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Autonome Waffen und KI dominieren zunehmend das Kriegsgeschehen. Der Ukraine-Konflikt beweist: Technik entscheidet über Leben und Tod. Fachkreise warnen vor Gefahren.
München – Am Morgen des 24. Februar 2022 startete Russland die Invasion auf die Ukraine. Heute, drei Jahre später, ist der Ausgang dieses Krieges immer noch ungewiss. Doch fest steht: Bereits jetzt hat der Konflikt die moderne Kriegsführung für immer verändert. Was einst Science-Fiction war, ist heute brutale Realität – autonome Waffensysteme, die ohne menschliche Kontrolle töten können.
Moderne hybride Kriegsführung: Wenn Maschinen über Leben und Tod entscheiden
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut des Royal United Services Institute sind ukrainische taktische Drohnen für etwa zwei Drittel der russischen Verluste verantwortlich, wie Forbes berichtet. Die Drohnenattacken der ukrainischen Streitkräfte sind damit doppelt so effektiv wie alle anderen Waffensysteme zusammen – wie auch die kürzlich durchgeführte Spezial-Operation „Spider-Web“, bei der mithilfe von 117 Drohnen mehr als 41 strategische russische Bomber zerstört wurden, zeigt. Doch die Entwicklung geht weit über ferngesteuerte Drohnen hinaus. „Wir streben nach vollständiger Autonomie“, erklärt Mykhailo Fedorov, der 34-jährige stellvertretende Ministerpräsident der Ukraine und Minister für digitale Transformation, gegenüber The Guardian. „Unsere Modelle werden darauf trainiert, Ziele zu erkennen und Zielprioritäten zu verstehen.“
Ein Beispiel für diese neue Kriegsführung ist der ukrainische Gogol-M, eine Drohne mit 20 Fuß (etwa sechs Meter) Spannweite, die 200 Kilometer tief nach Russland fliegen kann. Dort angekommen, setzt sie zwei Angriffsdrohnen frei, die autonom den Boden nach geeigneten Zielen absuchen und sich dann in diese hineinstürzen. Menschliche Kontrolle beschränkt sich darauf, der Drohne beizubringen, welche Art von Ziel sie zerstören soll.
Europa rüstet auf: Kampfjets ohne Piloten – Deutsche Unternehmen entwickeln Roboterpanzer
Auch Europa steht kurz vor einem Durchbruch in der autonomen Kriegsführung. Das deutsche Verteidigungsunternehmen Helsing, Europas wertvollstes Rüstungs-Start-up, ließ seine Software bereits die Kontrolle über einen schwedischen Gripen E-Kampfjet übernehmen, wie die Financial Times berichtet. „Die Einführung der Software durch Luftstreitkräfte in realen Situationen ist eine Frage von Jahren, nicht von Jahrzehnten“, sagte Stephanie Lingemann, Senior Director der Luftfahrtabteilung von Helsing gegenüber der Financial Times. „Wir erwarten es in diesem Jahrzehnt.“ Zum Vergleich: Während die besten menschlichen Kampfpiloten und -pilotinnen während ihrer Laufbahn etwa 5.000 Flugstunden sammeln können, benötigte Helsings Centaur-KI-System nur 72 Stunden, um eine Million Stunden Erfahrung zu sammeln.
Auch am Boden schreitet die Automatisierung voran. Der Augsburger Rüstungszulieferer Renk arbeitet zusammen mit dem KI-Spezialisten Arx Robotics an selbstfahrenden Panzern, berichtet das Handelsblatt. „Autonome Fortbewegung wird für künftige Panzermodelle eine Grundanforderung der Auftraggeber sein“, erklärt Alexander Sagel, Chef der Renk Group AG – einem Hersteller für Panzerantriebsysteme mit Sitz in Augsburg – in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Rüstungshersteller rechne zudem mit einem „Auftragsboom“.
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Schwarmtechnologie: Wenn Roboter zusammenarbeiten
Arx Robotics, 2021 von ehemaligen Bundeswehroffizieren gegründet, entwickelt bereits autonome, unbemannte Fahrzeuge unter dem Namen Gereon. Das Unternehmen produziert derzeit „einige Hundert Systeme pro Jahr“ in Werken in Kiew und München, mit Plänen zur Steigerung auf „über tausend Systeme“ durch ein neues Werk in Großbritannien. Besonders beunruhigend ist die Entwicklung von Schwarmtechnologie. „Wir testen auch einige autonome Drohnen, die wir nicht angekündigt haben und wahrscheinlich auch nicht ankündigen werden, aber sie haben einen hohen Grad an Autonomie und können sich möglicherweise zu Schwärmen zusammenschließen“, erklärte Fedorov gegenüber The Guardian.
Schwarmtechnologie bedeutet, dass mehrere Drohnen zusammenarbeiten, um Ziele zu eliminieren – ein Rudel von Raubtieren, das gemeinsam einen Plan entwickelt, Fluchtwege abschneidet und während der tödlichen Mission miteinander kommuniziert. Serhii „Flash“ Beskrestnov, ein ukrainischer Militärexperte, beobachtete bereits russische V2U-Drohnen beim Schwarmflug: „Wie Tauben fliegen sie auf verschiedenen Ebenen. Für uns ist das Hauptproblem, dass wir nicht verstehen, wie wir gegen sie vorgehen können. Die Störsender funktionieren nicht.“
Töten per Mausklick: Ethische Bedenken und internationale Regulierung
Die rasante Entwicklung autonomer Waffensysteme wirft fundamentale ethische Fragen auf. „Sollten Algorithmen jemals entscheiden dürfen, wer lebt und wer stirbt?“, fragte Musa Kabba, Außenminister von Sierra Leone, bei einem UN-Beratungstreffen zu tödlichen autonomen Waffen. Seit acht Jahren treffen sich Diplomaten und Diplomatinnen unter der Schirmherrschaft der UN-Konvention über bestimmte Waffen in Genf, um über internationale Regulierung zu diskutieren. Bisher ohne Erfolg. Sie konnten sich nicht einmal auf eine Definition tödlicher autonomer Waffen einigen, geschweige denn darauf, was verboten oder reguliert werden sollte.
Etwa 120 Länder unterstützen einen neuen Vertrag ähnlich der Ottawa-Konvention – dem Anti-Personenminen-Verbot der Vereinten Nationen von 1997. UN-Generalsekretär António Guterres bezeichnete autonome Waffen als „bestimmendes Thema unserer Zeit“ und forderte, bis 2026 ein rechtsverbindliches Instrument zu verabschieden.
Die Zukunft der Kriegsführung: Terrorismus-Risiko und Sicherheitsbedenken
Anton Skrypnyk, Geschäftsführer des ukrainischen Unternehmens Roboneers, warnt derweil vor den Sicherheitsrisiken: „Alle diese Kontrollen, die wir an Flughäfen durchlaufen, sind bereits völlig nutzlos. Man muss keine Bombe ins Flugzeug bringen. Man kann einfach draußen mit der Drohne warten.“ Skrypnyk weiter: „Man kann einfach in einen Flughafen fliegen, 100 Drohnen, 1.000 Drohnen, im automatischen Modus. Diese Drohnen werden keine Angst vor Störsendern haben, also ist jeder Schutz, der keine physische Zerstörung beinhaltet, nutzlos.“
Während die internationale Gemeinschaft noch über Regulierung diskutiert, schreitet die technologische Entwicklung unaufhaltsam voran. Das Pentagon-Programm „Replicator 1“ soll bis August 2025 „mehrere Tausend“ autonome Systeme aller Bereiche liefern. China entwickelt die Jiu Tian, eine Mutterschiff-Drohne, die in 15.240 Metern Höhe fliegen und bis zu 100 autonome Drohnen transportieren kann. „Es gibt keine Technologie, die länger als drei Monate als wirksame Maßnahme gegen etwas überlebt“, sagt Viktor Sakharchuk, Mitbegründer von Twist Robotics, einem ukrainischen Drohnenhersteller.
Die Bundeswehr plant bis 2035 mehrere Tausend neue Panzerfahrzeuge zu bestellen, von denen ein Teil zumindest teilweise autonom fahren soll. Auch Rheinmetall und BAE Systems arbeiten an autonom fahrenden Gefechts- und Begleitfahrzeugen. Die Frage ist also nicht mehr, ob autonome Waffen kommen werden, sondern ob die Menschheit rechtzeitig Regeln für ihren Einsatz findet, bevor es zu spät ist. Die aktuellen Entwicklungen geben genügend Grund zu grübeln, während bei vielen Aktienhalter bei Rüstungsunternehmen die digitalen Kassen klingeln. Wie Albert Einstein einst sagte: „Ich weiß nicht, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg geführt wird, aber der vierte wird mit Stöcken und Steinen geführt.“ (ls)
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