Russland: Putins Kriegs-Wirtschaft stößt an ihre Grenzen
VonRichard Strobl
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Russlands Rüstungssektor wächst nicht mehr. Löhne sinken erstmals seit Kriegsbeginn. Ein Wendepunkt für Putins Wirtschaft?
Moskau – Eine neue Studie zeigt, dass sich signifikante Veränderungen im russischen Rüstungssektor abzeichnen. Wladimir Putin hat die russische Wirtschaft seit Beginn des Ukraine-Kriegs auf Kriegsproduktion umgestellt. Doch diese Umstellung bringt auch Herausforderungen mit sich. Aktuell stößt man wohl an seine Grenzen.
Russlands Rüstungsindustrie erlebte seit Kriegsbeginn ein exponentielles Wachstum, das vor allem durch staatliche Investitionen befeuert wurde. Dies führte zu einem Anstieg der Beschäftigung und der Löhne, was wiederum die Inflation anheizte. Doch mittlerweile scheint dieser Prozess an seine Grenzen gestoßen zu sein. „Weiteres Wachstum ist schwierig, da Werkstätten, Produktionslinien und Lieferketten ihre Grenzen haben“, erklärt der Verteidigungspolitikexperte Pavel Luzin gegenüber Novaya Gazeta.
Russlands Wirtschaft hat „Wendepunkt“ überschritten – Wandel im Rüstungssektor
Die Löhne im Rüstungssektor sind nun erstmals seit der Invasion gesunken, wie eine Analyse des russischen Exilmediums zeigt. Dies liegt vor allem daran, dass die wirtschaftliche Expansion im Kriegssektor durch ökonomische Einschränkungen gebremst wird. Bereits im März sprach Russlands stellvertretender Minister für Industrie und Handel, Wassili Osmakow, von einem „Wendepunkt“, den die russische Kriegswirtschaft erreicht habe.
Die Duma hatte noch 2024 befürchtet, dass „in naher Zukunft“ bis zu 400.000 Fachkräfte im Rüstungssektor fehlen könnten. Doch entgegen dieser Prognose sank der Bedarf an Arbeitskräften bis August 2025 auf ein Rekordtief seit Kriegsbeginn. Die Löhne im Rüstungssektor stiegen nicht mehr, während die Durchschnittslöhne in Russland weiter anstiegen. Mittlerweile sind die Löhne im Rüstungssektor sogar gesunken.
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern
Die Analyse führt dies darauf zurück, dass der Rüstungssektor vor dem Krieg nicht voll ausgelastet war. Mit den staatlichen Aufträgen wurde die Produktion hochgefahren, was zu einem Anstieg der Löhne führte. Doch nun ist die maximale Auslastung erreicht. Um die Produktion weiter zu steigern, wären neue Anlagen und Maschinen erforderlich, was jedoch kostspielig und logistisch herausfordernd ist.
Finanzielle Engpässe und Inflation schränken staatliche Möglichkeiten ein, allen Rüstungsunternehmen subventionierte Kredite für den Ausbau zu gewähren. Putin konzentriert sich daher auf die Produktion von Drohnen und Raketen, die an der Ukraine-Front am dringendsten benötigt werden. Diese Fokussierung führt dazu, dass andere Hersteller, wie Panzer- oder Flugzeughersteller, ihre Kapazitäten nicht erweitern.
Panzerhersteller seien aktuell mit der Reparatur und Modernisierung bestehender Fahrzeuge beschäftigt, anstatt neue zu produzieren, heißt es in der Analyse. „Doch selbst die Vorkriegsreserven gehen bereits zur Neige – das zeigt sich an der Verringerung der Lieferungen an die Front“, berichtet ein Analyst der in Georgien ansässigen Open-Source-Geheimdienstorganisation Conflict Intelligence Team (CIT).
Russlands Wirtschaft schwächelt: Rückschlüsse für NATO?
Für die Ukraine-Front hat dies aus russischer Sicht bisher keine gravierenden negativen Auswirkungen. Russland hat seine Taktik angepasst und setzt vermehrt auf Drohnen und Infanterie, während die Produktion von Kampfjets die Verluste ausgleicht. Eine schnelle Ausweitung der Produktion im militärischen Sektor außerhalb von Drohnen und Raketen scheint derzeit nicht möglich, da erst neue Fabriken gebaut werden müssten. Der Kreml sieht darin offenbar keinen Sinn oder hat nicht die Mittel, um die Produktion auszuweiten. Ein Angriff auf die NATO erscheint vor diesem Hintergrund eher unwahrscheinlich.
Das Institute for the Study of War (ISW) bewertet die Situation folgendermaßen: „Russlands Schwerpunkt auf den Ausbau des militärisch-wirtschaftlichen Komplexes während des Krieges hat teilweise zu vielen der aktuellen wirtschaftlichen Probleme des Landes geführt, wie etwa der Inflation. ISW geht weiterhin davon aus, dass die russische Regierung Investitionen in diesem Bereich zu sehr priorisiert und andere Sektoren vernachlässigt und dass die russische Wirtschaft weiterhin unter der Last des Krieges in der Ukraine schwächelt.“ (Verwendete Quellen: Novaya Gazeta, Institute for the Study of War, Moscow Times)