Wer morgens um 7 Uhr am Band steht oder abends noch Mails aus dem Homeoffice verschickt, spürt es täglich: Die Arbeitswelt verändert sich zuweilen rasant.

Doch das deutsche Arbeitszeitgesetz stammt noch aus der Ära von Telex und Wählscheibe – zumindest, wenn es nach Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger und weiteren Meinungsführern geht. Die Debatte um die Abschaffung des Acht-Stunden-Tags ist längst entbrannt.

Reform des Arbeitszeitgesetzes: Acht-Stunden-Tag abschaffen für mehr Flexibilität – Dulger erläutert Vorurteil

Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), sieht dringenden Reformbedarf. „Eine wöchentliche Höchstarbeitszeit passt besser in das Zeitalter der Digitalisierung als die strikte tägliche Höchstarbeitszeit. Wir brauchen das in Deutschland jetzt endlich auch“, betont er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Dulger fordert, die Möglichkeiten der EU-Arbeitszeitrichtlinie voll auszuschöpfen und mehr Flexibilität bei der Gestaltung der Arbeitszeiten zuzulassen.

Kanzler Merz will die Abschaffung des Acht-Stunden-Tags – BDA-Präsident Dulger unterstützt dies.

Für Berufe wie Dachdecker oder Bandarbeiter, für die Homeoffice keine Option ist, seien tarifliche Tagesarbeitszeiten indes sinnvoll. Aber in vielen anderen Bereichen wünschen sich Beschäftigte und Unternehmen mehr Spielraum – etwa, um zwischendurch das Kind aus der Kita zu holen und später weiterzuarbeiten. „Das ist aktuell gesetzlich nicht möglich, weil man die Ruhezeiten dann nicht einhält“, so Dulger. Der 61-Jährige fordert, dass der gesetzliche Rahmen auch bei Ruhezeiten mehr Flexibilität zulässt: „Es geht nicht darum, den Achtstundentag zu schleifen und alle täglich 13 Stunden schuften zu lassen. Das ist Unsinn.“

Abschaffung des Acht-Stunden-Tags in der Diskussion: Was sagt das aktuelle Arbeitszeitgesetz in?

Das geltende deutsche Arbeitszeitgesetz legt fest: Die tägliche Arbeitszeit darf acht Stunden nicht überschreiten, kann aber unter bestimmten Bedingungen auf bis zu zehn Stunden verlängert werden. Nach Feierabend müssen Arbeitnehmer mindestens elf Stunden am Stück pausieren – mit Ausnahmen in bestimmten Branchen wie Krankenhäusern oder Gaststätten. Tarifverträge können abweichende Regelungen enthalten.

Doch viele Unternehmen und Beschäftigte wünschten sich laut Koalitionsvertrag mehr Flexibilität, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Deshalb will die Koalition die Umstellung auf eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit prüfen – im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie. Es geht quasi um eine Abschuffung des Acht-Stunden-Tages. Dazu wurde ein Dialog mit den Sozialpartnern gestartet.

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger polarisiert: Vor Monaten erklärte der Funktionär, in Deutschland sei die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche zu niedrig. (Archivbild)

Neues Gesetz wegen Arbeitszeit? Gewerkschaften warnen vor Risiken

Auch wenn viele in der Bevölkerung für die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages sind: Die Gewerkschaften lehnen den Vorstoß strikt ab. Yasmin Fahimi, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), warnt: „Eine Abschaffung des regulären Achtstundentags geht an der Realität der Beschäftigten völlig vorbei.“ Schon heute leisteten viele Menschen zahlreiche Überstunden, oft unbezahlt. Außerdem gebe es bereits zahlreiche Tarifverträge mit flexiblen Arbeitszeiten.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Das aktuelle Gesetz biete ausreichend Spielraum – eine weitere Aufweichung gefährde den Gesundheitsschutz. Auch das Hugo Sinzheimer Institut für Arbeitsrecht der Hans-Böckler-Stiftung warnt in einer Kurzstudie vor einer Abschaffung des Acht-Stunden-Tags: Überlange Arbeitszeiten, wie sie eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ermöglichen könnte, seien ein Risiko für die Gesundheit. Gegenüber dem BR24 schlug Fahimi vor Monaten in die gleiche Kerbe: „Das wird nicht Wirtschaftswachstum fördern, sondern mehr Krankheit erzeugen unter den Beschäftigten.“

Debatte um Abschaffung des Acht-Stunden-Tags: Das deutsche Arbeitszeitgesetz und die Welt von morgen

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte angekündigt, das Arbeitszeitgesetz zu überarbeiten. Der Acht-Stunden-Tag soll als Obergrenze abgeschafft werden. Doch wie genau die Reform aussehen wird, ist noch offen – der Dialog zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und Politik läuft.

Klar ist: Die Debatte um mehr Flexibilität in der Arbeitszeit bleibt ein heißes Eisen. Am Ende geht es um die Frage, wie die Arbeitswelt von morgen aussehen soll – und wie sich wirtschaftliche Interessen, Gesundheitsschutz und Lebensqualität miteinander verbinden lassen. (PF)

Rubriklistenbild: © IMAGO / dts Nachrichtenagentur + dpa | Sebastian Gollnow

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