VonSteffen Herrmannschließen
Trotz Personalmangel wollen viele ältere Beschäftigte laut einer Studie vorzeitig in Rente. Dabei bräuchte es sie im Kampf gegen die Demografie.
Auf dem Arbeitsmarkt ist einiges in Bewegung: Etwa ein Viertel der Beschäftigten sind Babyboomer und gehen in den kommenden Jahren in Rente. Gleichzeitig starten deutlich weniger Jüngere ihre Berufslaufbahn. Das Ergebnis: Personal wird knapp, der viel beklagte Arbeitskräftemangel.
Ein Instrument dagegen wäre es, stärker auf ältere Beschäftigte zu setzen: Denn mit 50 Jahren gehört heutzutage niemand zum alten Eisen – im Gegenteil: 50-Jährige haben noch ein Drittel ihres Berufslebens vor sich. „Die Arbeitnehmer, die wir haben, müssen wir länger in Arbeit halten“, sagte Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse (TK), am Dienstag.
Nur 57 Prozent der Arbeitgeber gaben an, flexiblere Arbeitszeiten anzubieten
Doch da gibt es ein Problem: Fast ein Drittel der älteren Erwerbstätigen ab 50 Jahren plant, vor dem gesetzlichen Rentenalter aus dem Job auszuscheiden. Das ist zumindest das Ergebnis des TK-Gesundheitsreports, den der Krankenkassen-Chef in Berlin präsentierte. 31,3 Prozent der Befragten planen demnach, ihre Erwerbstätigkeit vor dem regulären Renteneintrittsalter zu beenden. 17,1 Prozent wollen länger arbeiten und 46,9 Prozent beabsichtigen, regulär in Rente zu gehen.
Für den Report hat die TK mehr als 1000 Erwerbstätige ab 50 Jahren und 311 Unternehmen befragen lassen. Die Kernfrage, die der Report auch im Titel trägt, war: „Was hält die Generation 50+ im Job?“ Die Antwort: Geld alleine ist es nicht. Laut der Studie wünschen sich die Ü50-Beschäftigten vor allem mehr Flexibilität. Knapp 74 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich die „Anpassung der Arbeitszeit an die individuellen Bedürfnisse“ wünschen. Ebenso wichtig ist die „Unterstützung, den Eintritt in den Ruhestand individuell zu gestalten“ (knapp 70 Prozent). Erst auf Platz drei kommt der Wunsch nach einem höheren Gehalt (66,5 Prozent). „Geld auf das Problem zu schmeißen, löst es nicht immer“, sagte Fabian Krapf vom Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG), das die Umfrage durchführte.
Rente aufschieben: Wertschätzung, Vertrauen, gutes Arbeitsklima
Aber Wunsch ist nicht immer auch Wirklichkeit: Nur 57 Prozent der befragten Arbeitgeber gaben an, flexiblere Arbeitszeiten anzubieten. Knapp die Hälfte (48,8 Prozent) setzen laut der Umfrage Angebote zur Unterstützung des Renteneintritts an.
Wenn es darum geht, Menschen über 50 im Job zu halten, spielen vermeintlich weiche Themen eine große Rolle: Wertschätzung, Vertrauen, ein gutes Arbeitsklima.
Die Studie zeige einen deutlichen Zusammenhang zwischen positiver Unternehmenskultur und dem Wunsch der Beschäftigten, später in den Ruhestand zu gehen“, sagte Krapf. „Wer mehr Wertschätzung, Selbstbestimmung und Flexibilität am Arbeitsplatz erlebt, der arbeitet auch länger.“ Auch TK-Chef Baas betonte: „Es geht weniger um höhenverstellbare Schreibtische oder einen Gemüse-Tag in der Kantine, sondern vor allem um die Gestaltung einer modernen mitarbeiterorientierten Arbeitswelt.“ Also zum Beispiel um die Anpassung von Arbeitszeiten an die jeweiligen Lebensphasen.
Als Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse mit knapp 15 000 Beschäftigten ist Baas nicht nur Beobachter, sondern auch Akteur. Sein Rat an andere Arbeitgeber: „Es wäre ein Fehler zu sagen: ‚Die Leute sind älter, deshalb erwarten wir weniger.‘ Wir erwarten genau so viel.“ Vielleicht sei die Schlagzahl beim älteren Beschäftigten nicht so hoch, dafür habe er mehr Erfahrung, sagte Baas. Die müsse man nutzen.
Aber längeres Arbeiten ist nur möglich, wenn die Gesundheit mitspielt: Wie Daten der TK zeigen, bleiben insgesamt gut elf Prozent der Erwerbstätigen auch im regulären Rentenalter berufstätig. Dabei zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen den Fehlzeiten in jüngeren Jahren und dem längeren Arbeiten über das reguläre Renteneintrittsalter hinaus. Von den Beschäftigten, die im Jahr 2012 keinen einzigen Tag arbeitsunfähig gemeldet waren, arbeiteten 14,1 Prozent nach ihrem regulären Renteneintritt immer noch. Von den denjenigen, die 43 Tage oder mehr krankgeschrieben waren, waren es nur 7,1 Prozent. „Je früher Arbeitgeber gesunde Arbeitsbedingungen schaffen, desto länger bleiben die Beschäftigten auch motiviert und leistungsfähig“, sagte Baas und formulierte damit einen Arbeitsauftrag für die Arbeitgeber.
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