VonAmy Walkerschließen
Ein deutscher Soziologe fordert die Einführung eines sozialen Pflichtjahres für alle Rentner und Rentnerinnen. Damit könnte man die Last der Verantwortung besser verteilen.
Berlin – Ein deutscher Soziologe hat eine gerechtere Verteilung der Lasten zwischen den Generationen gefordert. In einem Interview mit dem Spiegel spricht sich Klaus Hurrelmann dafür aus, ein Pflichtjahr „am Ende des Arbeitslebens“ einzuführen. Dies solle insbesondere dann gelten, wenn die Wehrpflicht wieder eingesetzt werde, findet er. „Von den Jungen zu erwarten, dass sie im Ernstfall allein das Land verteidigen, ist nicht gerecht.“
Pflichtjahr für Rentner und Rentnerinnen? In der Rente sind viele nur noch Urlaubsmenschen
Hurrelmann ist generell davon abgeneigt, dass Rentner und Rentnerinnen nach vollbrachter Arbeit quasi nur noch ein Leben in Freizeit genießen wollen. „Mit 65 – oder oft genug schon mit 63 – sind die Leute plötzlich nur noch Privat- und Urlaubsmenschen. Was ist denn das für ein Konzept?“ Er persönlich empfinde auch mit seinen 81 Jahren eine „gewisse Bringschuld“, da er sein Leben lang als Wissenschaftler gearbeitet hat und sein Gehalt größtenteils aus Steuergeldern finanziert wurde. Solange ihm das möglich sei, möchte er an die Gesellschaft zurückgeben.
Besonders in der Corona-Pandemie, als junge Menschen zu den letzten gehörten, die ein Recht auf die Impfung bekamen, habe er eine starke Solidarität aus der jungen Generation empfunden. Und auch heute müssen die Jüngeren das Rentensystem tragen, was angesichts des demografischen Wandels eine enorme Bürde sei und nicht klar sei, inwiefern sie selbst einmal davon profitieren werden. „Sie müssen auch diese immensen Schuldenberge abtragen, die wir ihnen gerade aufbürden. Wir müssen aufpassen, dass wir gesellschaftlich nicht in eine Schieflage geraten. Die Jungen leisten viel – auch wenn die Alten gern auf sie schimpfen.“
Ein Pflichtjahr zum Renteneintritt könne aus Sicht des Soziologen ein Weg sein, das Solidaritätsgefühl zwischen den Generationen zu erhöhen. „Wir sollten darüber diskutieren, wie gesellschaftliche Aufgaben wie die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit von allen Generationen getragen werden können.“ Gerade in der heutigen Zeit, wenn die Welt ins Wanken gerät, müsste man den Jüngeren unter die Arme greifen: „Jung sein ist heute sehr anstrengend“.
Pflichtjahr für Rentner: Keine neue Idee – Mehrheit der Deutschen ist dafür
Die Idee ist keine Neue. Vor einem Jahr hatte bereits die CDU-Politikerin Kristina Schröder vorgeschlagen, Ältere zu einem sozialen Pflichtjahr zu bewegen. Die ältere Generation bürde der jüngeren vor allem in jüngster Zeit sehr viel auf, so Schröder damals in einem Gastbeitrag in der Welt. „Wir haben ihnen für über zwei Jahre fast alles genommen, was unbeschwerte und prägende Jugend ausmacht, das meiste davon unwiederbringlich.“ Da sollte es möglich sein, dass Rentner und Rentnerinnen auch etwas opfern.
Im Jahr 2022, als schon mal über ein soziales Pflichtjahr für alle, unabhängig vom Alter diskutiert wurde, hat die Bertelsmann-Stiftung eine Umfrage gemacht, um zu erfahren, wie viele Menschen das gut finden würden. Dabei kam heraus, dass 64 Prozent der Befragten eine solche Idee befürworten würden.
Vorteile eines sozialen Pflichtjahres: Mehr Austausch zwischen den Generationen
Aus Sicht des Bundesfreiwilligendienstes gäbe es viele Vorteile für das Pflichtjahr für Senioren und Seniorinnen. Denn ältere Menschen blicken auf einen großen Erfahrungsschatz zurück, den sie in einem Freiwilligendienst einsetzen könnten und insbesondere mit jüngeren Freiwilligen (die zum Beispiel ein FSJ nach der Schule machen) teilen könnten. „Ein Pflichtjahr könnte dazu beitragen, dass ältere Menschen sich stärker für die Herausforderungen der Gesellschaft verantwortlich fühlen“, so das Portal des Bundesfreiwilligendienstes.
Gegen die Idee spricht jedoch die Vorstellung eines „Zwangs“, das ethische Probleme mit sich bringen würde. Und: „Die Umsetzung eines solchen Pflichtjahrs wäre organisatorisch komplex. Es müsste klare Regeln und Strukturen geben, um sicherzustellen, dass die Teilnahme fair und effektiv ist. Zudem könnte es zu Konflikten mit bestehenden beruflichen oder familiären Verpflichtungen kommen.“
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