Opposition zerreißt Bericht

Reiche im Kreuzfeuer: „Keine Strategie“ – und „im Wesentlichen Robert Habeck“

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Ministerin Reiche korrigiert die Wirtschaftsprognose nach unten. Die Opposition vermisst Lösungen für Deutschlands Wirtschaftsprobleme. Eine Analyse.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat am Mittwochnachmittag den Jahreswirtschaftsbericht vorgestellt – und allzu optimistisch fällt er nicht aus. „Wir erwarten ein Wachstum von einem Prozent“, sagt die Ministerin mit Blick auf 2026. Für 2027 gehe man aktuell von 1,3 Prozent aus. Noch im Herbst lag die Prognose bei 1,3 Prozent für dieses Jahr und 1,4 Prozent für 2027. Die Impulse durch politische und wirtschaftliche Reformen schlügen sich nicht so schnell nieder wie erwartet, räumte Reiche ein.

Gar nicht so unähnlich in ihren Plänen: Beim Industriestrompreis oder der Kraftwerksstrategie folgt Kath.erina Reiche mittlerweile in großen Teilen den Plänen ihres Vorgängers Robert Habeck.

Reiche hob die steigende Industrieproduktion sowie Wachstumsimpulse hervor, die aus der Binnenwirtschaft zu erwarten seien. „Die Effektivlöhne dürften zudem mit 3,5 Prozent deutlicher steigen als die Inflation. Wir sehen hier eine stabile Entwicklung.“ Vom neuen Mindestlohn dürften, so die Wirtschaftsministerin, vor allem die unteren Einkommensschichten profitieren. Und: „Der Bericht der Sozialstaatskommission setzt positive Impulse für den Arbeitsmarkt. Die enthaltenen Empfehlungen sind ermutigend.“

Reiche zu 2026: Wöchentliche Grundarbeitszeit statt Acht-Stunden-Tag soll umgesetzt werden

Schwierig blieben die globalen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Zum einen aufgrund der US-Zölle. „Im Kfz-Bereich verzeichnen wir beim Export hier ein Minus von über 17 Prozent“, sagt Reiche. Weitere Zoll-Androhungen, wie sie Donald Trump vergangene Woche ausgesprochen hatte, sorgten für Unsicherheit am Markt. Auf der anderen Seite übe Chinas Exportstrategie enormen Druck aus. „Insbesondere im Maschinenbaubereich.“

Die Energieversorgung wolle man effizient gestalten, ohne die Klimaziele aus den Augen zu verlieren. Aber gerade jetzt, wo es so „kalt und dunkel“ sei, auch mit Gaskraftwerken Sicherheit schaffen. Und auch an der Abschaffung des Achtstundentags wolle man festhalten, so Reiche: „Wir zielen auf die wöchentliche Grundarbeitszeit. Das sollten wir dann auch so umsetzen.“ Produktivität, Produktivität, Produktivität – „so könnte das Programm die nächsten Monate lauten.“

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Die Wirtschaftspolitiker der Opposition sind vom Bericht wenig beeindruckt. „Die Unternehmen stehen im perfekten Sturm und Ministerin Katherina Reiche hat keine Strategie, um die Wirtschaft wieder auf den Wachstumspfad zu bringen“, sagt Sandra Detzer (Die Grünen) unserer Redaktion. Die Bundesregierung sei sich weder in der Analyse noch in den Lösungen einig. Fatal sei, dass die Planungsunsicherheit für die Unternehmen und Beschäftigten vergrößere, indem sie Klimaziele in Frage stelle oder die Reform des Gebäudeenergiegesetzes verschleppe.

„Dabei liegen drei kurzfristige Maßnahmen auf der Hand: das Sondervermögen endlich richtig verwenden, nicht zweckentfremden, die Stromsteuer für alle senken und durch die Einhaltung der Klimaziele Planungssicherheit bieten“, sagt die wirtschaftspolitische Sprecherin. Detzer hat allerdings auch lobende Worte für Ministerin Reiche: „Gut ist, dass die Ministerin – mit einem Jahr Verzögerung – im Wesentlichen den Vorschlägen von Robert Habeck folgt, beim Industriestrompreis oder der Kraftwerksstrategie.“

Auch Janine Wissler, wirtschaftspolitische Sprecherin der Linken, vermisst Wegweisendes im Jahresbericht des Ministeriums: „Der Bericht gibt keine Antworten auf die drängenden Probleme und lässt eine industriepolitische Strategie vermissen“, rügt sie. Den Unternehmen stelle er zwar Verbesserungen von Bürokratieabbau bis Versorgungssicherheit in Aussicht, den Beschäftigten hingegen mache er kein Angebot außer mehr und längerer Arbeit. „Die ungleiche Verteilung wird ebenso ignoriert wie die Frage, wie die privaten Konsumausgaben als Teil der Binnenwirtschaft gestärkt werden können“, sagt Wissler unserer Redaktion.

In den Befunden des Berichts sei zwar einiges richtig. Die Schlussfolgerungen seien aber die falschen. „Wenn das Wachstum maßgeblich davon abhängt, ob es öffentliche Investitionen gibt und die Binnennachfrage anzieht, dann brauchen wir höhere Ausgaben für die Infrastruktur und ein höheres Lohnniveau“, fordert Wissler. Die Vorschläge der Ministerin gingen aber in eine ganz andere Richtung. Angesichts der schwierigen geopolitischen Lage und der anhaltenden Exportschwäche sei es dringend notwendig, die Binnennachfrage zu stärken – „anstatt darüber zu reden, wie man Leistungen des Staates kürzen und mehr Druck auf die Löhne machen kann.“ (Quellen: Eigene Recherchen, PK Jahreswirtschaftsbericht 2026, Sandra Detzer, Janine Wissler)

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