Analyse

Renten-Rebellion bei der Union riskiert „Koalitionskrise“: Welches Kalkül dahinter stecken könnte

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Das Rentenpaket der Merz-Regierung steht plötzlich auf der Kippe. Junge Unionsabgeordnete wollen nicht zustimmen. Und die Fraktionsspitze? Zeigt Verständnis.

Berlin – Der große Wurf ist das vom Kabinett beschlossene Rentenpaket nicht, die Rente steht weiter unter Druck. Das Rentenniveau soll fixiert werden und mit der Aktivrente sollen Anreize zum steuerfreien Weiterarbeiten erhöht werden. Doch nun steht das Paket auf der Kippe. Die Junge Gruppe der CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten will dem Paket nicht zustimmen. Jetzt bekommt sie prominente Unterstützung aus der Fraktionsspitze. Ob dahinter Kalkül steckt?

Bei der CDU regt sich Widerstand gegen das eigene Rentenpaket. Droht die Reform für Millionen Rentner zu scheitern?

Das Rentenpaket wurde vergangene Woche vom Kabinett beschlossen und soll eigentlich bald im Bundestag debattiert werden. Der Gesetzentwurf sei „in seiner jetzigen Form nicht zustimmungsfähig“, heißt es nun aber in einem zuerst vom Spiegel zitierten Beschluss der Jungen Gruppe, einem Zusammenschluss aller Unionsabgeordneten, die zum Zeitpunkt der Bundestagswahl unter 35 Jahre alt waren. Milliarden an Folgekosten nach 2031 seien nicht vom Koalitionsvertrag gedeckt und „gegenüber der jungen Generation nicht zu rechtfertigen“, heißt es demnach von den jungen Unionsabgeordneten.

Das Rentenniveau könnte sinken – Millionen Menschen wären betroffen

Das Problem: Wenn die Junge Gruppe mit ihren 18 Mitgliedern dem Rentenpaket nicht zustimmt, haben Union und SPD im Bundestag keine Mehrheit. Die von der CDU gewünschten Aktiv- und Frühstartrente wären damit passé, ebenso das CSU-Wahlgeschenk der Mütterrente. Der SPD fiele ihr Herzensprojekt der Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent bis 2031 weg. Warum sollten die jungen Abgeordneten ein für alle Koalitionsparteien wichtiges Gesetz kippen?

Es fehlt im Rentenpaket die Generationengerechtigkeit, kritisieren die Nachwuchspolitiker von CDU und CSU. Zwar stehe man zum vereinbarten Ziel des Rentenpakets, das Rentenniveau bis 2031 festzulegen. Damit sind Renten fix an das Durchschnittseinkommen gekoppelt. Für Rentner eine gute Nachricht, jedoch auch eine sehr teure Maßnahme. Da mit den Boomern bald die größte Einzahlergruppe zur größten Empfängergruppe wird, müssen künftig noch mehr Steuergelder in die Rente fließen, um das Niveau aufrechtzuerhalten.

Die Stabilisierung bis 2031 steht im Koalitionsvertrag. Das nun vom Kabinett beschlossene Rentenpaket von SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas sieht jedoch vor, das Rentenniveau auch danach immer ein Prozent höher als durch geltendes Recht vorgegeben zu stabilisieren. Hieße: noch mehr Steuergelder der jungen Einzahler für die Rente. Für die Junge Gruppe der Union ein Unding.

Renten-Meilensteine in Deutschland in Bildern – von Bismarck über Riester bis Müntefering

Otto von Bismarck brachte im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag.
Der Name Bismarck hallt bis heute nach. Auch weil Otto von Bismarck im Juni 1889 nach jahrelanger Debatte das „Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung“ durch den Reichstag brachte. Die Geburtsstunde der Rente in Deutschland. © Photo 12/www.imago-images.de
Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880.
Altersrente gab es damals aber erst ab dem vollendeten 70. Lebensjahr – die Lebenserwartung betrug damals nicht mal 50 Jahre. Der Holzstich zeigt Dreher, Gießer und Former in einer Porzellanfabrik um 1880. © imago stock&people/Imagebroker
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen.
Bismarcks politisches Kalkül war klar: Er wollte die Arbeiter besänftigen. Rentenversichert waren zunächst Arbeiter und „kleine Angestellte“ mit Einkommen bis 2.000 Mark. Die Beiträge zahlten Arbeitgeber und -nehmer zu gleichen Teilen. © IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive
Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt.
Größere Reformen gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. Angestellte waren ab 1913 bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte angesiedelt. Sie konnten schon ab 65 Jahren in Rente gehen – anders als Arbeiter. © imago stock&people/Arkivi
Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich.
Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die deutschen Rentenversicherungsanstalten Überschüsse, die sie etwa in Wohnungsbau steckten. Entlassungswellen und Hinterbliebenenrenten änderten das schnell. Das Bild zeigt verwundete deutsche Soldaten in Frankreich. © imageBROKER/GTW
Frauen im Ghetto Warschau bei erzwungener Näharbeit
Im NS-Regime werden Jüdinnen und Juden und andere verfolgte Gruppen aus der Rentenversicherung ausgeschlossen. Millionen von Zwangsarbeitern - im Foto: Frauen 1941 im Ghetto Dambrowa Gornicza bei erzwungener Näharbeit – bleiben ohne Rentenansprüche. Überschüsse der Kassen flossen in Kriegsanleihen. © Imago/Reinhard Schultz
Bundeskanzler Konrad Adenauer (r) gibt in Bonn seine Stimme für die Bundestagswahl 1957 ab
„Keine Experimente“ lautete Konrad Adenauers Slogan zur Bundestagswahl 1957. Bei der Rente wagte er aber eine Reform. Bis dato waren die Renten enorm gering, 50 DM war der Mindestsatz, der Durchschnitt nur unwesentlich höher. Nun änderte sich die Berechnung, Arbeiterrenten stiegen um etwa 60 Prozent. © DB/picture alliance/dpa
Willy Brandt im Jahr 1972.
Die nächste große Neuerung gab es unter Willy Brandt. Seit (dem Wahljahr) 1972 können auch Nicht-Pflichtversicherte in die Rentenversicherung einzahlen – etwa Selbstständige und Hausfrauen. Letzteres war ein Schritt zur Unabhängigkeit von den Ehemännern. Ab 1977 gab es dann auch einen „Versorgungsausgleich“ bei Scheidung. © Imago/Sven Simon
Norbert Blüm klebt Rentenplakat
„Die Rente ist sicher“: Auch mit diesem Satz blieb der mittlerweile verstorbene Arbeitsminister Norbert Blüm in Erinnerung. Auch Blüm kümmerte sich aber um die Lage der Rentnerinnen – er führte 1986 die „Mütterrente“ ein. Seither zählen Kindererziehungszeiten für die Rentenhöhe. © Peter Popp/picture-alliance/dpa
13 09 1985 Berlin Deutsche Demokratische Republik DDR Alte Frauen unterhalten sich
Die nächste große Herausforderung ist die Eingliederung der Bürger der ehemaligen DDR (hier ein Foto aus Ostberlin 1985) in die bundesdeutsche Rentenkasse. Die Deutsche Rentenversicherung preist rückblickend die Stärke des umlagefinanzierten Systems: „Die Rentenversicherung zahlte von einem Tag auf den anderen fast vier Millionen zusätzlicher Renten. Das wäre in einem kapitalgedeckten Rentensystem nicht vorstellbar gewesen.“ © imago stock&people/Franksorge
Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel
Die nächste Reform folgt dennoch – Kanzler Helmut Kohl (re.), Blüm und Finanzminister Theo Waigel (li.) müssen sparen, auch angesichts der alternden Bevölkerung. Ab 1992 steigen Altersgrenzen. Frauen und Arbeitslose (bislang bis 62 Jahren) und langjährige Versicherte (bis 63) müssen nun bis 65 arbeiten. Nur noch ein Jahr Kindererziehungszeit ist anrechenbar. © Michael Jung/dpa/picture-alliance
Koalitionsverhandlungen Riester Schröder
Auch Gerhard Schröders Rot-Grün hat ebenfalls Rentenpläne im Gepäck. Arbeitsminister Walter Riester leiht der „Riester-Rente“ seinen Namen – der Staat fördert auf ihrem Wege private Altersvorsorge. Das Modell gilt mittlerweile aber als Flop. Riester arbeitete später auch für Carsten Maschmeyers Finanzdienstleister AWD, dem die Reform gelegen gekommen sein dürfte. © picture-alliance / dpa | Hermann_J._Knippertz
Franz Münterfering und Angela Merkel 2007 im Bundestag.
Heikle Operation: SPD-Vizekanzler Franz Müntefering brachte 2007 die „Rente mit 67“ auf den Weg. Angela Merkels GroKo plante allerdings lange Übergangsfristen, noch bis 2031 dauert die Anhebung des Eintrittsalters an. Für Menschen, die 45 Jahre einzahlten, gab es eine Sonderregel. © Imago/Metodi Popow
Angela Merkel und Andrea Nahles 2017 bei einer Kabinettssitzung.
Müntefering war nicht mehr dabei als Merkels zweite GroKo 2017 das nächste „Rentenpaket“ schnürte. Arbeitsministerin war nun Andrea Nahles. Diesmal ging es um Erleichterungen. Langjährig Versicherte konnten nun ab 63 in Rente, die Mütterrente wurde ausgeweitet. 2018 kamen im „Rentenpakt“ (ohne drittes e) „Haltelinien“ für Beiträge und Rentenniveau hinzu. © Michael Kappeler/dpa/picture alliance
19 02 2017 Angleichung der Rente Rente Ostrente Westrente Ost West Altersruhegeld Angleichu
Fast 35 Jahre wird es gedauert haben – aber ab 2025 werden für die Rente in Ost- und Westdeutschland die gleichen Berechnungsgrößen gelten. Ein durchaus historischer Schritt. Beschlossen wurde er schon 2017. © imago stock&people/Steinach
Arbeitsminister Hubertus Heil – zuständig auch für die Rente – im Bundestag.
Die Evolution der Rente geht weiter: Seit 2021 gibt es die Grundrente als Zuschlag für Menschen, die unterdurchschnittlich verdient haben. Es wird nicht der Schlusspunkt sein: Angedacht – aber umstritten – ist die Aktienrente. Zugleich altert die deutsche Bevölkerung weiter, das Umlagesystem ist unter Druck. Ist die Rente sicher, auch über die Amtszeit von Hubertus Heil hinaus? Die Zukunft wird es zeigen. © Hannes P. Albert/dpa/picture-alliance

Unterstützung bekommen die jungen Wilden der Union nun vonseiten der eigenen Fraktionsspitze. Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer (PGF) der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion, Steffen Bilger, sagte am Dienstag in Berlin, dass er Verständnis für die Kritik habe. „Die Junge Gruppe hat einen Punkt, wenn sie sagt, da geht im Beschluss des Kabinetts ein Punkt über das hinaus, was im Koalitionsvertrag vereinbart ist“, so Bilger. Aus Sicht der Partei und der Fraktion sei der Koalitionsvertrag die Grundlage der Zusammenarbeit.

Die jungen Unionsabgeordneten plädieren ebenso wie Bilger dafür, dass im aktuellen Rentenpaket nur das im Koalitionsvertrag Beschlossene umgesetzt wird und alles andere in der derzeit tagenden Rentenkommission besprochen werden soll. Was das heißen würde: Die von CDU und CSU favorisierten Paketteile Aktivrente, Frühstartrente und Mütterrente würden umgesetzt. Die von der SPD gewünschte langfristige Festlegung des Rentenniveaus über 2031 hinaus würde rausfliegen.

Aus Perspektive mancher Unionspolitiker womöglich nicht die schlechtesten Aussichten. Steckt dahinter also Kalkül der Partei, die jungen Wilden mit einem solchen Vorstoß zu beauftragen, um öffentlich Druck aufzubauen und das Paket in den Parlamentsdebatten nochmal aufzuschnüren? „Abgesprochen war es sicher nicht“, sagt Bilger dazu. Als PGF sei er nicht glücklich über Aussagen, dass Abgeordnete einem Koalitionsbeschluss nicht zustimmen wollen.

Kanzler Merz hat SPD-Rentenpläne abgesegnet

Verständnis für die Frage der Generationengerechtigkeit zeigt auch Hubert Hüppe, Vorsitzender der Senioren Union der CDU. Er plädiert im Gespräch mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media jedoch dafür, wegen der Frage des Rentenniveaus ab 2031 „jetzt keine Koalitionskrise zu riskieren“. Für ihn stehen die akuten Stellschrauben für die Stabilisierung der Rente im Vordergrund: Wirtschaftswachstum und mehr Einzahler ins System, also mehr Arbeitskräfte – auch durch Migration. Die Frage des Vorgehens ab 2031 könne dann noch immer geklärt werden, so das Argument. „Außerdem haben wir vor 2031 nochmal Bundestagswahlen, da können solche Fragen vom Wähler entschieden werden“, so Hüppe.

Was schon jetzt klar ist: Die SPD hat das Rentenpaket nicht im Alleingang durchs Kabinett gebracht, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat das Paket in der jetzigen Form abgesegnet. Die Entrüstung der Unionsabgeordneten über die Rentenreform ist also auch ein Klagen über den eigenen Kanzler. Zwar glauben viele in der Union daran, den Konflikt im Laufe der Bundestagsdebatten beilegen zu können. Trotzdem wird mit der Debatte auf offener Bühne deutlich, dass unterschiedliche Akteure der Union innerhalb der Koalition sehr unterschiedlich vorgehen. Für Kanzler Merz kein gutes Zeichen. (Quellen: Spiegel, eigene Recherche) (MoMai)

Rubriklistenbild: © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

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