Kreml-Chef muss Deal zustimmen

In Putins Hand: Warum westliche Banken nicht aus Russland wegkommen

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Noch immer sind einige westliche Banken in Russland aktiv. Aktuelle Beispiele zeigen, wie schwierig es fällt, die Geschäfte abzuwickeln.

Moskau – Russland den Rücken zu kehren, soll teuer werden. So will es Wladimir Putin. Deshalb erschwert der Kreml-Chef westlichen Unternehmen den Verkauf der Geschäfte in seinem Reich, um den Rückzug antreten zu können. Die seit einiger Zeit geltenden Vorgaben umfassen nicht nur eine Genehmigung Putins, sobald die Verkaufssumme über 50 Milliarden Rubel liegt. Obendrein muss der Verkaufspreis 60 Prozent unter dem Marktwert liegen und eine sogenannte „Ausstiegssteuer“ von 35 Prozent des Marktwertes an den russischen Staatshaushalt geleistet werden.

Weiß, was er an den westlichen Banken in seinem Land hat: Kreml-Chef Wladimir Putin kann unter anderem auf Unicredit bauen.

Was Moskaus Machthaber damit bezweckt, ist nicht schwer zu erraten: Die nach wie vor in seinem Land tätigen Unternehmen des Westens sollen dabei helfen, die Wirtschaft über Wasser zu halten und die Kasse klingeln lassen, aus der sein Ukraine-Krieg bezahlt wird. Damit kann das Geld also auch verwendet werden, um den Westen zu treffen, der Kiew im Abwehrkampf unterstützt. Zudem bietet sich so auch die Gelegenheit, die Sanktionen zu umgehen.

Westliche Banken in Russland: Putin und Geldinstitute können profitieren

Dies trifft etwa auf zwei der wenigen im Land verbliebenen Geldinstitute aus dem Westen zu: Unicredit aus Italien und Raiffeisen Bank International (RBI) aus Österreich. Beide sind von den Sanktionen ausgenommen und deshalb noch an den internationalen Zahlungsdienstleister SWIFT angeschlossen, wodurch internationale Transaktionen vereinfacht werden, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ).

In dem Artikel wird aufgezeigt, warum Putin die Finanzinstitute nicht gehen lassen will, diese davon aber auch profitieren können. So könnte der 72-Jährige diese westlichen Vermögenswerte als Faustpfand einsetzen, falls die EU die eingefrorenen Reserven der russischen Zentralbank als Sicherheit für einen Kredit an die Ukraine nutzen sollte.

Nawalny verlängert die Liste der Opfer Putins – ein Überblick

Alexej Nawalny
Alexej Nawalny war über Jahre der markanteste Kopf der russischen Opposition. Schon früh prangerte der Rechtsanwalt das Machtlager von Präsident Wladimir Putin offen als „Partei der Gauner und Diebe“ an.  © Andrei Zhilin/afp
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin.
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin. © Anatoly Maltsev / dpa
Alexej Nawalny
2013 trat er als Bürgermeisterkandidat in Moskau an und erreichte mit 27 Prozent der Stimmen den zweiten Platz. Später organisierte er Massenproteste im ganzen Land, besonders aber in Moskau. 2018 wollte Nawalny selbst Präsident werden, doch die Justiz schob ihm einen Riegel vor. Wiederholt wurde er wegen Betrugs- und Diebstahlsvorwürfen vor Gericht gestellt und verurteilt. © Kirill Kudryavtsev/afp
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei.
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei. © Valentina Svistunova / dpa
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro.
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro. © Evgeny Feldman / dpa
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden.
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden. © Jean-Francois Badias / dpa
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen.
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen. © Alexander Demianchuk / Imago
Alexej Nawalny
Im August 2020 brach Nawalny bei einer Reise zusammen und fiel ins Koma. Grund war eine Vergiftung mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok, wie Untersuchungen an der Charité in Berlin bewiesen. © Instagram account @navalny/afp
Alexej Nawalny
Im Januar 2021 kehrte Nawalny nach Russland zurück, wo er erneut vor Gericht gestellt und unter anderem wegen angeblichem „Extremismus“ zu 19 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Im Dezember 2023 folgte die Verlegung in ein Lager hinter dem Polarkreis. Am 16. Februar 2024 starb Nawalny nach Justizangaben in dem Straflager. Er sei nach einem Hofgang zusammengebrochen, teilte die Gefängnisverwaltung mit.  © Vera Savina/afp
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben. Weltweit wird um den Kreml-Kritiker getrauert. © IMAGO/Vuk Valcic / ZUMA Wire
Jewgeni Prigoschin
Jewgeni Prigoschin war in Russland als skrupelloser Unternehmer mit krimineller Vergangenheit bekannt. Er und Putin kannten sich lange. Als der heutige Präsident noch in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb war Prigoschin, der mehrere Jahre wegen Raubs in Haft saß, auch als „Putins Koch“ bekannt. Niemand sonst in Russland traute sich solche Kritik wie Prigoschin © ITAR-TASS/Imago
Jewgeni Prigoschin
Über Monate hinweg legte sich Jewgeni Prigoschin mit der Militärführung in Moskau an. Immer wieder warf der Chef der russischen Privatarmee Wagner dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab der Armee vor, Präsident Wladimir Putin zu belügen. Mit einem bewaffneten Aufstand seiner Privatarmee forderte Prigoschin aber auch Putin selbst heraus. © Sergey Pivovarov/Imago
Jewgeni Prigoschin
Nach seinem gescheiterten Aufstand sahen Fachleute den Söldnerchef aber dem Tode geweiht. Kremlchef Putin hatte die Kämpfer um seinen Ex-Vertrauten als Verräter bezeichnet. Tatsächlich starb Prigoschin zwei Monate nach seiner Meuterei gegen die russische Staatsmacht im August 2023 bei einem Flugzeugabsturz in Russland. © Imago
Boris Nemzow
Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow galt als einer der schillerndsten und mutigsten Politiker Russlands. Feinde machte er sich vor allem mit seiner Kritik an der Ukraine-Politik von Kremlchef Wladimir Putin. Er wurde zur Galionsfigur der zersplitterten Opposition und galt als Unterstützer der Richtung Westen strebenden Ukraine. © Oxana Onipko/afp
Boris Nemzow
Nemzow wurde im Februar 2015 durch mehrere Schüsse in den Rücken aus einem Auto heraus erschossen. Der Mord wirft noch immer viele Fragen auf. Die EU drängte Russland wiederholt dazu, den Fall weiter aufzuklären. Ein Gericht in Moskau verurteilte 2017 den mutmaßlichen Mörder und vier Komplizen aus dem Nordkaukasus zu langen Haftstrafen. Nemzows Familie beklagte, dass nach den Drahtziehern nie wirklich gesucht worden sei. © afp
Boris Nemzow
In den 1990er Jahren hatte sich Nemzow als liberaler Reformer in Russland einen Namen gemacht. Präsident Boris Jelzin (rechts im Bild) holte ihn einst in die Regierung nach Moskau. Nemzow war zeitweilig auch als Präsidentenanwärter gehandelt worden. „Ich bin liberal, was Wirtschaftsfragen angeht, aber für eine starke Staatsmacht in der Politik“, sagte er einmal. © TASS/afp
Alexander Litwinenko
Der Putin-Kritiker Alexander Litwinenko starb im November 2006 in London nach einem Anschlag mit dem radioaktiven Gift Polonium 210. Einem Untersuchungsbericht zufolge soll ihm das Strahlengift in einem Londoner Hotel in den Tee gemischt worden sein. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit siechte Litwinenko tagelang dahin. Vom Krankenhausbett beschuldigte er Putin, hinter dem Anschlag zu stecken. Die britische Justiz sieht es ebenfalls als bewiesen an, dass die Spur in hohe politische Kreise in Moskau führt. Russland weist dies zurück. © Sergei Kaptilkin/dpa
Anna Politkowskaja
Die Journalistin Anna Politkowskaja machte sich als Kritikerin der Kriege in Tschetschenien einen Namen. Die Mitarbeiterin Oppositionszeitung Nowaja Gaseta berichtete über Kriegsverbrechen der russischen Armee und der verbündeten tschetschenischen Gruppen und sprach von einem „schmutzigen Krieg“. Häufig musste sie sich gegen Drohungen wehren. Am 7. Oktober 2006 wurde sie vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Politkowskajas Familie vermutet ein politisches Motiv für die Tat.  © Imago
Boris Beresowski
Die Serie von mitunter rätselhaften Todesfällen, hinter denen russische staatliche Stellen vermutet werden, ist noch sehr viel länger. Der Oligarch Boris Beresowski (Mitte) fiel nach dem Machtantritt Putins in Ungnade und floh nach Großbritannien. Am 23. März 2013 wurde Beresowski tot im Bad seines Hauses in Ascot gefunden.  © Shaun Curry/afp
Pawel Scheremet
Im Juli 2016 kam der russische Exil-Journalist Pawel Scheremet in Kiew durch eine Autobombe ums Leben. Scheremet engagierte sich während der Maidan-Proteste 2013/2014 in Kiew aufseiten der prowestlichen Kräfte und wurde später Redakteur beim renommierten Internetportal Ukrainskaja Prawda. © Dmytro Larin/afp
Denis Woronenkow
2017 wurde der abtrünnige russische Abgeordnete Denis Woronenkow auf offener Straße in Kiew erschossen. Auch sein Fall wurde nie aufgeklärt. © ITAR-TASS/Imago
Sergej Magnizki
Sergej Magnizki starb 2009 unter ungeklärten Umständen in einem Moskauer Gefängnis. Angeblich wurde der Anwalt, der nach eigenen Angaben einen Steuerbetrug aufgedeckt hatte, zu Tode geprügelt. Medizinische Hilfe wurde im verweigert.  © HO/Hermitage Capital Management/afp
Baburowa/Markelow
Die Journalistin Anastassija Baburowa und der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow wurden 2009 auf der Straße in Moskau erschossen. Für die Tat wurden ein Rechtsextremist und eine Komplizin zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten ihre Schuld bestritten. © ITAR-TASS/Imago
Natalia Estemirowa
Die Menschenrechtlerin Natalia Estemirowa wurde 2009 in der Konfliktregion Nordkaukasus erschossen aufgefunden. Mit Berichten über das Verschwinden von Zivilpersonen in dem Gebiet hatte sie sich wiederholt den Zorn der Machthaber zugezogen. © Memorial/afp
Sergej Juschenkow
Eines der ersten Todesopfer war Sergej Juschenkow. Der Duma-Abgeordnete wurde im April 2003 in Moskau erschossen. Juschenkow war der Staatsführung ein Dorn im Auge, wenngleich der Politiker über wenig Macht und Einfluss verfügte.  © Roman Mukhamedzanov/Vremya Novos/afp

Bei den Banken würde andererseits infolge von Filialschließungen und Personalabbau der Aufwand massiv sinken. So könnten sie in Russland profitabler wirtschaften als im Westen. Hinzu komme, dass sie von den hohen Zinsen der Zentralbank profitieren, wenn das Geld dort deponiert wird, selbst nur geringe Einlagezinsen bezahlen müssen und wie etwa Unicredit massiv die Gebühren erhöhen.

Unicredit in Russland: Geplante Übernahme von Mailänder Bank platzt überraschend

Im Westen wird das Treiben kritisch beobachtet. Und es bleibt nicht ohne Folgen. Im Sommer zog Unicredit die geplante Übernahme der Mailänder Regionalbank Banco BPM trotz bereits erteilter Genehmigung durch die EU-Kommission zurück. Der Schritt erfolgte offenbar auf Druck aus Rom, denn die italienische Regierung soll Bedenken wegen des Russlands-Geschäfts vorgebracht und die sogenannte „Golden Power“-Regel genutzt haben, die ein Veto erlaubt.

Kurz zuvor hatte Unicredit noch mitgeteilt, dass die Präsenz in Russland keinen Konflikt zu internationalen Positionen darstelle. Alle Gesetze und auch die Rahmen der Sanktionen würden eingehalten. Die Aktivitäten in Russland seien „seit Beginn des Konflikts im Wesentlichen eingestellt und schneller abgewickelt worden als bei allen ähnlichen Unternehmen“. Das Geschäft sei vollständig vom Rest der Gruppe abgetrennt.

Zeichen des Russlands-Geschäfts: In einem Einkaufscenter in Samara stehen Bankautomaten der Raiffeisen Bank International und von Unicredit. (Archivbild)

Raiffeisen in Russland: Verkauf vorerst gescheitert – wohl wegen Putin-Bedenken

Über RBI berichtet die internationale Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf zwei mit der Situation vertraute Personen, die Bank sei bei einem weiteren Versuch gescheitert, einen Anteil an ihrem Russland-Geschäft zu verkaufen. Einer der beiden Quellen zufolge hätten russische Beamte den Deal abgelehnt, da befürchtet werde, ein russischer Käufer würde westliche Sanktionen über sich ergehen lassen müssen.

Ein Sprecher der Bank bestätigte demnach: „RBI verhandelt über einen Verkauf der russischen Tochtergesellschaft.“ Allerdings könnte kein Zeitrahmen genannt werden, „da zahlreiche behördliche Genehmigungen erforderlich sind, darunter auch die der russischen Behörden“. Dem Bericht zufolge erhofft sich RBI durch den Verkauf auch, dass Moskau danach einen bislang zurückgehaltenen Milliardengewinn aus dem Geschäft freigeben würde. Eine Rolle dürfte aber auch der zunehmende Druck aus den USA und aus der EU spielen.

ING in Russland: Deal mit Käufer verzögert sich und wird zum Minusgeschäft

Auch die niederländische ING bemüht sich darum, ihr Russland-Geschäft zu beenden. Ende Januar war eine Einigung über den Verkauf an das russische Unternehmen Global Development JSC vermeldet worden. Dabei werde ein Verlust von 700 Millionen Euro nach Steuern erwartet. Doch der Deal verzögert sich. So hieß es Ende September, da der Käufer nicht alle erforderlichen Genehmigungen erhalten habe, sei ein Abschluss anders als ursprünglich geplant im dritten Quartal unrealistisch.

Die Bemühungen sollen fortgesetzt werden. Die finanziellen Auswirkungen werden sich nicht wesentlich ändern. Russland zu verlassen, ist also alles andere als lukrativ. Die Regeln bestimmt Putin. Das bekommen auch die europäischen Banken zu spüren. (Quellen: FAZ, Unicredit, Reuters, ING) (mg)

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